Demografiekonferenz

Gemeinsam für Morgen

Anlässlich ihrer Demografie-Konferenz hat die grüne Bundestagsfraktion die Autorin und Poetry Slammerin Svenja Gräfen gebeten ihre Gedanken zum Thema Demografie auf die Bühne zu bringen.
20.02.2017

Auf der Demografiekonferenz am 10. Februar 2017 stellte Doris Wagner MdB, Sprecherin für Demografiepolitik, das in der grünen Bundestagsfraktion erarbeitete Demografiekonzept vor. Der demografische Wandel ist in vollem Gange: Während die Zahl der älteren Menschen stetig zunimmt, werden Kinder und Jugendliche weniger.

Dass unsere Bevölkerung trotzdem wächst, liegt daran, dass wir länger leben und Menschen nach Deutschland einwandern. Familien werden bunter, Lebensverläufe bewegter. In vielen Städten feiern Kinder nicht nur das Weihnachts- sondern auch das Zuckerfest gemeinsam. In manchen ländlichen Regionen hingegen treffen Kinder andere Gleichaltrige nur noch in der Schule der nächsten Stadt und nicht mehr vor der Tür im Dorf.

Unsere Gesellschaft steuert auf einen Fachkräftemangel zu. Gleichzeitig wünschen sich mehr Menschen größere Zeitsouveränität. Der demografische Wandel ist voller Gegensätze und eine der größten Gestaltungsaufgaben unserer Zeit. Welche Weichen muss Politik für ein gutes Leben vor dem Hintergrund der demografischen Veränderungen stellen?

Kindern und Jugendlichen eine Stimme geben

Prof. Waldemar Stange, Experte in Sachen Kinder- und Jugendbeteiligung, betonte, dass „gerade in ländlichen Regionen, die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen an Bedeutung verlieren, da dort der demografische Wandel eine besondere Qualität hat.“ Dort altert die Gesellschaft besonders stark, Kinder und Jugendliche sind eine kleiner werdende Gruppe.

Politische Landjugend

Damit junge Menschen trotzdem gehört werden, möchte die grüne Bundestagsfraktion ihre Beteiligung stärken. Dies fordert auch Prof. Stange: „Man muss den Jugendlichen etwas zutrauen und selbst etwas risikofreudiger sein“. „Wichtig ist, Jugendliche nicht auf Spielwiesen zu schicken, sondern sie ernst zu nehmen, nicht zu unterfordern und dafür zu sorgen, dass ihre Beteiligung zu echter politischer Veränderung führt. Jugendbeteiligung ist sinnvoll, machbar und macht Spaß.“

Mit mehr Zeit durch die Rush-hour des Lebens

Viele Menschen empfinden die Zeitknappheit in der Rush-hour des Lebens als große Belastung. Familiengründung, Karriere und Pflege der Eltern müssen unter einen Hut gebracht werden. Gleichzeitig sorgt die demografische Entwicklung dafür, dass der Druck auf diese schrumpfende Gruppe steigt.

Immer weniger Menschen müssen den gesellschaftlichen Wohlstand erwirtschaften.
Erschwert durch einen Fachkräftemangel, der in unterschiedlichen Branchen und Regionen unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Viele Menschen wünschen sich in dieser Phase mehr zeitliche Flexibilität. Deshalb hat die grüne Bundestagsfraktion vier Modelle entwickelt, die Menschen „Zeit“ geben: die Flexible Vollzeit, die KinderZeitPlus, die PflegeZeitPlus und die BildungsZeitPlus.

