Mythen und Fakten zu Glyphosat

Das Unkrautvernichtungsmittel Roundup vom Chemiekonzern Monsanto mit dem Wirkstoff Glyphosat.
Glyphosat wirkt nur auf Pflanzen, ist schnell abbaubar und auch ansonsten vollkommen harmlos. Tatsächlich? Für alle, die es genauer wissen wollen, stellen wir diesen Behauptungen Fakten gegenüber. dpa
18.12.2017

Mythos 1: „Dass Glyphosat auf schon bestellte Felder gespritzt wird (im Fachjargon „Sikkation“ genannt), ist in Deutschland seit 2014 nicht mehr erlaubt.“

Es ist korrekt, dass glyphosathaltige Herbizide in Deutschland nicht auf grüne Bestände während des Wachstums ausgebracht werden, da sie die Pflanzen töten würden. Aber kurz vor der Ernte wird es noch immer in zahlreichen Fällen ausgebracht, wie zum Beispiel Überwachungsdaten aus Mecklenburg-Vorpommern belegen. Dort wurde ein Viertel der Gerstenfelder vor der Ernte „totgespritzt“. Die entsprechenden Rückstände finden sich dann zum Beispiel im Bier wieder. Verboten ist in Deutschland nur die Sikkation zur Erntezeitsteuerung. Andere Gründe, zum Beispiel eine Spätverunkrautung oder ungleichmäßige Abreife, rechtfertigen dagegen Ausnahmen vom Verbot. Ob eine Ausnahme begründet ist, entscheidet der Landwirt allein. Eine Genehmigungspflicht gibt es bisher nicht.

 

Mythos 2: „Glyphosat wirkt nur auf Pflanzen.“

Glyphosat wirkt auf einen Stoffwechselweg, der bei Pflanzen und bestimmten Mikroorganismen vorkommt. Deshalb ist Glyphosat auch als Antibiotikum patentiert. Und weil es auf nützliche Mikroorganismen in im Körper und in der Umwelt stärker wirkt als auf manche Krankheitserreger, ist das ein Problem zum Beispiel für die Darmgesundheit von Menschen und Nutztieren und für die Bodenfruchtbarkeit, die von wertvollen Mikroorganismen abhängt. Zudem kann die Entstehung von gefährlichen Antibiotikaresistenzen befördert werden.

 

Mythos 3: „Für Tiere, auch Amphibien, ist Glyphosat unschädlich.“

Die Datengrundlage ist spärlich, was die Auswirkungen von glyphosathaltigen Herbiziden auf landlebende Amphibien angeht. In einem Experiment starben bis zu 79% der mit üblicher Aufwandmenge besprühten jungen Frösche. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen belegen zudem, dass die Entwicklung von Kaulquappen beeinträchtigt werden kann - von Missbildungen bis hin zum Tod. Deshalb vermutet das Bundesamt für Naturschutz, dass der breite Glyphosateinsatz in Deutschland mitverantwortlich für den Rückgang unserer Amphibien sein könnte - und fordert zielgerichtete Studien.

 

Mythos 4: „Man kann Glyphosat schlecht die Schuld am Insektensterben geben, denn Landwirte würden Unkraut sonst eben auf andere Art entfernen. Zum Beispiel durch Pflügen oder Grubbern.“

Es ist korrekt, dass sich die Intensivierung des Ackerbaus allgemein negativ auf die biologische Vielfalt auswirkt. Trotzdem ist es unangemessen, den Einsatz von glyphosathaltigen Totalherbiziden mit der mechanischen Bodenbearbeitung gleichzusetzen. Weil die mechanische Bodenbearbeitung nicht so durchschlagend wirken kann, bleibt eine Beikrautflora bestehen, die als Nahrung für Wildtiere dienen kann. Die größere Vielfalt auf ungespritzten Ackerflächen ist durch Studien belegt. Zudem arbeiten solche Betriebe meist in mehrgliedrigen Fruchtfolgen, die ebenfalls Vielfalt und Blühpflanzen in die Landschaft bringen.

