Tag der Deutschen Einheit

"Ich hatte keine romantische Vorstellung vom Westen"

Eine Menschenmenge vor und auf der Mauer 1989 vor dem Brandenburger Tor
Wird Ostdeutschland schlechtgeredet? Wie sieht es mit der Deutschen Einheit aus? Und wie begann eigentlich die Zusammenarbeit zwischen West-Grünen und Bündnis 90? Ein Interview mit Katrin Göring-Eckardt. mauritius images / Norbert Michalke / imageBROKER
02.10.2019

Ein Interview von Dr. Helene Bubrowski, F.A.Z., 02.10.2019

Frau Göring-Eckardt, der Bericht zur Deutschen Einheit sieht erhebliche Fortschritte bei der wirtschaftlichen Entwicklung im Osten. Der Ost-Beauftragte der Bundesregierung Christian Hirte sagte, die Situation sei besser als ihr Ruf. Wird Ostdeutschland schlechtgeredet?

Die "Tagesschau" hat über den Bericht zum Stand zur Deutschen Einheit geschrieben: "Osten weiterhin zurück." Der Mitteldeutsche Rundfunk textet: "Osten holt auf." Ich glaube, es stimmt beides. Auf der einen Seite haben wir viele positive Entwicklungen im Osten, insbesondere in den größeren Städten. Im Mittelstand gibt es in einigen Nischen Weltmarktführer. Auf der anderen Seite ist die Armut im Osten größer, die Löhne sind nach wie vor geringer. Das Entscheidende ist: Wie fühlen sich die Menschen, und wie werden sie wahrgenommen? Über den Osten und die Ostdeutschen - ich sag das bewusst so pauschal, weil das genau das Problem ist - heißt es oft: Die sind immer noch nicht leistungsfähig, die meckern und sind undankbar. Oder sogar: "So isser, der Ossi." Für viele vor allem in Westdeutschland ist "der" Osten nur die ehemalige DDR, aber seitdem sind 30 Jahre vergangen.

Kann man heute noch von den neuen Ländern sprechen?

Ost und West sind jetzt seit 29 Jahren wiedervereint. Es ist eine sehr westdeutsche Perspektive, jetzt immer noch von "neu" zu sprechen. Wer der Platzhirsch ist und wer sich integrieren muss, ist da schon gesagt. Das wirkt nach. Ich finde, es ist an der Zeit, einfach zu sagen: So ist die Lage in Thüringen, in Sachsen, oder in Mecklenburg-Vorpommern, genauso wie man sagt: Das passiert in Bayern, Hamburg oder Nordrhein-Westfalen.

Hat die Aufmerksamkeit für den Osten mit den guten Ergebnissen der AfD zu tun?

Nur aus Sicht der AfD. Ich halte es schlicht für angemessen, dass wir uns 30 Jahre nach der einzigartigen friedlichen Revolution fragen, wo wir als Land stehen, ob es das geworden ist, was wir Deutsche uns erhofft hatten und was wir jetzt daraus machen. Mich hat allerdings bei den Wahlauswertungen der Europawahl geärgert, dass die Deutschland-Karte überall bunt war und nur im Osten blau. Der Osten ist aber nicht blau, die Mehrheit im Osten hat nicht AfD gewählt, sondern demokratisch. Der Flickenteppich der stärksten Parteien ist halt viel kleinteiliger als im Westen, keine Partei dominiert, die Parteibindungen sind schon immer so schwach, wie sie es in allen westlichen Demokratien gerade werden. Im Grunde genommen ist der Osten viel bunter als der Westen.

Braucht man im Osten andere Rezepte gegen die AfD als im Westen?

Wichtig ist: mit den Menschen reden, egal wo sie herkommen, demokratische Entscheidungen nachvollziehbar machen und die Bürger einbeziehen. Ich bin kein Fan von Michael Kretschmer, aber dass er an jede Milchkanne gefahren ist, um mit den Menschen vor Ort zu reden, hat ihn wohltuend von anderen unterschieden.

Sie haben mal gesagt, am 9. November 1989 hätten Sie sich nicht besonders gefreut. Warum nicht?

Das Ende der DDR war ja eine sehr anarchische Zeit. Wir haben uns gefragt: Welche Gesellschaft wollen wir in einer freien Welt, in der es nicht Volkseigentum gibt, aber Verantwortung für das Eigentum? Wie macht man Friedenspolitik, wie macht man Umweltpolitik, wie organisiert man Demokratie? Die Demonstration am Tag nach der Öffnung der Grenze, bei der es darum ging, wie es weitergehen soll, war nur schlecht besucht. Ich war da, viele andere sind in den Westen gefahren, um sich dort umzugucken. Ich bin die Letzte, die nicht für die Freiheit gewesen wäre. Aber in diesem Moment war für mich klar: Es wird darauf hinauslaufen, dass wir versuchen, uns Westdeutschland anzugleichen. Die eigenen Gedanken, wie man Gesellschaft gestalten kann, spielen ab sofort kaum noch eine Rolle.

Ihre Vision war, einen dritten Weg zu finden?

Ja, ich hatte damals schon keine romantische Vorstellung vom Westen. Meine Hoffnung war: Wir nehmen das Beste aus beiden Teilen Deutschlands, um daraus etwas gemeinsames Neues zu machen. Wir Deutschen hätten damals intensiver darüber nachdenken sollen, was wir aus dem Osten übernehmen können. Die Poliklinik ist ein Beispiel oder die Kinderbetreuung. Und so sehr ich heute für das Grundgesetz eintrete, war ich damals der Meinung, dass eine gemeinsame neue Verfassung ein wichtiges Signal gewesen wäre.

Wie war es, als Sie dann das erste Mal in den Westen kamen?