Homeoffice statt Präsenzkultur

Stefanie Lohaus, Herausgeberin des Missy Magazins und selbst mitten in der Vereinbarkeitsakrobatik wünscht sich, dass der „Club der Zeitmillionäre kein elitärer Club bleibt.“ Damit das gelingt ist eine neue gleichberechtigte partnerschaftliche Verteilung von Zeit erforderlich und neue Arbeitszeitmodelle. Dabei so Lohaus, „müssen wir wegkommen von unsinniger Präsenzkultur. Und dazu gehören mehr Ideen als das Homeoffice.“ Doch „Arbeitszeit ist nicht nur zwischen den Geschlechtern ungleich verteilt, sie ist es auch zwischen den Menschen verschiedener gesellschaftlicher Schichten und zwischen verschiedenen Ländern.“

50 fühlt sich längst nicht alt.

Jahrzehntelang wurden ältere Beschäftigte innerbetrieblich aufs Abstellgleis verschoben, bei Neueinstellungen diskriminiert und durch eine Frühverrentungspraxis aus dem Arbeitsleben gedrängt. Die grüne Bundestagsfraktion möchte stattdessen gleichberechtigte Beschäftigte, egal wie alt sie sind. Aufgrund ihrer Erfahrung und aufgrund des Fachkräftemangels ist die Generation 50+ inzwischen stärker gefragt. Der Vorteil von altersgemischten Team wird vielerorts erkannt und gefördert.

Beratung für altersgerechtes Bauen

Doris Wagner sagte in ihrer Einführung, dass „die meisten Menschen sich wünschen, so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben zu können.“ Deshalb sei es wichtig, Menschen zu ermutigen, schon in der Lebensmitte darüber nachzudenken, was an ihrem Haus oder ihrer Wohnung baulich verändert werden muss, damit sie zuhause alt werden können. Dafür sind mehr Beratung zum altersgerechten Umbauen und entsprechende finanzielle Fördermöglichkeiten sinnvoll.

Dr. Hajo Schumacher konstatierte, dass es „häufig die Einsamkeit ist, die die Menschen in die Pflegeheime bringt - nicht Krankheit. Einsamkeit kostet sieben Lebensjahre.“ Er betont wie wichtig Sinnstiftung und Gemeinschaft für ein gutes Leben im Alter sind: „Menschen brauchen ein gemeinsames Ziel, einen gemeinsamen Sinn und eine gemeinsame Idee - das schafft Zusammenhalt im Alter.“

Fachkräftemangel in der Pflege

Dass der Fachkräftemangel im Pflegebereich doppelt zuschlägt, hängt an den geburtenstarken Jahrgängen, die langsam pflegebedürftig werden. Und es liegt daran, dass die Pflegekräfte selbst altern und der Nachwuchs aus den geburtenschwächeren Jahrgängen ausbleibt.

Hazal Temel ist frisch ausgebildete Pflegerin und legte den Fokus ihres Inputs auf den Mehrwert kultursensibler Pflege. „Nicht jeder Moslem trinkt keinen Alkohol und nicht jeder Christ geht jeden Sonntag in die Kirche – auch in der kultursensiblen Pflege darf man nicht pauschalisieren!“ Kultursensible Pflege ist nicht nur etwas für ältere Menschen mit Migrationshintergrund – bei jedem Menschen muss die individuelle Geschichte berücksichtigt werden, um die Bedürfnisse angemessen zu erfassen.

Seite 2: Weltcafé 1 Reiches Land - arme Kinder? Generationengerechtigkeit durch Bekämpfung von Kinderarmut

Die Zahl der Kinder, die in Deutschland in Armut leben, steigt. Fast zwei Millionen Jungen und Mädchen wachsen heute in Familien auf, die von staatlicher Grundsicherung leben. Überdurchschnittlich von Armut betroffen sind Kinder in Familien mit einem alleinerziehenden Elternteil oder mit mehr als zwei Kindern.

Über diese Herausforderung diskutierte Dr. Franziska Brantner MdB, Sprecherin für Kinder- und Familienpolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, mit Antje Funcke, Senior Project Managerin in der Bertelsmann Stiftung (Projekt „Familie und Bildung: Politik vom Kind aus denken“).

