Gespräche über Heimat IV

Heimat Europa

Katrin Göring Eckardt, Balbina, Géraldine Schwarz und Erhard Grundl
Im vierten und letzten Teil unserer Gesprächsreihe zum Thema Heimat dieskutierten Katrin Göring Eckardt, Balbina, Géraldine Schwarz und Erhard Grundl.
06.11.2019
  • Die grüne Bundestagsfraktion diskutierte mit ihren Gästen auf insgesamt vier Salonveranstaltungen das Thema Heimat.
  • Die Titel der ersten drei Veranstaltungen waren "Politik. Heimat. Herkunft", "Heimathafen - Schutz, Sicherheit, Verlässlichkeit" und "Heimat im Umbruch"
  • "Heimat Europa" bildete den Abschluss der Gesprächsreihe.

Heimat lässt niemanden kalt. Sie weckt Emotionen und spielt in politischen Diskussionen wieder eine große Rolle: ob als Kampfbegriff von Rechtsaußen, als Ressort eines Ministeriums oder als – utopischer - Gegenentwurf zum Gefühl des Abgehängtseins. Nachdem die grüne Bundestagsfraktion in ihren ersten drei Heimatsalons über Heimat als politische Idee, Heimat in der Migrationsgesellschaft und Heimatgefühle in Ost- und Westdeutschland diskutiert hat, war in der vierten Diskussionsrunde Europa das Thema. Eingeladen waren die Journalistin und Autorin Géraldine Schwarz und die Musikerin Balbina. Mit ihnen und dem Publikum diskutierten die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt und der kulturpolitische Sprecher Erhard Grundl.

Der Fokus lag dabei nicht auf institutionellen Arrangements der EU, sondern auf der grundsätzlichen Frage nach dem europäischen Wertefundament. In ihrer Begrüßung betonte Katrin Göring-Eckardt, dass Heimat für sie keine „Wohlfühlzone“ sei, sondern ein Raum des Konflikts und der Auseinandersetzung. Genauso sei Europa nicht ein für alle Mal gegeben, sondern müsse immer wieder aufs Neue erfunden und erstritten werden. 

Keine Demokratie ohne Aufarbeitung der Geschichte

Géraldine Schwarz hat sich in ihrem Buch „Die Gedächtnislosen. Erinnerungen einer Europäerin“ intensiv mit Erinnerungskulturen in Europa auseinandergesetzt. Sie betonte, dass ein Wissen darüber wichtig sei, worauf die Europäische Gemeinschaft eine Antwort war, um Frieden und Demokratie nicht als etwas selbstverständlich Gegebenes zu sehen. Europa, so Schwarz, war und ist die Antwort auf Holocaust, Krieg und Hass.

Eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte sei eine zentrale Voraussetzung für ein gelingendes demokratisches Gemeinwesen. Jene Länder, die sich wie Frankreich als Opfer begriffen haben und die eigene Täterschaft nicht aufgearbeitet haben, hätten größere Probleme mit rechtspopulistischen Bewegungen als andere Länder. Hier sei mehr politische Bildungsarbeit notwendig.

Impressionen

Identitäten und Erinnerungskultur

Während Rechte heute die Wurzeln Europas vergessen machen und die Identität Europas festschreiben wollen, um sie gegen den Islam in Stellung bringen zu können, sei das Besondere Europas gerade die Vielfalt an Identitätsangeboten. Diese Beobachtung bestätigte Balbina, als sie erzählte, dass sie sich als Deutsche mit polnischem Background keinem bestimmten Territorium verbunden fühle.

Gleichwohl sei ihr der Gedanke fremd, sich wie viele Menschen in Osteuropa nicht mehr europäisch fühlen zu wollen. Unter ihren polnischen Freunden herrsche viel „Frustration, Traurigkeit und Angst“ angesichts der politischen Entwicklungen in ihrem Land. Balbina konstatierte ähnlich wie Géraldine Schwarz eine historische Vergesslichkeit: “Wo bleibt die Erinnerung an die Zeit, als die Freiheit kam und damit auch die Möglichkeit, Menschen aus anderen Ländern zu zeigen, wie schön es hier in Polen ist?“

Erhard Grundl ergänzte, dass es ein Erinnerungsdefizit auch auf in Deutschland gäbe: Leute, die vor Kurzem noch zutiefst rassistische Äußerungen gemacht hätten, könnten sich heute als seriöse Politiker oder Professoren gebärden. Nicht nur das Langzeitgedächtnis, sondern auch das Kurzzeitgedächtnis sei offenbar wenig ausgeprägt. 

Was ist der „European Way of Life“?

Wohl gäbe es in Europa eine „gespaltene Erinnerung“, eine Diagnose der Grande Dame der Erinnerungskulturforschung, Aleida Assmann, die Erhard Grundl in die Diskussion einbrachte. In der lebhaften Diskussion mit dem Publikum kam die Frage auf, was es mit dem neuen EU-Ressort für den „European Way of Life“ auf sich habe: Dient es der Abgrenzung gegenüber anderen Kulturen oder sollte man es als Chance begreifen?

Géraldine Schwarz deutete den Ressort-Titel als Antwort auf die Tatsache, dass neben der rationalen Wertedebatte eben auch Emotionen eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, sich in Europa heimisch zu fühlen. Dass es so etwas wie eine europäische Lebensart durchaus gibt, stelle sie immer dann fest, wenn sie auf anderen Kontinenten sei. Irgendetwas fehle dann.

Damit ein gemeinsamer europäischer Erfahrungsraum auch wirklich entstehen kann, forderte Alain Ziegler von „Junge Europäische Föderalisten“, dass das EU-Projekt, bei dem 18-jährige sich um Gratis-Interrail-Tickets bewerben können, weiter gestärkt wird. In einem amüsanten Exkurs berichtete der grüne Bundestagsabgeordnete Gerhard Zickenheiner von einem Zaun aus seiner Heimatregion, der als typisch für den Schwarzwald galt, den er dann aber auch auf einer Reise am Nordkap entdeckte. Das angeblich urdeutsche Objekt entpuppte sich nach weiteren Nachforschungen in Wirklichkeit als „pan-europäischer Best-Practice-Zaun“ - ein schönes Beispiel dafür, wie künstlich und trügerisch nationale Grenzziehungen sind und wie wirkmächtig das gemeinsame Europa unterhalb der Oberfläche immer schon war und ist.