30 Jahre Friedliche Revolution

Die "radix-blätter" revisited - DDR-Subkultur und die Friedliche Revolution

Foto einer Demonstration in der DDR.
DemonstrantInnen auf dem Olof-Palme-Friedensmarsch 1987. Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V. / Frank Heide
10.09.2019

Diesen Herbst feiern wir das 30-jährige Jubiläum der Friedlichen Revolution und des Falls der Mauer. An diesem historischen Ereignis waren viele Menschen beteiligt, vor allem die Bürgerinnen und Bürger, die mutig auf die Straße gingen und für Freiheit kämpften.

Die Friedliche Revolution hat aber auch eine Vorgeschichte, die sich oft im Versteckten abspielte. Die Untergrundzeitschrift "radix-blätter" ist ein wichtiger Teil dieser Geschichte. Sie erschien illegal im Verlag von Stephan Bickhardt und Ludwig Mehlhorn und war von 1986 bis 1990 ein radikales Debattenforum progressiver und dissidenter Kräfte aus Kunst, Literatur und Politik, die unter der SED-Diktatur totgeschwiegene Themen wie Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Alte Nazis und Umweltzerstörung  kritisch diskutierte.

Monika Lazar betonte in ihrer Begrüßungsrede, dass die Ereignisse vor 30 Jahren in der DDR nicht "über Nacht" passierten. Sie beruhten auf der jahrelangen Vorarbeit von mutigen Menschen und oppositionellen Gruppen. Diese standen auch in engem Kontakt mit Menschen in unseren Nachbarländern in Polen und der CSSR. Ein eindrucksvolles Beispiel für diese Vorbereitung der Friedlichen Revolution sind die "radix-blätter".

Aus dem Umfeld der "radix-blätter" entstand im September 1989 die Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“, aus der später Bündnis 90 hervorging. Mit Stephan Bickhardt, der DDR-Umweltaktivistin und Grünen-Politikerin Gisela Kallenbach sowie der Autorin Katrin Rohnstock diskutierte unser kulturpolitischer Erhard Grundl über Subkulturen, politisches Engagement und über die Frage, was wir aus der Geschichte der DDR-Subkultur für heute lernen können.   

 

Kunst macht Politik

Erhard Grundl pries in seiner Begrüßung die „radix-blätter“ als Gegenmodell zu den Filterblasen von heute, was Stephan Bickhardt in seinem Eröffnungsvortrag unterstrich, als er berichtete, aus welchen unterschiedlichen „lebenskulturellen Zonen“ sich die radix-Szene speiste: FilmemacherInnen, SchriftstellerInnen, Feministinnen, UmweltaktivistInnen und viele andere mehr waren dabei. Besonders wichtig sei allen der Kampf für die Freiheit der Kunst gewesen, denn „wenn es die Kunstfreiheit nicht mehr gibt, dann ist alles zu Ende“, so Bickhardt. Während der gesamten Veranstaltung waren Projektionen von Titelseiten der "radix-blätter" zu sehen, die zeigten, wie künstlerisch avanciert diese Publikation war.

Welche politisch wegweisende Analysen in den radix-blättern zu lesen waren, demonstrierte Bickhardt, als er aus einem Aufsatz der Philosophin und Theologin Dorothea Höck vorlas, der die Propagandasprache des DDR-Regimes eindrucksvoll demaskierte. Diese Vereinnahmung und Entwertung der Sprache finde sich heute bei der AfD wieder, die zudem noch versuche, die Friedliche Revolution für sich zu vereinnahmen und damit die Kämpfe von 1989 gleich mit entwerte, so Bickhardt.
Katrin Rohnstock, die sich in ihren Büchern, Interviews und Gesprächsalons mit den Biografien ehemaliger DDR-BürgerInnen auseinandersetzt, wies darauf hin, dass viele derjenigen Menschen, die damals für Freiheit und Demokratie gekämpft haben, sich in den Institutionen der DDR-Aufarbeitung etabliert hätten, andere aber auch unter prekären Bedingungen lebten und wenig am demokratischen Zusammenleben teilhätten. Überhaupt würden sich viele Menschen aus der ehemaligen DDR heute überflüssig fühlen.

Politisierung durch Naturzerstörung

Während viele ProtagonistInnen aus dem radix-Umfeld über ihre künstlerische Tätigkeit zum politischen Engagement fanden, geschah dies bei Gisela Kallenbach über das Thema Ökologie. „Die Umweltzerstörung war überall mit den fünf Sinnen wahrnehmbar“, so Kallenbach, und es war ihr wichtig, ihren Kindern eine lebenswerte Umwelt zu erhalten. Ihren Einsatz beschrieb sie als legalistisch, schließlich habe der Umweltschutz genauso wie die Religionsfreiheit in der DDR Verfassungsrang gehabt – es sei also darum gegangen, für die Einhaltung der Gesetze zu kämpfen. Es folgte ein kleiner Disput: Während Kallenbach aus eigener Erfahrung berichtete, dass jeder Einsatz für ökologischer Themen in der DDR kriminalisiert worden sei, behauptete Katrin Rohnstock, dass es allein am fehlenden Geld gelegen habe, dass in der DDR nichts für den Schutz der Umwelt getan wurde.

Für ein Institut für Demonstrations- und Subkultur

In der Debatte mit dem Publikum wurde darüber diskutiert, wie man diejenigen, die sich überflüssig fühlen, wieder für politisches Engagement gewinnen könnte. Besonders wichtig seien dafür, so war man sich auf dem Podium und im Publikum einig, gemeinsame öffentliche Räume, in denen Biografien und Geschichten erzählt werden können. Problematisiert wurde allerdings auch, dass Subkulturen nicht mehr per se progressiv seien, wie man etwa an der „Identitären Bewegung“ oder frauenfeindlichen Rappern sehe.
In ihrer Verabschiedung kündigte Monika Lazar, Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus der Bundestagsfraktion, an, dass sie die vielen interessanten Ergebnisse des Abends in die aktuelle Debatte um 30 Jahre Friedliche Revolution mitnehmen werde und alles dafür tun werde, dass Menschen die Demokratie, die wir haben, wieder schätzen lernen.