In der Diskussion wurde deutlich, dass das Ziel sein muss, allen Kindern und Jugendlichen gutes Aufwachsen und faire Teilhabechancen zu ermöglichen – unabhängig von der Herkunft, möglichen Fluchterfahrungen oder dem Geldbeutel der Eltern. Investitionen in Infrastruktur und Transferleistungen müssen deshalb klug kombiniert werden. Zudem muss auf vielen Ebenen (Bund, Länder, Gemeinden, Staat und Zivilgesellschaft) gleichzeitig angesetzt werden.

Sinnvoll wären zum Beispiel eine faire und einfach zugängliche Existenzsicherung für alle Kinder, die ihren tatsächlichen Bedarfen entspricht. Daneben sind Kitas mit einem guten Betreuungsschlüssel, qualifiziertem Personal sowie multiprofessionellen Teams notwendig. Aber auch im weiteren Lebenslauf der Kinder und Jugendlichen sind Zugänge zu qualitativ guten Schulen, Ausbildung und non-formalen Bildungswelten unerlässlich. Und schließlich müssen den Eltern Teilhabechancen und Handlungsspielräume eröffnet werden, damit sie ihre Kinder bestmöglich unterstützen können.

Entscheidend ist es dabei, endlich weg zu kommen von dem stigmatisierenden, defizitären Blick auf Familien in prekären Lebenslagen. Denn die allermeisten Familien – egal welcher Herkunft und ob mit oder ohne Fluchthintergrund – wollen das Beste für Ihre Kinder.

Seite 3: Weltcafé 2 Wir wollen mitreden! Beteiligung von Kindern und Jugendlichen

Kinder und Jugendliche haben das Recht beteiligt zu werden, wann immer es um sie geht. Und sie können dies auch. Dies hat Prof. Waldemar Stange in seinem Schlaglicht und später im Weltcafé eindrücklich vermittelt. Es ist nicht eine Frage von schwierigen Inhalten, viel mehr mangelt es an der Umsetzung und am Willen Erwachsener. Viele können sich schlicht nicht vorstellen, wie Mitwirkung von Kindern und Jugendlichen methodisch funktioniert und was sie für den weiteren Prozess und die Beteiligten bringt.

Klar war den Beteiligten, dass die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen Aufmerksamkeit, Zeit und Geld erfordert. Im Ergebnis sei dies aber eine lohnende Investition mit viel Wirkung. Während sich laut Prof. Stange die Mitbestimmung von Kindern in der Familie in den letzten Jahren deutlich verbessert hat, ist sie in der Lebenswelt Schule weiterhin unterentwickelt.

Schulen sind weitgehend demokratiefreie Räume und das, obwohl sie über gute Bedingungen verfügen (die Kinder verbringen viel Zeit in der Schule, es gibt Räume, Material und Personal etc.). Ähnlich schlecht ist die Beteiligung im öffentlichen Raum und in anderen Lebenswelten von Jungen und Mädchen. Schwierig gestaltet sich der Zugang für benachteiligte Gruppen. Fast gänzlich verwehrt ist er vielen Behinderten, wie eine hörbehinderte Teilnehmerin berichtete. Für Erwachsene gibt es in fast allen Lebensbereichen Mitwirkungsmöglichkeiten. Für Kinder und Jugendliche sind diese eher Mangelware. Es fehlt ein Gesamtkonzept der Partizipation.

Weitgehend einig waren sich die TeilnehmerInnen des Weltcafés dahingehend, wie viel Überzeugungsarbeit noch zu leisten ist. Große Unterstützung fand die Forderung, das Wahlalter herabzusetzen, wenngleich man sich über das „wie weit“ uneinig war. Ebenso wichtig war vielen TeilnehmerInnen, die Rechte von Kindern zu stärken oder einen Bundeskinderbeauftragten zu berufen.

