Klimakrise

Klima und Geschlechtergerechtigkeit

Sitzungssaal mit vielen Menschen am Tisch
17.12.2018

Im Vorfeld der UN-Klimakonferenz COP24 fand am 28. November 2018 in den Räumlichkeiten des Deutschen Bundestages das öffentliche Fachgespräch der grünen Bundestagsfraktion zu den „Auswirkungen der Klimakrise auf Frauen im Globalen Süden und ihre Rolle im Kampf gegen die Klimakrise“ statt.

Mit der Erwärmung unserer Atmosphäre um ein Grad ist die Klimakrise in vielen Regionen der Welt bereits grausame Realität geworden. Dürren, Stürme und steigende Meeresspiegel bedrohen die Lebensgrundlagen vieler Menschen. Während die Verursacher in erster Linie die Industrienationen des globalen Nordens sind, treffen die negativen Auswirkungen der menschengemachten Klimakrise besonders die Frauen in den Ländern des globalen Südens.

„Unsere Überlebensfähigkeit sichern wir nur, wenn wir gegen patriarchale Ausbeutungsstrukturen und für Geschlechtergerechtigkeit kämpfen", betonte Bundestagvizepräsidentin Claudia Roth einleitend und begrüßte die Gäste. Klimagerechtigkeit und Geschlechtergerechtigkeit seien untrennbar miteinander verbunden. Nun brauche es die engagierte Umsetzung des Gender Action Plan und die Verankerung einer gendergerechten Klimapolitik auf der COP24 in Kattowitz.

Für eine wirkungsvollere Gestaltung nationaler und internationaler Klimapolitik sei die Gleichberechtigung von Frauen und marginalisierten Gruppen entscheidend. Dabei müsse der zunehmenden Kriminalisierung der Frauen-, Umwelt- und Klimabewegung, der Aktivistinnen und Aktivisten entschieden entgegen getreten werden.

Wirkungsvolle Klimapolitik gibt’s nur mit Genderperspektive

„Wir werden solange über die besonderen Auswirkungen der Klimakrise auf Frauen reden, solange das Problem von allen Akteuren, insbesondere den Entscheidungsträgern, nicht ernst genommen wird“ sagte Dorothy Nalubega - Koordinatorin des Global Greens Women’s Network for the African Greens Federation.

Sie schilderte, wie die Klimakrise in ihrer Heimat Uganda besonders Frauen betrifft und berichtete über ihren täglichen Kampf gegen die klimabedingten Auswirkungen. In Uganda lebten Frauen auf dem Land meist von Subsistenzlandwirtschaft. Sie seien zuständig für die Ernährung ihrer Familien und die Organisation von Trinkwasser. Die durch die Klimakrise länger andauernden Dürren gefährdeten ihre Ernährungssouveränität. Die zusätzliche Zeit, die sie dadurch auf den Feldern arbeiten müssten, nehme ihnen auch die Möglichkeit für Bildung, weitere Lohnarbeit oder politische Partizipation.

Die länger werdenden Wege, die sie gehen müssten, um Wasser zu holen, erhöhe auch die Gefahr sexuell belästigt, überfallen und vergewaltigt zu werden. Weltweit sind 43 Prozent der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft Frauen, aber nur 20 Prozent der Frauen sind Landeigentümerinnen. In Uganda verwehrt man ihnen das Recht auf Landbesitz.

Dorothy Nalubega wünscht sich mehr Zusammenarbeit zwischen Frauen in globalem Süden und Norden, denn die Klimakrise kenne keine Grenzen und Frauen in allen Teilen der Welt müssten mit deren Folgen kämpfen. Nur gemeinsam sei man stark.

Je geschlechtergerechter die Klimapolitik, desto kleiner der CO2-Fußabdruck pro Person

Ulrike Röhr von Gender CC - Women for Climate Justice forderte einen Perspektivwechsel bei der Gestaltung der Klimapolitik. Die Frauenperspektive müsse die Klimapolitik prägen. Hierzu reiche nicht nur eine formale Frauenquote in der Wirtschaft oder Politik. Frauen müssten an Entscheidungsprozessen auf allen Ebenen aktiv beteiligt werden. Sie betonte ebenfalls, wie Dorothy Nalubega, dass eine Zusammenarbeit zwischen Frauen im globalen Norden und Süden für beide Seiten gewinnendbringend sei.

Im Bereich Gender Mainstreaming könnten die Industrieländer viel von Entwicklungsländern - zum Beispiel bei Einführung von Gender Impact Assessments - lernen. Im Rahmen des Forschungsvorhabens des Bundesumweltministeriums  „Gendergerechtigkeit als Beitrag zu einer erfolgreichen Klimapolitik“ würden aktuell Vorschläge eines „Gender Impact Assessment“ für den Klimabereich erarbeitet.

