Kulturabend Freiheiten für Kreativität

Kulturabend

Über Kultur zu reden sei wider die Kultur - auf diese Sentenz Theodor W. Adornos wies der Soziologieprofessor Armin Nassehi zu Beginn seiner Keynote-Rede hin. Zum Glück war der Abend damit nicht nach wenigen Minuten beendet, so dass auf der Plenarsaalebene des Reichstagsgebäudes doch noch viel über Kultur, Kulturpolitik und Kreativität gesprochen werden konnte. Armin Nassehi wies auf die Bedeutung von Kunst und Kultur für die offene Gesellschaft hin und betonte, dass sich über Kultur nicht demokratisch entscheiden lasse, da Künstler „Diktatoren“ seien und ihre Arbeit immer eine Zumutung. Kunst zeige uns andere Versionen der Wirklichkeit. Dass die Rechten genau damit ein Problem haben und deshalb Kultur für ihre Idee von Patriotismus instrumentalisieren wollen, hatte die kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Ulle Schauws, bereits in ihrer Begrüßungsrede angesprochen. Denn AfD und Co. sehnen sich nach einer kulturellen Homogenität, die zu unserer pluralistischen und multikulturellen Gesellschaft nicht passt.

Im Gespräch zwischen Professor Nassehi und der Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt wurden wichtige gesellschaftspolitischen Fragen der Zeit angesprochen: Inwieweit hat Demokratie ein künstlerisch-ästhetisches Moment, als sie auch immer Alternativen aufzeigt und thematisiert? Wie kommen wir zu einem gemeinsamen „Wir“, das Vielfalt zulässt? Wie erreichen wir die Freunde des Postfaktischen, wenn Argumente nicht mehr fruchten? Welche Rolle spielt Kultur im Kulturkampf der Rechten genau? Welche Sprache lässt sich entwickeln, um angemessen über Migration und ihre Probleme zu reden?

Nach diesen grundsätzlichen Fragestellungen konnten an „Meeting Points“ kulturpolitische Themen vertieft werden. Grüne Abgeordnete diskutierten mit VertreterInnen der Kulturszene wie Amelie Deuflhard (Kampnagel Hamburg), Holm Friebe (Zentrale Intelligenzagentur), Johannes Ebert (Goethe-Institut) oder der Schriftstellerin Kathrin Röggla und den Gästen über soziale Absicherung von Kreativen, Verwertungszwänge, Bürokratie, Diversität und vieles mehr. Die Gespräche waren so offen, konstruktiv und so angenehm undogmatisch wie die Jazzklänge, die DJ Impulse auflegte. Hier gibt es eine Playlist seines Programms.

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2 Kommentare
re. Künstler seien Diktatoren
hatto fischer 24.03.2017

Mit dem Begriff 'Diktatoren' wird eine Verwirrung gestiftet. Gewiss, Künstler können sehr bestimmt vorgehen, aber es handelt sich um eine besondere Gesetzmässigkeit, denen sie nachgehen wollen. Diese Gesetzmässigkeiten bestimmen sie nicht selbst. Dabei müssen sie die Lehre der Proportionalität u.a. beachten. Kurzum, Kunst als frei gewordene Kreativität vertraut auf diese Gesetzmässigkeit und dadurch wird vor allem eines vermieden: Willkür. Nicht alles kann so oder so sein. Auch Menschen wollen nicht willkürlich betrachtet und behandelt werden. Kurzum ist das eine schlicht falsche Behauptung, wenn gesagt wird Künstler seien Diktatoren.

Keynote von Armin Nassehi als Transkript?
Thorsten Olscher 27.03.2017

gibt es die Keynote von Armin Nassehi evtl. als Transkript?
über einen Link wäre ich sehr dankbar...
beste Grüße und Dank für den Abend!

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