Ich war im Frühjahr 1989 privat im Westen, in Kassel. Im Paradies war ich jedenfalls nicht angekommen. Die Behörden in der DDR waren aber offenbar sehr erstaunt darüber, dass mein Mann und ich damals tatsächlich zurückgekommen und nicht einfach im Westen geblieben sind. Aber für mich war völlig klar: Ich wollte nicht auswandern, nicht weglaufen. Ich wollte an dem Ort, an dem ich bin, bleiben und mitgestalten.

Warum haben Sie sich für eine Partei entschieden, die westdeutscher nicht sein könnte?

Ich war erst in der Bürgerbewegung "Demokratischer Aufbruch", die sich dann aber für die "Allianz für Deutschland" und Helmut Kohl entschieden hat. Das war nicht mein Weg, das entsprach nicht meinen Vorstellungen. Dann kam ich zu "Demokratie jetzt" und "Bündnis 90". Wir haben ein Jahr lang harte Verhandlungen mit den West-Grünen geführt, wie wir eine gemeinsame Partei werden können. Das war übrigens die einzige Partei, die sich dann als echtes Bündnis zusammengeschlossen hat, keine andere Partei hat es so gemacht. Es war schon spannend: Man saß an einem Tisch, sprach in derselben Sprache, aber verstand sich trotzdem nicht. Erst nach und nach haben wir uns aneinander herangerobbt. Die Idee des Bündnisses war, zusammenzubringen, was für die West-Grünen elementar und was für uns im Osten elementar war, und daraus etwas gemeinsames Neues zu machen. Die Grundlagen waren ja nah beieinander. Für uns: Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. Für Die Grünen: basisdemokratisch, ökologisch, sozial, gewaltfrei.

Ist Ihnen in der Partei gelungen, was im Großen nicht gelungen ist?

Nein, aber es war ein Versuch, und der war aller Ehren wert. Es lag auch an uns Bündnis-90-Leuten aus dem Osten: Irgendwie waren alle ganz froh, als wir uns Mitte der neunziger Jahre um andere Fragen kümmern konnten als darum, wie das Land zusammenwächst. Ich wollte mich nicht die ganze Zeit nur mit den Ostthemen beschäftigen, weil ich das Gefühl hatte, es gibt etwas Größeres und Wichtigeres: Atomausstieg, gesellschaftliche Reformen. Nun, erst 30 Jahre später, merkt so mancher von uns, dass es schlauer gewesen wäre, die unterschiedlichen Perspektiven in Ost und West mehr in den Mittelpunkt zu stellen.

Wie haben Sie die West-Grünen 1989 erlebt? Waren die aufgeschlossen und interessiert?

Naja, so fünf, sechs waren schon aufgeschlossen und interessiert. Das war die absolute Minderheit. 1990 lautete der grüne Wahlkampfslogan: "Alle reden von Deutschland, wir reden vom Wetter." Die meisten haben früh gemerkt, dass das nicht so schlau war. Das heißt aber nicht, dass es ein größeres Interesse für den Osten gegeben hätte. Wir waren halt da. Und gestört haben wir nur selten. Ich sage das bewusst so, denn das geschah im gegenseitigen Einvernehmen. Die meisten von uns Ostdeutschen wollten nicht die Ossi-Karte spielen.

Wie ist es heute? Gibt es heute ein Interesse Ihrer Parteifreunde für den Osten?

Es war gut, dass viele nach den Ausschreitungen in Chemnitz waren und bei dem großen Konzert Flagge gezeigt haben. Aber vor allem ist in den letzten Monaten unsere Partei wirklich zusammengewachsen, ich würde sagen, so eng waren wir noch nie. Ich habe in den Wahlkämpfen in allen drei Ostländern so viele Grüne aus westdeutschen Kreisverbänden getroffen wie niemals zuvor. Das hat es in keiner anderen Partei gegeben. Jenseits von Herrn Maaßen habe ich keine Wahlkampfhelfer der CDU aus Westdeutschland wahrgenommen.

Sie sind als Fraktionsvorsitzende wiedergewählt worden, aber im Vorfeld der Wahl wurde von Ihren Fraktionskollegen Unmut darüber geäußert, wie Sie Ihr Amt ausgeübt haben. Was wollen Sie künftig anders machen?

Wir Grüne sind an einem ganz entscheidenden Punkt unserer Geschichte. Die Probleme, die wir adressieren, insbesondere die Klimakrise, aber auch der gesellschaftliche Zusammenhalt und das Funktionieren unserer Demokratie, haben sich in vielen Jahren unserer Opposition exponentiell verschärft. Es wird eine riesige Herausforderung für uns Grüne werden, wenn wir Regierungsverantwortung übernehmen, ab dem Tag 1 in einer potentiellen Koalition, mit wem auch immer, zu tun, was zu tun ist. Unsere Aufgabe ist gewaltig, insbesondere beim Klimaschutz. Wir haben die Rolle des grünen Beiboots abgelegt. Ganz konkret und unsexy: Wir müssen als Grüne auf einer Ebene und in einem Maße funktionieren, wie wir es bislang nicht kannten. Und das vorzubereiten ist meine Aufgabe als Fraktionsvorsitzende. Wir sind dabei der Thinktank und die Konzeptschmiede der Grünen.

Aber an Ihrem Führungsstil wollen Sie nichts ändern?

Ich bin ein sehr neugieriger Mensch und freue mich immer, wenn ich etwas verändern kann. Es gab auch Zeiten, in denen mir vorgeworfen wurde, dass ich mich immer neu erfinden würde. Ich tue das auch sehr gerne. Ich bin aber nicht dazu bereit, mit der Parteiführung in einen Wettstreit darüber einzutreten, wer welche Bühne bekommt und wer mehr glänzt.

Die Fragen stellte Helene Bubrowski.

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