Laut Ulrike Röhr belege eine Studie, dass nach dem Bruttosozialprodukt die Gleichstellung der Geschlechter der wirksamste Faktor für die Minderung von CO2-Emissionen sei. Zu beobachten sei zudem , dass Länder, die sich ambitionierte Klimaziele setzten, wie Schweden, auch eine ambitioniertere Gleichstellungspolitik hätten.

Für Lisa Badum, klimapolitische Sprecherin der Fraktion, muss Deutschland als einer der größten Verursacher der Klimakrise hier Verantwortung tragen. Die Bundesregierung stehe im Bereich Klima- und Gendergerechtigkeit noch ganz am Anfang eines langen Wegs. Dies zeigten auch die mageren Antworten der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Grünen Bundestagsfraktion zum Thema Klima- und Gendergerechtigkeit.

Gendergerechte Klimafinanzierung ist effektiv und nachhaltig

Der zweite Teil der Diskussion befasste sich mit den Anforderungen an eine gendergerechte Klimafinanzierung. Uwe Kekeritz, Sprecher für Entwicklungspolitik betonte, dass die grüne Bundestagsfraktion die Bedeutung der Zusätzlichkeit der Klimafinanzierung erkannt habe. Die Fraktion habe dazu den Finanzplan 2020 für Entwicklung und Klima vorgelegt, der 800 Millionen Euro jährlich zusätzlich für die internationale Klimafinanzierung vorsehe. Dabei sei eine gendersensitive Vergabe der Mittel wichtig.

Liane Schalatek Klimaexpertin und Stellvertretende Leiterin des Washington-Büros der Heinrich-Böll-Stiftung merkte an, dass die Klimafinanzierung eines der großen Themen bei der COP24 in Katowice sei. Sie forderte, dass die Genderpolitik stärker in die Klimafinanzierungsprogramme integriert werden müsse und nicht als eine Art „Add On“ betrachtet werde. Dies setze wiederum voraus, dass die EntscheidungsträgerInnen die Bedeutung einer gendergerechten Klimafinanzierung verstünden. Klima sei nicht genderneutral, die Finanzierungsinstrumente dürfen daher auch nicht genderblind oder genderneutral sein, forderte Schalatek.

Dies könne nur mit einer aktiven Partizipation von Frauen an Entscheidungsprozessen erfolgen. Darum sei umso wichtiger, dass durch die Klimafinanzierung den Frauen im globalen Süden die Möglichkeit gegeben würde, zum Beispiel an Klimaverhandlungen teilzunehmen. Darüber hinaus müsse ihnen der Zugang zu Informationen über die Finanzierungsquellen verschafft werden, die oft aufgrund der konservativen Geschlechterrollen in ihren Ländern unterbleibe. Ein entscheidender Hebel für Frauen sei der direkte Zugang zu Finanzierungsmitteln der einzelnen Klimafonds, hier brauchten sie gezielte Unterstützung, diese zu beantragen.

Der Kampf gegen die Klimakrise bedarf vieler Veränderungen

Fleur Newman  - Gender Affairs Officer in UNFCCC-Sekretariat – wies drauf hin, dass der Kampf gegen die Klimakrise nicht nur durch technische Lösungen erfolgen könne. Es bedürfe vieler Veränderungen. Sei es gesellschaftlich, sei es institutionell. Es gäbe nun zwar einen Genderaktionsplan im COP Prozess, das sei ein großer Fortschritt. Ein Problem sei aber zum Beispiel, dass die nationalen Klimaanpassungsprogramme gar keine Gender-Zielvorgaben enthielten. Es werde darüber jedoch nicht berichtet.

UNFCCC biete nun „Trainings“ auf der COP24 für nationale und regionale „Gender focal points“ an. Spannend sei auch, dass die ImplementierungspartnerInnen der Klimafonds nun Genderstrategien entwickeln müssten. Dies habe dazu geführt, dass sich nun auch eine Institution wie die Deutsche Bank mit dem Thema befassen müsse.

Fazit

Alle ReferentInnen und Abgeordneten waren sich einig, dass ohne eine gendergerechte Klimapolitik Klimagerechtigkeit nicht gewährleistet werden könne und dass ohne Perspektiven von Frauen eine gendergerechte Klimapolitik nicht existiert.

Der Verlauf der Debatten und der Blickwinkel hängen immer davon ab, wer an Entscheidungsprozessen beteiligt ist. Nur durch eine entsprechende Diversity-Strategie an Entscheidungstischen kann gewährleistet werden, dass Interessen aller Akteurinnen und Akteure im Kampf gegen die Klimakrise berücksichtigt werden. Man müsse sich insgesamt für eine feministische Klima- und Energiepolitik mit VorreiterInnen einsetzen.

Der Diskurs über Klimaungerechtigkeit, also über die VerursacherInnen und die Leidtragenden der Klimakrise, und über Klimagerechtigkeit, also ein gutes Leben für alle, in den Ländern des globalen Südens, des Nordes und für unsere zukünftigen Generationen, muss unter viel stärkerer Einbeziehung von Frauen erfolgen. Lisa Badum sicherte zu, dass die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen sich dafür einsetzt.