Krankenversicherung Auch Selbständige brauchen Solidarität

Das bestehende Krankenversicherungssystem wird Solo-Selbständigen nicht mehr gerecht. Es ist höchste Zeit für Reformen. Von einer Bürgerversicherung würden auch Selbständige profitieren.

Immer mehr Selbständige haben Schwierigkeiten ihre Beiträge für die gesetzliche oder private Krankenversicherung aufzubringen. Gering verdienende Selbständige müssen fast die Hälfte ihres Einkommens dafür verwenden, wie eine Studie (PDF) des Wissenschaftlichen Instituts der AOK zeigt. Vor allem sogenannte Solo-Selbständige ohne eigene Arbeitnehmer sind davon betroffen.

Ungerechte und lebensfremde Regelungen für Selbständige

Schuld daran sind ungerechte und lebensfremde Beitragsregelungen, die davon ausgehen, dass Selbständige anders als Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmer keine soziale Absicherung benötigen. So sind Selbständige lediglich freiwillig in der gesetzlichen Krankenversicherung versichert und müssen mindestens einen Beitrag von aktuell rund 330 Euro im Monat aufbringen - auch dann wenn sie nur ein sehr geringes Einkommen erzielen. Bei Härtefällen lässt sich der Beitrag auf rund 220 Euro drücken. Aber selbst dies ist für zahlreiche Selbständige schon zu viel. Deswegen gibt es immer wieder Vorschläge, den Mindestbeitrag ganz zu streichen. Zuletzt schlug die Bertelsmann Stiftung vor, eine allgemeine Krankenversicherungspflicht für Selbständige mit Einkommen bis zur Versicherungspflichtgrenze von derzeit rund 4.688 Euro einzuführen. Zugleich empfahl sie, den Mindestbeitrag abzusenken oder ganz auf ihn zu verzichten.

Untragbare Belastungen für viele Selbständige in der PKV

Dieses Problem ist keinesfalls auf die gesetzlichen Krankenkassen beschränkt: Die private Krankenversicherung (PKV) ist noch viel weniger in der Lage, die soziale Absicherung von Selbständigen mit geringeren Einkommen sicherzustellen. Die PKV erhebt Beiträge grundsätzlich nach dem individuellen Gesundheitsrisiko und nicht nach dem Einkommen, sie umfasst keine Familienversicherung, sie wird mit zunehmendem Alter trotz Kapitalrücklagen immer teurer, sodass für Versicherte mit geringeren Einkommen die Belastung gerade im Alter immer stärker ansteigt. Selbständige im unteren Einkommensbereich tragen in der PKV inzwischen eine Last von rund 58 Prozent ihres Einkommens für die Krankenversicherung.

Bürgerversicherung notwendig

Vorschläge wie die der Bertelsmann Stiftung zur Entlastung von Selbständigen bei den Krankenversicherungsbeiträgen müssen ernsthaft geprüft werden. Es ist darüber hinaus höchste Zeit, Konsequenzen aus der ökonomisch prekären Situation vieler Selbständiger zu ziehen. Selbständige benötigen genauso wie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer den Schutz der Solidarität. Mit einer konsequenten Weiterentwicklung der gesetzlichen und der privaten Krankenversicherung hin zu einer Bürgerversicherung besteht die Chance, die soziale Absicherung aller Selbständigen zu verbessern. Starke stehen für Schwächere ein, Gesunde für weniger Gesunde und Junge für Alte. Von diesen wichtigen Prinzipien einer solidarischen Krankenversicherung müssen alle profitieren können – auch Selbständige.

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3 Kommentare
Neusprech "Bürgerversicherung"
Gast 15.07.2016

Weil viele Selbständige ihre Krankenversicherung kaum noch bezahlen können satteln die Politiker aus lauter Solidarität und Nächstenliebe nun noch die Rentenversicherungspflicht drauf. Das wird vielen das Genick brechen oder es lohnt sich schlicht nicht mehr sich den Stress ünerhaupt noch anzutun.
Die Grünen sind voll mit dabei sie erfinden nur einen anderen Namen dafür (Bürgerversicherung). Bis jetzt haben die Grünen nicht verraten, was konkret an ihrem Modell anders sein soll insbesondere wenn nun noch "Refugees" in unbegrenzter Anzahl mitfinanziert werden müssen.

Rechtsstreit
Susanne 16.07.2016

Es wird Zeit, dass gegen diese Ungleichbehandlung geklagt wird und per Urteil Stellung bezogen wird. denn die MIndestbeitragsbemessungsgrenze führt eben dazu, dass Selbstständige einen u.U. sehr unangemessenen Beitrag zahlen müssen in Verhältnis zum Einkommen. Dabei sind die Leistungen, die sie durch die freiwillige Versicherung erhalten, keinesfalls höher - nur der Beitrag...
Immer mehr Menschen werden aus "klassischen" Arbeitnehmerverhältnissen in die Selbstständigkeit gedrängt. Es gibt dadurch eben auch viele Selbstständige mit niedrigem Einkommen und nicht nur wohlhabende Selbstständige...woher diese Annahmen wohl immer stammen? Neid?

unehrlich
Gast 19.07.2016

Irgendwie kann ich nicht glauben, dass die Grünen jetzt ihr Herz für den armen Selbständigen gefunden habe. Ich glaube vielmehr, dass die armen Selbständigen der Vorwand sind, um die besser verdienenden Selbständigen zu zwangsrekrutieren. Und warum braucht man die Selbständigen? Weil die gesetzliche PKV an allen Ecken und Enden Probleme hat. Die würden durch arme Selbständige auch nicht besser.
Also bitte, liebe Grünen: Bleibt ehrlich und sagt was Sache ist: Ihr wollt an das Geld der besser verdienenden Selbständigen. Soviel Ehrlichkeit muss sein.

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