 

Mythos 5: „BfR und EFSA fragen: Wie groß ist das tatsächliche Risiko, dass jemand durch Glyphosat Krebs bekommt? IARC dagegen betrachtet nur das allgemeine Gefahrenpotential.“

Diese Aussage ist nicht korrekt. Die EU-Pestizidgesetzgebung ist hier sehr klar und strikt: Sie sieht eine Bewertung und Berücksichtigung des allgemeinen Gefahrenpotentials eines Stoffes vor. Ist der Stoff also grundsätzlich in der Lage, Krebs auszulösen, darf er nicht genehmigt werden - auch wenn im Tierversuch eine Dosis verabreicht wurde, die deutlich über dem liegt, was Anwender, Nebenstehende und Verbraucher üblicherweise aufnehmen. In einem solchen Fall muss nach EU-Recht der Vorsorge Vorrang eingeräumt werden. Man darf auch nicht vergessen: Während ein Versuchstier im Labor nur einem Stoff in hohen Dosen ausgesetzt ist, wird der menschliche Organismus täglich mit einer Vielzahl von Chemikalien konfrontiert, deren Wechselwirkungen weitgehend unbekannt sind.
(EU-Rechtsgrundlage: Anhang II 3.6.3)

 

Mythos 6: „2016 kam ein weiteres Gremium - das JMPR, das die Gefahr durch Pestizidrückstände befasst - zum Ergebnis, es sei, so wörtlich „unwahrscheinlich“, dass von Glyphosat eine Gefahr für Verbraucher ausgeht.“

Die Bewertung von Glyphosat durch das „Joint Meeting on Pesticide Residues“, ein gemeinsames Gremium von Weltgesundheits- und Welternährungsorganisation (WHO und FAO), war von Anfang an durch die erheblichen Industrieverbindungen nicht nur einzelner Teilnehmer, sondern auch beider Vorsitzender belastet.

Auch das Vorbereitungsgremium, die „Glyphosate Expert Task Force“ war durch einen bedeutsamen Interessenskonflikt überschattet. Deren Leiter, Dr. Roland Solecki, ist Leiter der Abteilung „Sicherheit von Pestiziden“ im deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das für die EU-Glyphosatbewertung verantwortlich zeichnet. Er musste folglich ein Interesse daran haben, dass die Einschätzung seiner Behörde bestätigt wird.

Nicht zuletzt wurden vom JMPR nur Rückstände in Lebensmitteln betrachtet. Glyphosat stellt aber vor allem anderen eine Gefahr für die ausbringenden Landarbeiter dar.

 

Mythos 7: „Glyphosat ist in wenigen Wochen biologisch abbaubar.“

Schon vor Jahren wurde Monsanto die Bewerbung von Roundup als „biologisch abbaubar“ in Staat New York und in Frankreich wegen Irreführung untersagt. Glyphosat hat laut der EFSA, also der EU-Lebensmittelsicherheitsbehörde, die Glyphosat auf Grundlage der von den Glyphosat-Herstellern eingereichten Daten als insgesamt als eher harmlos bewertet, eine schwankende Halbwertszeit in Böden. Diese beträgt bis zu 500 Tage, was die EFSA als „sehr hoch persistent“ bezeichnet (EFSA-Schlussfolgerungen (pdf): S. 21). Die Abbaubarkeit hängt also von den Umweltbedingungen ab und ist keinesfalls regelmäßig innerhalb weniger Wochen restlos gegeben. Auch ist das Abbauprodukt AMPA kaum harmloser. Dessen Abbau benötigt noch einmal bis zu 300 Tage. Eine aktuelle Studie der Uni Wageningen hat gezeigt, dass fast die Hälfte der Europäischen Böden mit Glyphosat oder AMPA belastet sind, was schon alleine aufgrund der antibiotischen Eigenschaften von Glyphosat bedenklich für das Bodenleben ist.

 

Mythos 8: „Die Glyphosat-Belastung der Gewässer ist irrelevant.“

Glyphosat wird im Boden an Bodenpartikel gebunden und dadurch erst einmal unschädlich gemacht. Allerdings kann es sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder lösen bzw. zusammen mit kleinsten Partikeln ins Grundwasser gelangen. Auch unsere Oberflächengewässer sind nachgewiesenermaßen belastet, was schädliche Auswirkungen auf die dort lebenden Amphibien haben kann. Manche Flüsse werden zur Trinkwassergewinnung eingesetzt, zum Beispiel die obere Donau, in die Glyphosat durch Abschwemmung gelangt. Das ist keinesfalls unbedenklich, wenn man zum Beispiel eine norwegische Studie betrachtet, die gezeigt hat, dass Glyphosat für Wasserflöhe bereits in vielfach niedrigeren Konzentrationen schädlich war, als die Glyphosat-Hersteller in ihren Unterlagen angegeben hatten. Zwar sind Menschen keine Wasserflöhe, trotzdem sollten uns solche Ergebnisse und insbesondere Diskrepanzen zwischen unabhängigen und Industrie-Studien nachdenklich stimmen.