Seite 4: Weltcafé 3 Bildungsgerechtigkeit in der Einwanderungsgesellschaft

Özcan Mutlu MdB, Sprecher für Bildungspolitik, hat sich gemeinsam mit Ellen Kollender von der Helmut Schmidt Universität Hamburg darüber ausgetauscht, was Bildungsinstitutionen leisten müssen, um allen hier lebenden Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden. Klar wurde, dass kulturelle Kompetenzen für alle AkteurInnen bedeutsam sind. Die TeilnehmerIinnen berichten von guten Erfahrungen mit KulturmittlerIinnen, die Kitas und Schulen besuchen.

Uneinigkeit herrschte über die Frage, ob dies ehrenamtlich geleistet werden soll (als Teil des Zusammenwachsens durch bürgerschaftliches Engagement) oder ob dafür entlohnte Stellen geschaffen werden müssen.

Ellen Kollender wies darauf hin, dass institutionalisierte Diskriminierung ein zentraler Aspekt ist, der zu Bildungsungerechtigkeit führt. Zu den Kernaufgaben der Schule gehört es, mit den unterschiedlichen Sprachen der Kinder umzugehen. Dem inklusiven Ansatz folgend, sollten Schulen alle Kinder so früh wie möglich (siehe Willkommensklassen) gemeinsam unterrichten. Ein wichtiger Bestandteil zu mehr Bildungsteilhabe ist die Elternarbeit. Dabei dürfen die Elternhäuser aber nicht aus einer Defizitperspektive betrachtet werden. Unterschiedliche Sprachen und Kulturen sind Chancen und keine Makel.

Das Augenmerk sollte sich primär auf Schulzufriedenheit richten. Eine Orientierung ausschließlich an Leistungsstudien ist nicht ratsam, Konkurrenzdruck und Autonomisierung der Schulen führen zu Segregationstendenzen. Insgesamt waren sich die TeilnehmerInnen einig, dass mehr Investitionen in Bildung fließen müssen, damit Herkunft und Schulerfolg voneinander entkoppelt werden. In den Gesprächsrunden herrschte Einigkeit darüber, dass eine engere Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern im schulischen Bereich sinnvoll ist.

Seite 5: Weltcafé 4 Alle mitnehmen! Erfolgreich durch die Ausbildung

Die demografische Entwicklung stellt auch die berufliche Bildung vor neue Herausforderungen. Immer mehr Betriebe haben Probleme, ihre Ausbildungsplätze und Stellen zu besetzen. Paradoxerweise landen trotz des Nachwuchsmangels jedes Jahr über eine Viertelmillion junge Menschen in den Warteschleifen des „Übergangssystems“. Die grüne Bundestagsfraktion fordert deshalb seit langem eine Ausbildungsgarantie, die alle Jugendlichen mit passgenauen Angeboten auf ihrem Weg zum Berufsabschluss unterstützt.

Wie aber können tragfähige Brücken in die Ausbildung gebaut werden? Und wie kann die Erfahrung der Älteren dem Lernerfolg der Jüngeren helfen? Diesen Fragen ging die ausbildungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Beate Walter-Rosenheimer zusammen mit der ehrenamtlichen Ausbildungsbegleiterin Eva-Maria Rothe und interessierten Gästen nach.

Getragen wurde die Diskussion maßgeblich vom beeindruckenden Engagement der Krankenpflegerin, Außenwirtschaftsökonomin und ehrenamtlichen Ausbildungsbegleiterin Eva-Maria Rothe. Sie berichtete nicht nur äußerst kompetent von ihrer langjährigen Erfahrung aus der beruflichen Bildungsarbeit, sondern lieferte zugleich auch die Erklärung, warum sich das Motto „Alt hilft Jung“ am Ende für die ganze Gesellschaft auszahlt. Warum sie im Rentenalter nicht einfach die Füße hochlegt? „Weil es jung hält!“ Durch die Nähe zur jungen Generation bleiben auch ältere Menschen in der Mitte der Gesellschaft. Ihre Lebens- und Arbeitserfahrung erfährt Wertschätzung und Anerkennung. Zugleich profitieren die Jugendlichen vom großen Erfahrungsschatz der Älteren und finden bei ihnen oft genau jenen Rat, der in Elternhaus, Berufsschule oder Betrieb manchmal zu kurz kommt. Ein Mut machendes Beispiel dafür, dass im demografischen Wandel auch ein großes Potenzial für mehr Miteinander in der Gesellschaft steckt.

