Gleichstellung

Frauenanteil in der Wissenschaft in Deutschland weit hinter EU-Durchschnitt

Frau im Labor
Je höher die Karrierestufe in der Wissenschaft, desto dünner ist die Luft für Frauen. Das gilt EU-weit, aber besonders für Deutschland. Wir Grüne im Bundestag haben bei der Bundesregierung nachgefragt und sehen weiterhin klare Förder- und Forschungslücken. Corbis
16.08.2019
  • Die Zahlen aus unserer kleinen Anfrage zeigen, wie sehr Deutschland im Vergleich mit anderen EU-Mitgliedstaaten bei der Gleichstellung von Frauen in der Wissenschaft hinterherhinkt.
  • Ein Kulturwandel zugunsten von Frauenkarrieren ist überfällig. Die bestehenden Programme haben Deutschlands Rückständigkeit in der Frage der Gleichstellung von Frauen in der Wissenschaft nicht beseitigt.
  • Wir Grüne im Bundestag fordern das Hinsteuern auf 40 Prozent Frauenanteil in allen Ebenen der Wissenschaft und Forschung

Je höher die Karrierestufe in der Wissenschaft, desto dünner ist die Luft für Frauen. Das gilt EU-weit, aber besonders für Deutschland. Hierzulande werden weiterhin alle Karrierestufen in der Wissenschaft – sei es bei den Promovierenden, den Professuren oder den Frauen in Führungspositionen in Hochschulinstitutionen – von noch mehr Männern besetzt als im EU-Durchschnitt.

Unter den Forschenden liegt der Frauenanteil im EU-Durchschnitt bei 33,4 Prozent, in Deutschland bei gerade mal 28 Prozent. Von den Professuren in Deutschland sind nur ein Viertel von Frauen besetzt.

Die Zahlen aus der kleinen Anfrage, die wir Grüne im Bundestag an die Bundesregierung gerichtet haben, zeigen, wie sehr Deutschland im Vergleich mit anderen EU-Mitgliedstaaten bei der Gleichstellung hinterherhinkt. Und sie bestätigen erneut: Deutschland hat Nachholbedarf.

Viel zu viele kluge Frauen verabschieden sich nach der Promotion aus der Wissenschaft

Mängel bei der Familienfreundlichkeit, Männer-Netzwerke, männlich geprägte Leistungsdefinitionen und Verhaltenscodes sind Ursache dafür, dass sich viel zu viele kluge Frauen nach der Promotion aus der Wissenschaft verabschieden. So herrschen starke fachliche Unterschiede, zum Beispiel werden lediglich 19 Prozent der ingenieurswissenschaftlichen Promotionen in Deutschland von Frauen abgeschlossen. Der EU-Durchschnitt liegt bei 29 Prozent.

Trotz dieser alarmierenden Ergebnisse setzt die Bundesregierung hauptsächlich auf bereits existierende Instrumente wie dem Professorinnenprogramm, der Exzellenzstrategie und den Hochschulpakt (künftig Zukunftsvertrag Studium und Lehre). Genuin neue Initiativen wie die Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen im Bereich der KI-Forschung beschrieben die Bundesregierung in der kleinen Anfrage eher vage. Diese Untätigkeit spiegelt sich auch im winzigen jährlichen Zuwachs des Frauenanteils bei den Professuren der letzten Jahre von durchschnittlich nur 0,7 Prozentpunkten wider.

Echte Strategie zur Erhöhung des Frauenanteils lässt auf sich warten

Eine echte Strategie zur Erhöhung des Frauenanteils lässt aber auf sich warten. Aus den Antworten auf unsere kleine Anfrage jedenfalls kann man kaum neue Ideen, geschweige denn eine echte Strategie herauslesen. Und ob bestehende Maßnahmen wirksam sind, bleibt auch im Dunkeln. Denn außer der Evaluation des Professorinnenprogramms betreibt die Bundesregierung keine Wirkungsforschung. Außerdem weist die amtliche Statistik eine Datenlücke für die Post-Doc-Phase auf. In der Phase wird die Vereinbarkeit von Familie und wissenschaftlicher Tätigkeit immer herausfordernder und Frauen verlassen die Wissenschaft am häufigsten. Ein politisches Monitoring wäre hier also besonders wichtig. „Ein Kulturwandel zugunsten von Frauenkarrieren ist überfällig, ebenso eine kritische Wirkungsforschung. Denn die bestehenden Programme haben Deutschlands Rückständigkeit in der Frage der Gleichstellung von Frauen in der Wissenschaft nicht beseitigen können“, sagt Kai Gehring.

Grüne Forderungen zur Gleichstellung von Frauen

Wir Grüne im Bundestag fordern stattdessen im Antrag zu Chancengerechtigkeit in der Wissenschaft echte Maßnahmen zur Gleichstellung. Die drei Kernforderungen sind:

  • Das Hinsteuern auf 40 Prozent Frauenanteil in allen Ebenen der Wissenschaft und Forschung. Dafür sind sowohl belohnende als auch sanktionierende Maßnahmen wichtig und angebracht und sollten endlich ernsthaft erwogen werden.
  • Eine verbindliche Gestaltung des Kaskadenmodells. Das Kaskadenmodell sieht vor, dass die Anteile von Wissenschaftlerinnen in den jeweiligen Karrierestufen den Anteil der darunter liegenden Qualifikationsstufe erreicht.
  • Die Einführung eines an das Professorinnenprogramm angelehntes Programm für Nachwuchswissenschaftlerinnen.