Auch im Notfall gut versorgt

Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Sprecherin für Gesundheitsförderung, hatte WissenschaftlerInnen, PraktikerInnen sowie VerbändevertreterInnen eingeladen, um darüber zu diskutieren, wie die Notfallversorgung aus PatientInnensicht besser organisiert werden kann.
Büro Dr. Kirsten Kappert-Gonther
26.06.2018

Überfüllte Notaufnahmen, fehlende Bereitschaftsärzte am Wochenende, unnötige Fahrten mit dem Rettungswagen – fast wöchentlich wird über die Baustellen in der Notfallversorgung berichtet. Anlass genug für unsere Fraktion, sich im Rahmen eines Fachgesprächs mit diesem Thema zu befassen.

Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Sprecherin für Gesundheitsförderung, hatte WissenschaftlerInnen, PraktikerInnen sowie VerbändevertreterInnen eingeladen, um darüber zu diskutieren, wie die Notfallversorgung aus PatientInnensicht besser organisiert werden kann. Denn die Notfallversorgung ist nicht nur ein zentraler Baustein in der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung, sondern kann auch zur Blaupause für eine stärkere Verzahnung zwischen ambulanten ÄrztInnen und Krankenhäusern werden.

Patientenbedürfnisse stärker berücksichtigen

Aus Sicht der Praxis fehle ein einheitliches Vorgehen bislang. Dr. Frank Wösten, Leiter der Interdisziplinären Zentralen Notaufnahme am Klinikum Bremen Nord berichtete, dass viele PatientInnen selbst in die Notaufnahme kämen oder teilweise auch von niedergelassenen Ärzten dorthin geschickt würden. Diese Erfahrung deckte sich mit Studien der Charité und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, die Prof. Rajan Somasundaram und Prof. Martin Scherer vorstellten.

Optionen der Notfallversorgung zu wenig bekannt

Danach sei auffällig, wie wenig der so genannte Kassenärztliche Notdienst in der Bevölkerung bekannt ist. Daher ist aus Scherers Sicht eine Stärkung des Wissens über die Strukturen unseres Gesundheitssystems und bestimmte Krankheitsbilder sinnvoll. Ob sich allein dadurch die Patientenzahlen allerdings nennenswert senken lassen, bezweifelte Somasundaram allerdings. Die Gründe, warum PatientInnen in die Notaufnahmen kommen, seien oft vielfältig und die Beschwerdebilder mitunter sehr unspezifisch. Als Beispiel nannte er Schweißausbräuche oder Übelkeit. Diese könnten eine harmlose Ursache haben oder Symptome für einen Herzinfarkt sein. Vor diesem Hintergrund sei ein rasches Abklären der Beschwerden objektiv sinnvoll oder aus PatientInnensicht nachvollziehbar.

Er betonte, dass die häufige Polarisierung zwischen niedergelassenem und Krankenhaussektor nicht förderlich sei; vielmehr gelte es, gemeinsam die Strukturen so auszugestalten, dass PatientInnen in das für sie passende Angebot geleitet werden. Eine Notfallgebühr, wie von Teilen der Kassenärztlichen Vereinigungen vorgeschlagen, sei dafür allerdings der falsche Weg, so Somasundaram.

Verständliche Versorgungsstrukturen

Tobias Herrmann vom aQua - Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen wies auf die in Deutschland vergleichsweise zersplitterten Strukturen im Gesundheitswesen hin, die für BürgerInnen teilweise nicht auf Anhieb einleuchtend seien. Der kassenärztliche Not- bzw. Bereitschaftsdienst sei je nach Bezirk unterschiedlich organisiert und befinde sich derzeit ohnehin stark im Umbruch. Allerdings fehlten bislang Qualitätsvorgaben für den ambulanten Bereich. Bei der stationären Notfallversorgung gebe es regionale Überversorgung, woran auch das jüngst verabschiedete Stufenkonzept des Gemeinsamen Bundesausschusses voraussichtlich wenig ändern werde.

Befähigung von Patienten nötig

Wichtig sei eine stärkere Verzahnung der Angebote im ambulanten und Krankenhausbereich und eine für PatientInnen verständliche Angebotsstruktur durch die flächendeckende Etablierung von Portalpraxen an ausgewählten Krankenhäusern mit einheitlichem Versorgungsangebot und verlässlichen Öffnungszeiten. Neben der Befähigung von PatientInnen und der Stärkung ihrer Gesundheitskompetenz sei eine bessere Steuerung durch einheitliche Notruf-Leitstellen und eine standardisierte Ersteinschätzung (Triage) erforderlich.

 

Wie machen es die Nachbarländer?