Seite 6: Weltcafé 5 Alles unter einen Hut – Die grüne Zeitpolitik

Das Leben macht Tempo. Gehetzt zu sein ist für viele Menschen ein alltägliches Gefühl. Die Beschleunigung und Verdichtung hat unser Leben verändert – das berufliche wie das private. Immer erreichbar sein zu müssen, gehört inzwischen zum Alltag vieler ArbeitnehmerInnen. Kattrin Bauer und Katja Stamm, Referentinnen der Bundestagsfraktion, stellten die konkreten Modelle der grünen Bundestagsfraktion zur Zeitpolitik zur Diskussion. Flexible Vollzeit, KinderZeit Plus, PflegeZeit Plus und BildungsZeit Plus sollen den Menschen Freiräume ermöglichen, eine Balance zwischen den verschiedenen Bereichen und Anforderungen des Lebens herstellen. Wichtig war den TeilnehmerInnen, dass jedes Alter andere Bedürfnisse in Sachen „Zeit für Vereinbarkeit“ hat. Vielfach wurde auf nur bedingt durch Zeitmodelle lösbare Schwierigkeiten hingewiesen, wie geringe Einkommen, prekäre Beschäftigung oder Saisonarbeit. Die BildungszeitPlus stieß auf großes Interesse, denn Weiterbildung wird durch die ArbeitgeberInnen zu oft nicht oder nicht ausreichend angeboten. Auch dass es schwierig ist, von Vollzeit nur für eine gewisse Zeit auf Teilzeit zu wechseln. Hier gibt unser Modell der Flexiblen Vollzeit Möglichkeit, die Arbeitszeiten beweglicher zu machen, den Anspruch auf einen Vollzeitarbeitsplatz aber nicht für immer aufzugeben.

Seite 7: Weltcafé 6 Fit bis zur Rente! Alters- und alternsgerechtes Arbeiten

Wie können gute und gesunde Arbeitsbedingungen für Beschäftigte erreicht werden? Silke Tophoven vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung verdeutlichte die zunehmende Bedeutung der psychischen Ursachen für ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben. Langanhaltender Druck und ein häufig konstant ansteigender Arbeitsumfang führen zu psychischen Belastungen. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse erzeugen zusätzlichen Druck und gefährden die physische und psychische Gesundheit der Beschäftigten. Um Beschäftigte zu schützen, muss die Politik unsichere und belastende Beschäftigung stärker eindämmen. Gleichzeitig brauchen die Betriebspartner gute Werkzeuge und Instrumente, um besonders belastende Gefährdungen sicher zu erkennen und wirksam zu reduzieren. Grundsätzlich gibt es mit den Gefährdungsbeurteilungen dafür schon heute eine gesetzliche Verpflichtung im Arbeitsschutzgesetz. Allerdings findet sie noch viel zu selten wirklich Anwendung. Um dieses Umsetzungsdefizit zu beheben, so ein weiteres Fazit der Diskussion sind wirksamere Kontrollen und bessere Kooperation aller Beteiligten nötig. Die Sicherstellung einer gesunden Arbeitskultur ist eine Notwendigkeit, aber auch eine Chance in einer älter werdenden Gesellschaft.

