Nationalsozialismus

„Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ als NS-Opfergruppen anerkennen

Überlebende besuchen das ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und zünden Kerzen an.
Mehrere zehntausend Menschen wurden zwischen 1933 und 1945 zu „Asozialen“ und „Berufsverbrechern“ erklärt, verfolgt und in Konzentrationslagern interniert. Als NS-Opfergruppen sind diese Menschen bis heute nicht anerkannt. Am 27. Januar 1945 wurde das nationalsozialistische Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von der sowjetischen Roten Armee befreit. Zum Jahrestag der Befreiung kommen alljährlich Überlebende, um an der Toten zu gedenken und die Greul nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. picture alliance/Daniel Schäfer/dpa-Zentralbild/dpa
04.04.2019

Derzeit stehen wir an einer historischen Schwelle. Die letzten Strafprozesse gegen NS-Täter finden statt und es leben nur noch wenige Zeitzeugen, die selbst Erfahrenes berichten und Fragen beantworten können.

Politische Rechte fordert Schlussstrich unter die Aufarbeitung

Zudem sehen wir uns von rechts mit der Forderung nach einem Schlussstrich unter die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus konfrontiert. Umso wichtiger ist es, noch lebenden Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen und die Lücken in der Erinnerungskultur zu schließen. Der Antrag zur „Anerkennung der NS-Opfergruppen der damals sogenannten „Asozialen“ und „Berufsverbrecher““ soll hierzu beitragen.

Das Menschheitsverbrechen an den europäischen Juden steht in seiner Singularität zu Recht im Zentrum deutscher Erinnerungskultur. Doch auch über 70 Jahre nach Kriegsende gibt es blinde Flecken.  Dazu gehört  die bisher wenig beachtete Opfergruppe der sogenannten „Asozialen“ und „Berufsverbrecher“, die im KZ den schwarzen beziehungsweise grünen Winkel tragen mussten. Sie sind bis heute nicht als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt.

Opfer einer sozialrassistischen Politik

Mehrere zehntausend Menschen wurden zwischen 1933 und 1945 von Gestapo, Wohlfahrtsbehörden oder Gerichten zu „Asozialen“ und „Berufsverbrechern“ erklärt. Sie wurden in Konzentrationslagern interniert und mussten dort den schwarzen beziehungsweise grünen Winkel tragen. Etwa 16.000 Menschen wurden auf Weisung von Gerichten direkt nach einer Haftstrafe zur „Sicherungsverwahrung“ in KZs gebracht, ohne dass eine Straftat vorlag, ohne dass sie dagegen Rechtsmittel einlegen konnten, und das für den Rest ihres Lebens.

Betroffen waren Menschen mit sehr unterschiedlichen Biographien. Gemeinsam war ihnen, dass sie nicht dem Bild des tüchtigen, angepassten, nationalsozialistischen Menschen entsprachen oder bewusst oder unbewusst einen Lebensstil verfolgten, der nicht in die die nationalsozialistische Ideologie passte.

„Asozial“ in der NS-Zeit

Es waren Bettler, Obdachlose, unangepasst sechzehnjährige Fürsorgezöglinge, Kleinkriminelle mit Bagatellvorstrafen oder Hamburger Swing Kids. Auch Homosexuelle, Juden, Sinti und Roma oder politische Oppositionelle wurden von Justiz- und Verwaltungen zunehmend als „asozial“ bezeichnet und verfolgt. Dabei nahmen die einweisenden Behörden Tod der Betroffenen zumindest in Kauf.

Lücken im kollektiven Gedächtnis schließen

Dass diese Opfergruppen „vergessen“ wurden liegt auch daran, dass bis in die 1970er Jahre die „präventive Kriminalitätsbekämpfung“ nicht als NS-Unrecht galt, sondern als Fortsetzung von Kriminalpolitik mit anderen Mitteln. Viele Betroffene haben das Stigma verinnerlicht und schwiegen aus Scham über ihr Schicksal. So entstanden Leerstellen in den Familien und Lücken im kollektiven Gedächtnis. Umso wichtiger ist es heute, das Schweigen zu brechen.

In letzter Zeit ist Bewegung in die Debatte gekommen durch den Beirat der „Stiftung Denkmal der ermordeten Juden Europas“ und eine Reihe von WissenschaftlerInnen sowie Vertretern von KZ-Gedenkstätten, die den von Prof. Nonnenmacher initiierten Appell zur Anerkennung dieser Opfergruppen unterstützen, darunter viele Mitglieder des Deutschen Bundestages.

Es ist an der Zeit, das Schweigen zu beenden und die Lücken im kollektiven Gedächtnis zu schließen. In unserem Antrag fordern wir die Aufnahme dieser Opfergruppen in die offizielle Erinnerungskultur und ihre Anerkennung als Opfergruppe des Nationalsozialismus. Für die heute noch lebenden Opfer fordern wir den Zugang zu einer angemessenen, würdigen Entschädigung. Außerdem setzen wir uns dafür ein, die Forschungslücken, die bis heute in diesem Bereich bestehen, zu schließen. Auch wenn diese Forderung im Koalitionsvertrag steht, verzögert die Große Koalition die Anerkennung weiter.

Es an der Zeit, das Schweigen zu beenden die Erinnerungslücke endlich zu schließen und klar zu machen: Niemand war zu Recht in einem KZ!