Tag der Deutschen Einheit

Der Geist von 89

Demo mit vielen Menschen und Transparenten
Im Oktober 1989 geht auch die Bevölkerung von Plauen im Vogtland mit Transparenten zur Demonstration auf die Straße und fordert politische Veränderungen in der DDR. dpa
02.10.2019

Von Katrin Göring-Eckardt, zuerst veröffentlicht in profil:GRÜN, September 2019

Mein Mauerfall begann mit einer Stopfnadel. Unser klei­ner Fernseher war nämlich ständig kaputt, wenn man aber hinten eine Stopfnadel reinsteckte, funktionierte er. Und so habe ich dann erfahren, dass diese tödliche Gren­ze offen war. Wobei, Mauerfall klingt harmlos. Es war vielmehr ein einzigartiger Akt friedlicher Selbstermächti­gung eines ganzen Volkes gegenüber seinen Machthabern, der die Mauer zum Einsturz brachte. Eine Reihe von Ereignissen hatte zuvor dem Ruf nach Veränderung den nötigen Nachdruck verliehen: die desolate wirtschaftliche Lage und die himmelschreienden Wahlfälschungen im Frühjahr, die Montagsdemonstrationen der Ausreisewilli­gen, die Flucht Hunderter über Ungarn und über die deut­sche Botschaft in Prag.

Die friedliche Revolution mit dem Fall der Mauer, das ist ein Verdienst, das den Menschen der damaligen DDR gebührt. Es ist eine Geschichte von Angst und ihrer Überwindung, von Mut und Zaudern und der beeindruckenden Kraft Tau­sender Menschen, die mit Kerzen in der Hand auf die Stra­ße gingen. Dieser bewusste Akt des Protests machte aus Untertanen Bürgerinnen und Bürger. Menschen, die für sich erklärten: Ich bin frei. Aus Freiheit wächst Verantwor­tung. Und Verantwortung heißt Mitgestalten. Nur wenige Tage nach den großen Demonstrationen und der Öffnung der Mauer entstanden überall im Land Runde Tische. Dort saßen sich alte Machthaber und Vertreterinnen und Vertre­ter der Bürgerrechtsbewegung gegenüber und verhandel­ten über die Geschicke des Landes. Die Arbeit an einer neu­en Verfassung für die DDR begann am Runden Tisch in Ber­lin. Die Ergebnisse blieben letztlich überschaubar, dennoch waren die Runden Tische wichtig. Nicht nur haben sie damals die Situation im Land stabilisiert, sie waren auch Ausdruck eines neu gewonnenen demokratischen Selbstbe­wusstseins. Aus Protest wurde Mitgestaltung: konstruktiv, kritisch, auf Augenhöhe.

Für kurze Zeit lebten wir damals in einer politischen Uto­pie. Alles schien möglich, wenn man es nur wollte. Doch die normative Kraft des Faktischen sollte bald zuschlagen und diese Weiten des Möglichen einschränken. Und so kam es: Während wir am Wochenende nach dem Mauerfall zur nächsten Demonstration nach Arnstadt fuhren, waren viele andere unterwegs Richtung Westen. Während in Berlin noch eine neue Verfassung für die DDR entworfen wurde, forderten die Menschen auf der Straße die schnelle Einheit und die D-Mark.

Die Einheit kam und mit ihr begann für viele Menschen eine lange Phase der Orientierungslosigkeit. Der Einbruch der Wirtschaft war rasant, hart und beispiellos. Unzählige wurden arbeitslos, bis 1993 gingen 1,4 Millionen Menschen dauerhaft in den Westen. Denn dort gab es Arbeit. Arbeits­losigkeit ist für den Einzelnen ein schweres Schicksal. Aber wir sind uns zu wenig bewusst, was es für die Menschen im Osten insgesamt bedeutete. Arbeit war in der DDR mehr als nur Broterwerb. Der lokale Betrieb war eng mit dem Ort und dem Alltag verbunden. Am Betrieb hingen das Kultur­haus und die Freizeitgestaltung, der Ferienplatz, die örtli­che Gemeinschaft, das soziale Netz. Machte der Betrieb dicht, brach all das weg. Und Arbeit bedeutet Identifikation und Selbstbestätigung. Viele Menschen begegneten den widrigsten Umständen der Mangelwirtschaft mit Witz und Erfindergeist, schufteten mit Stolz und wussten, so manches Produkt ging in den Westexport. Und plötzlich hieß es: Was ihr da produziert, das taugt nichts. Wir machen euch dicht.

Das blieb nicht ohne Widerstand: In den Jahren 91 bis 93 wurde im Osten mehr protestiert als 89. Gegen Werksschlie­ßung oder -verkauf, aber meist erfolglos und ohne Wider­hall im kollektiven Gedächtnis. Aus dem zuversichtlichen, mutigen „Wir sind wer!“ des Herbstes 89 wurde in jenen Jahren ein verunsichertes „Wer sind wir?“. Bis heute fragt man sich, warum der Osten politisch anders tickt. Die Ursa­chen sind auch in jenen Jahren zu suchen.

Demokratie braucht die positive Erfahrung, etwas bewir­ken zu können. Wir Grüne im Bundestag wollen einen Bei­trag dazu leisten. Wir wollen engagierte Menschen unter­stützen, bürgerschaftliches Engagement stärken und Bür­gerbeteiligung auf Augenhöhe fördern. Demokratie braucht einen fruchtbaren Boden, auch weitere Anstrengungen für gleichwertige Lebensverhältnisse sind nötig. Der Geist von 89 ist nicht verschwunden. Wir erleben ihn auf unseren Veranstaltungen, zu denen viele Menschen kommen und Fragen stellen. Menschen auf der Suche nach Raum für ech­te Gespräche, für die Diskussion von Ideen, Konzepten und Visionen. Mündige Bürgerinnen und Bürger und echter Dia­log, geprägt von Respekt und Verantwortung. Viel davon erinnert mich an den Herbst vor 30 Jahren.