Seite 8: Weltcafé 7 Fachkräftemangel verhindern

Brigitte Pothmer, Arbeitsmarktexpertin der grünen Bundestagsfraktion, und Dr. Matthias Mayer von der Bertelsmann Stiftung diskutierten gemeinsam mit Gästen über Strategien zur Bekämpfung des Fachkräftemangels. Wenn wir keine verstärkten Anstrengungen unternehmen, wird sich das aktuelle Erwerbspersonenpotenzial bis zum Jahr 2050 von 45 Millionen auf 29 Millionen Personen verringern. Durch Zuwanderung, eine zunehmende Aktivierung der einheimischen Fachkräftepotenziale und Veränderungen durch Industrie 4.0 kann diesem drohenden Fachkräftemangel jedoch entgegengesteuert werden. Diskutiert wurden konkrete Konzepte, mit denen dieser drohende Fachkräftemangel verhindert werden kann. Einen wesentlichen Beitrag kann dabei die Fachkräfteeinwanderung leisten. Die derzeitigen gesetzlichen Regelungen sind aber viel zu restriktiv, kompliziert und bürokratisch. Die grüne Bundestagsfraktion schlägt deshalb vor, diese in einem Einwanderungsgesetz zu systematisierten und zu vereinfachen und zusätzlich ein Punktesystem zur Vergabe von Visa zur Arbeitsplatzsuche einzuführen. In diesem Zusammenhang wurde die Sorge geäußert, dass andere Länder darunter leiden könnten, wenn Deutschland qualifiziertes Personal abwirbt – der sogenannte Braindrain. Hierzu schildert Brigitte Pothmer eigene Erfahrungen, die sie im Rahmen eines Rumänien-Besuchs gewinnen konnte. Durch die zirkuläre Migration, also durch die spätere Rückkehr von qualifiziertem Personal nach Rumänien, kam es dort zu einer Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaft. Somit darf das Problem der Abwanderung von Fachkräften nicht einseitig negativ betrachtet werden, es kann auch positive Effekte geben. Nichtsdestotrotz dürfen Leistungen der Daseinsvorsorge in den Herkunftsstaaten nicht gefährdet und die Vorgaben internationaler Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation zum Fachkräfteabfluss müssen eingehalten werden.

Zuwanderung allein wird das Problem des Fachkräftemangels nicht lösen. Gleichzeitig müssen die bisher nicht genutzten einheimischen Potenziale von Frauen, Älteren und Arbeitslosen genutzt werden. Könnte in Deutschland etwa die Frauenerwerbstätigkeit auf ein skandinavisches Niveau angehoben werden, ergäbe sich ein Potential von 2.1 Millionen Vollzeitäquivalenten. Modelle wie die Minijobs sind hier besonders kontraproduktiv - anstatt Möglichkeiten des Einstiegs in reguläre Beschäftigung zu bieten, haben sie sich als berufliche Sackgasse - vor allem für Frauen - erwiesen.

Am Ende der Debatte war eins klar - eine einfache Lösung zur Bekämpfung eines Fachkräftemangels in Deutschland wird es nicht geben. Ein umfangreiches Maßnahmenpaket ist nötig, um die drohenden Effekte des demografischen Wandels abzuschwächen.

Seite 9: Weltcafé 8 Nachhaltige Rente? Altersarmut verhindern

Viele Menschen blicken angesichts des sinkenden Rentenniveaus und steigender Altersarmut mit Sorgen in die Zukunft. Es gibt eine wachsende Gruppe älterer Menschen, die auf Grundsicherung angewiesen und von Armut betroffen sind. Wie muss das deutsche Rentensystem reformiert werden, damit es auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und sinkenden Wirtschaftswachstums gesellschaftliche Teilhabe für Alle im Alter sichergestellt kann? Sind die Grüne Garantierente und die Weiterentwicklung der gesetzlichen Rente zu einer Bürgerversicherung die richtigen und ausreichenden Maßnahmen dafür? Diese Fragen diskutierten Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn MdB, Sprecher für Sozialpolitik der grünen Bundestagsfraktion und Prof. Dr. Michael Opielka vom ISÖ – Institut für Sozialökologie mit ihren Gästen.