Über Reformen der Notfallversorgung in einigen europäischen Nachbarländern berichtete PD Dr. Wilm Quentin von der TU Berlin. Auch dort hätten Notaufnahmen teilweise mit einer stark steigenden Nachfrage zu kämpfen. In Dänemark habe man aus Gründen der Versorgungsqualität die Zahl der Notaufnahmen von 56 auf 22 gesenkt, an denen allerdings sämtliches fachärztliches Know-How konzentriert zur Verfügung stehe; zudem müssten sich PatientInnen vorab telefonisch dort anmelden und bekämen dann einen Termin zugeteilt. Mittlerweise sei diese Reform von der Bevölkerung gut angenommen worden. Auch in den Niederlanden sei die Zahl der Notaufnahmen in den letzten Jahren reduziert worden. Gleichzeitig habe man flächendeckend „Hausarzt-Stellen“ für die ambulante Notfallversorgung errichtet und zudem finanzielle Anreize für die „Umsteuerung“ ambulanter PatientInnen an diese Stellen geschaffen. Ziel dieser Zentralisierung sei immer der Wunsch nach einer besseren Versorgungsqualität für NotfallpatientInnen gewesen, die in größeren Einheiten fachkundiger versorgt werden können. Damit stiege auch ihre Überlebenswahrscheinlichkeit.

Versorgungsqualität in den Vordergrund stellen

In der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert durch die Gesundheitsjournalistin Lisa Braun, wurde darüber debattiert, welche Veränderungen es in Deutschland braucht, um die Notfallversorgung aus Sicht der PatientInnen zu verbessern. Einig war man sich darin, dass verständliche Strukturen, die sich nicht an den Sektorengrenzen, sondern an den Bedürfnissen der Bevölkerung orientieren, sinnvoll seien. Dr. Dominik Graf von Stillfried, Geschäftsführer des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI), betonte, dass auch ein geändertes Anspruchsverhalten seitens der Bevölkerung dazu geführt habe, dass häufiger Notaufnahmen aufgesucht würden. Zudem sei in der niedergelassenen Ärzteschaft angesichts gedeckelter Budgets die Motivation gering, zusätzliche Aufgaben wie Notdienste zu sprechstundenfreien Zeiten zu übernehmen. Die ambulante Notfallversorgung sei kein eigenständiger Bereich, sondern integraler Bestandteil der hausärztlichen Tätigkeit, der nicht flächendeckend trennscharf auf Portalpraxen ausgelagert werden könne.

Dr. Ilona Köster-Steinebach, Geschäftsführerin des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, widersprach und forderte dazu auf, die Notfallversorgung von den PatientInnen her zu denken. Momentan werde dies nicht getan. Daher müsse bei allen Strukturveränderungen die Verbesserung der Versorgungsqualität für die Bevölkerung im Mittelpunkt stehen, weniger die Vergütungsbedürfnisse einzelner Leistungserbringer. Das könne auch über eine stärkere Zentralisierung erfolgen. Wichtig sei eine gute Steuerung der PatientInnen in das für sie beste Angebot und eine rasche Terminvergabe.

Bessere Vernetzung bestehender Strukturen

Stefanie Stoff-Ahnis, Mitglied der Geschäftsleitung der AOK Nordost, erläuterte, dass eine Zentralisierung der Notfallversorgung aus Qualitätsgründen angebracht sei. Sie müsse aber gut in die Bevölkerung kommuniziert werden. Die Schaffung eines neuen, dritten Sektors mit eigenständiger Finanzierung lehnte Stoff-Ahnis allerdings ab. Eine Reform solle lieber auf eine stärkere Vernetzung der bestehenden Strukturen aufbauen; dazu müsse auch noch mal die Frage des Sicherstellungsauftrags neu diskutiert werden.

Prof. Rajan Somasundaram erklärte, letztendlich sei es egal, auf welchem Wege die Notfallversorgung finanziert werde. Wichtig sei, dass die Kosten übernommen und Fehlanreize vermieden werden. Im ambulanten Bereich sei zudem eine stärkere Zuweisung von Versorgungsaufträgen notwendig. Die Notwendigkeit einer Zentralisierung teile er, bei einer gleichzeitigen Stärkung des Rettungsdienstes und der Etablierung ergänzender Versorgungsangebote in Wohnortnähe. Zu einem Qualitätsgewinn könne auch die überfällige Etablierung eines Facharztes für Notfallmedizin beitragen; hier hinke Deutschland den meisten europäischen Ländern hinterher.

Grünes Engagement in Sachen Notfallversorgung

Abschließend erklärte Dr. Kirsten Kappert-Gonther, die aus ihrer Sicht zentralen Punkte einer Reform seien einheitliche Leitstellen, die PatientInnen in das für sie passende Versorgungsangebot leiten. Zudem sei die Etablierung von Notfallpraxen an bestimmten Klinikstandorten notwendig. Darüber hinaus müsse das Wissen zu Krankheiten und den Strukturen des Gesundheitswesens in der Bevölkerung verbessert werden.

Die Grüne Bundestagsfraktion werde eine parlamentarische Initiative in den Bundestag einbringen mit Vorschläge zur Reform der Notfallversorgung, kündigte Kappert-Gonther an.