Künstler Pascale Marthine Tayous steht vor seinem Kunstwerk. Anlass: 100-jährigen Bestehens des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa).  Die Ausstellung "Kolmanskop Dream" zeigt Wunden des Kolonialismus .
Die grüne Bundestagsfraktion fordert in ihrem Antrag eine systematische Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte und eine Erinnerungs- und Lernstätte in Berlin. Zum Foto: Der Künstler Pascale Marthine Tayous steht anlässlich des 100-jährigen Bestehens (2017) des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) in Berlin vor seinem Kunstobjekt. Die Ausstellung "Kolmanskop Dream" zeigt Wunden des Kolonialismus und thematisiert zeitgenössische Heilungsprozesse. dpa
15.02.2019

Die koloniale Fremdherrschaft Deutschland über Teile Afrikas, Ozeaniens und Chinas ist ein verdrängtes Kapitel der deutschen Geschichte. In der offiziellen Erinnerungskultur der Bundesrepublik wurden das Unrecht der deutschen Kolonialherrschaft, die damit verbundenen Verbrechen und der antikoloniale Widerstand bisher kaum berücksichtigt.

Hartnäckig hält sich die Meinung, Deutschland sei eine unbedeutende und harmlose oder sogar 'zivilisierend' wirkende Kolonialmacht gewesen. Aus kulturpolitischer Sicht ist es zudem ein Skandal, dass in deutschen Museen zahllose Objekte aus ehemaligen Kolonien lagern, ohne dass deren Herkunft (Provenienz) geklärt ist.

Erweiterung der deutschen Erinnerungskultur notwendig

Doch seit einiger Zeit wird die Diskussion über die deutsche Kolonialgeschichte verstärkt geführt. Auch die Große Koalition konnte sich dem nicht verschließen, so dass die Aufarbeitung des Kolonialismus im Jahr 2018 erstmals Erwähnung in einem Koalitionsvertrag der Bundesregierung fand. Ferner wollen Bund und Länder im Rahmen einer neuen Arbeitsgruppe der Kulturministerkonferenz eine gemeinsame politische Position zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten erarbeiten.

Zuletzt hat der im Auftrag des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron erstellte Bericht "Die Restitution des afrikanischen Kulturerbes. Für eine neue Ethik der Beziehungen" neue Dynamiken hervorgebracht und auch die Debatte in Deutschland voran getrieben.

Im Zuge dieser Debatte haben die zuständigen Staatsministerinnen Monika Grütters und Michelle Müntefering weitgehende Maßnahmen angekündigt. Doch bleiben konkrete und wirksame Schritte weitestgehend aus. So fehlt weiterhin ein zentraler Gedenkort für die Opfer des Kolonialismus, der Provenienzforschung und Digitalisierung der Museumsbestände werden viel zu geringe öffentliche Mittel zugewiesen und gesetzliche Regelungen zu Rückgabeansprüchen an Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten gehen über das Privatrecht nicht hinaus.

In unserem Antrag "Zur kulturpolitischen Aufarbeitung unseres kolonialen Erbes" fordern wir als grüne Bundestagsfraktion deshalb eine systematische und breite Aufarbeitung des kolonialen Erbes. Wir wollen die deutsche Erinnerungskultur grundlegend erweitern und eine breite gesellschaftliche Debatte über die deutsche Kolonialherrschaft und der damit verbundenen Verbrechen sowie die Folgewirkungen kolonialistischer Politik befördern.

Lernen für Gegenwart und Zukunft

Diese Debatte muss mit Demut und multiperspektivisch geführt werden. Der Kolonialismus war schließlich keine ausschließlich deutsche oder europäische Angelegenheit, sondern eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kolonisierten und Kolonisatoren, die auf Unterdrückung und Ausbeutung beruhte, aber auch vom Widerstand der kolonisierten Völker geprägt war.

Nur unter maßgeblicher Beteiligung der Nachfahren der Opfer des Kolonialismus - hierzulande und im globalen Süden - und der Abgabe von Deutungshoheit können wir unser koloniales Erbe aufarbeiten und aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft lernen.

Erinnerungs- und Lernstätte zur Aufarbeitung des Kolonialismus

Zentral ist für uns die Forderung nach einer Erinnerungs- und Lernstätte. Dieser Ort soll in der Bundeshauptstadt etabliert werden, dem Ort der berüchtigten Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 und dem politischen Zentrum des deutschen Kolonialismus. Mit dieser Stätte soll der Opfer der Kolonialverbrechen und ihres allgegenwärtigen Widerstands gedacht werden.

Gleichzeitig kann ein zentraler Erinnerungsort zur Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und dem Fortwirken kolonialistischer Politik einladen. Zudem fordern wir gesetzliche Grundlagen zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten und ein Förderprogramm zur transnationalen Aufarbeitung des Kolonialismus und eine Stärkung der Provenienzforschung sowie mehr Transparenz durch die Digitalisierung von Museumsbeständen.

Wichtig sind uns auch die umgehende Identifizierung und Rückgabe menschlicher Gebeine aus kolonialen Kontexten sowie das Verbot anthropologischer Forschung an Gebeinen aus kolonialen Kontexten. Grundlage all dieser Maßnahmen ist, dass den Herkunftsgesellschaften ein Anspruch auf die Kulturgüter gewährt wird, die einst zu Unrecht in Besitz genommen wurden.