Nachhaltigkeit in der Rente bedeutet auf der einen Seite finanzielle Nachhaltigkeit, auf der anderen Seite soziale Nachhaltigkeit, also eine Rente, die vor Armut schützt und einen gewissen Lebensstandard sicherstellt. Dabei ist nicht nur der demografische Wandel zu berücksichtigen. Denn gleichzeitig gibt es drastische Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und unser Planet hat auch ökologische Grenzen. Hohes Wirtschaftswachstum kann deshalb nicht die Lösung für die Rente sein, sinnvoll ist vielmehr eine Abkopplung vom Wachstumszwang. Die grüne Bundestagsfraktion setzt hierbei zum einen auf die Grüne Garantierente. Damit soll für diejenigen, die in ihrem Leben überwiegend in der gesetzlichen Rentenversicherung waren, eine Rente über dem Grundsicherungsniveau garantiert werden. Zum anderen soll die schrittweise Weiterentwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung zu einer Bürgerversicherung letztlich alle abzusichern und gleichzeitig die Rente nachhaltig finanzieren. In der Diskussion wurde vor allem deutlich, dass es wichtig ist, nicht nur die technischen Details der einzelnen Schritte, sondern auch und insbesondere die dahinterstehenden Grundprinzipien und Ziele zu betonen: universelle Absicherung für Alle, die Garantie des Existenzminimums und eine nachhaltige Finanzierung.

Seite 10: Weltcafé 9 Gut versorgt! Gesundheit und Pflege

Menschen in Deutschland haben eine der höchsten Lebenserwartungen weltweit. Für immer mehr Menschen sind die gewonnenen Lebensjahre erfüllte Jahre, in denen sie ihr Leben selbstbestimmt gestalten wollen. Die steigende Lebenserwartung stellt uns im Pflege- und Gesundheitsbereich aber auch vor Herausforderungen. Wer krank ist oder pflegerische Unterstützung benötigt, muss sich sicher sein können, vor Ort professionelle und koordinierte Hilfe zu erhalten. „Gesundheit und Pflege müssen zusammen gedacht werden“, forderte Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. Nur mit einem vernetzten Hilfekonzept können langjährige und chronische Versorgungsbedürfnisse gedeckt werden. Neben Familie, Nachbarschaftshilfe und bürgerschaftlichem Engagement spielt dabei das Pflegepersonal eine zentrale Rolle. Die Arbeitsbedingungen in diesem Beruf müssen dringend verbessert werden, damit wir den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft begegnen können. Wichtig ist zudem, dass Austausch und Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen den Angehörigen verschiedener Gesundheitsberufe stattfinden. Pflegekräfte und Angehörige therapeutischer Berufe sollten mehr Kompetenzen erhalten. Unterstützung brauchen zudem Familien, die sich um ihre pflegebedürftigen Verwandten kümmern, betonte Prof. Dr. Adelheid Kuhlmey von der Charité Berlin: „Angehörige sind der Pflegedienst Nr. 1.“ Das grüne Modell der PflegeZeitPlus soll allen die Möglichkeit geben, für drei Monate aus dem Beruf auszusteigen und sich ohne Einkommensverlust um die Pflege von Angehörigen zu kümmern. Die Debatten im Weltcafé zeigten jedoch auch: Bei den Diskussionen um ein gutes, möglichst gesundes Leben im Alter darf die soziale Komponente nicht aus dem Blick geraten. Menschen aus ärmeren Verhältnissen haben eine deutlich geringere Lebenserwartung und sind häufiger krank als wirtschaftlich besser gestellte Menschen. Gesundheitsförderung vor Ort und eine Gesundheits- und Pflegepolitik, die den Mensch in den Mittelpunkt stellt, ist deswegen nicht zuletzt eine Frage der Gerechtigkeit.

Seite 11: Weltcafé 10 Inklusiver Sozialraum – Quartiere barrierefrei gestalten

Einleitend führte Prof. Dr. Albrecht Rohrmann, von der Universität Siegen den Begriff des „inklusiven Sozialraums“ ein. Ein inklusives Quartier ist so gestaltet, dass alle Menschen darin gleichberechtigt leben können, egal ob jung oder alt, mit oder ohne Behinderung. Die Koordination einer inklusiven Gestaltung sollte in kommunaler Hand liegen, so Rohrmann. Dabei ist die Partizipation aller relevanten AkteurInnen wichtig, wobei Menschen mit Behinderungen eine zentrale Rolle spielen. Die Gestaltung inklusiver Quartiere darf aber nicht auf die Behindertenbeiräte oder -beauftragten abgewälzt werden.

In den drei Runden wurde u.a. diskutiert, ob die rechtlichen Grundlagen für den Ausbau barrierefreier Gestaltungsmöglichkeiten ausreichend und mit der UN-Behindertenrechtskonvention vereinbar sind, wie die oftmals fehlende Sensibilisierung für das Thema inklusive Baumaßnahmen verhindert und welche kommunikativen Barrieren bestehen, sodass ältere Menschen oftmals gar nicht wissen, welche Angebote sie in ihrem Quartier nutzen könnten. In diesem Zusammenhang ist auch wichtig, möglichst wenig auf bestimmte Zielgruppen spezialisierte Angebote zu schaffen.

Seite 12: Weltcafé 11 Selbstbestimmt wohnen im Alter

Wohnen ist ein zentraler Aspekt des guten Lebens im Alter und eine große Herausforderung. Schon jetzt gibt es in Deutschland etwa zwei Millionen barrierearme Wohnungen zu wenig. Doch die meisten Menschen möchten so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben. Doris Wagner MdB, Sprecherin für Demografiepolitik, betonte als Gastgeberin des Thementisches, wie wichtig es ist, sich schon in der Lebensmitte Gedanken darüber zu machen, wie altersgerechtes Wohnen gelingen kann. Was muss ich tun, damit ich in der eigenen Wohnung, im eigenen Haus bleiben kann? Was heißt eigentlich altersgerecht wohnen?

Ein wesentlicher erster Schritt ist die Beratung. Monika Schneider, Vorstandsvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnanpassung hat von ihrer Arbeit in der Beratung zu Anpassungs- und Veränderungsmöglichkeiten in der häuslichen Umgebung berichtet. Eines hat Frau Schneider sofort klar gemacht: Es geht im Zusammenhang mit altersgerechtem Wohnen nicht um Barrierefreiheit, sondern um Barrierearmut. Das Hauptfortbewegungsmittel im Alter ist der Rollator, nicht der Rollstuhl. Häufige Maßnahmen sind die Verbreiterung von Türen, Abbau von Schwellen, ebenerdige Duschen und Aufzüge.

Viele Fragen gab es zu den Finanzierungsmöglichkeiten. Es gibt verschiedene Programme und die WohnberaterInnen helfen allen Klienten die geeignete Finanzierungsunterstützung zu finden. Einen Kredit bekommt ein alter Mensch i.d.R. eher nicht. Jede/r Pflegebedürftige hat bspw. Anspruch auf 4000,- Euro aus der Pflegeversicherung zur Verbesserung des Wohnumfeldes. Viele Pflegeberatungen wissen das nicht.

Viele Aspekte wurden diskutiert: beispielsweise dass 2-Sinne-Prinzip für Sicherheitseinrichtungen. D.h. in einem Notfall braucht man immer Signale, die zwei verschiedene Sinne ansprechen, falls jemand beispielsweise nicht (gut) hören oder sehen kann. Aber auch der möglicherweise erforderliche Rückbau, Demenz, ein fehlendes Register von barrierearmen Wohnungen, Angst vor Mieterhöhungen, Zugang zu Beratung, Umzug im Alter, alternative Wohnformen. Ein wesentliches Fazit der Diskussion: Es braucht dringend mehr Aufklärung und Beratung!