Erinnerungskultur

Koloniales Erbe aufarbeiten, Rassismus überwinden

Künstler Pascale Marthine Tayous steht vor seinem Kunstwerk. Anlass: 100-jährigen Bestehens des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa).  Die Ausstellung "Kolmanskop Dream" zeigt Wunden des Kolonialismus .
Hartnäckig hält sich die Meinung, Deutschland sei eine unbedeutende und harmlose oder sogar "zivilisierende" Kolonialmacht gewesen. Damit muss Schluss sein, wenn wir Rassismus überwinden wollen. Zum Foto: Der Künstler Pascale Marthine Tayous steht anlässlich des 100-jährigen Bestehens (2017) des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) in Berlin vor seinem Kunstobjekt. Die Ausstellung "Kolmanskop Dream" zeigt Wunden des Kolonialismus und thematisiert zeitgenössische Heilungsprozesse. dpa
04.03.2021
  • Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Debatte über die deutsche Kolonialherrschaft und ihre Folgen für das Hier und Heute.
  • Nur unter maßgeblicher Beteiligung der Nachfahren der Opfer des Kolonialismus und der Abgabe von Deutungshoheit können wir unser koloniales Erbe aufarbeiten.
  • Wir Grüne im Bundestag fordern eine Lern- und Erinnerungsstätte in der Bundeshauptstadt, die auch als Referenzpunkt für die dezentralen Erinnerungsorte funktioniert, die es vielerorts schon gibt.

Die koloniale Fremdherrschaft Deutschland über Teile Afrikas, Ozeaniens und Chinas ist ein verdrängtes Kapitel der deutschen Geschichte. In der Erinnerungskultur der Bundesrepublik wurden das Unrecht der deutschen Kolonialherrschaft, die damit verbundenen Verbrechen und der antikoloniale Widerstand bisher kaum berücksichtigt.

In ihrem Koalitionsvertrag von 2018 hat sich die Bundesregierung die Aufarbeitung des Kolonialismus zur Aufgabe gemacht. Doch auf Bundesebene fehlt es noch immer an politischer Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialherrschaft und der Verbrechen, die in ihrem Namen verübt wurden. In unserem Antrag "Zur kulturpolitischen Aufarbeitung unseres kolonialen Erbes" fordern wir Grüne im Bundestag eine systematische und breite Aufarbeitung des kolonialen Erbes. Wir wollen die deutsche Erinnerungskultur grundlegend erweitern und eine breite gesellschaftliche Debatte über die deutsche Kolonialherrschaft und der damit verbundenen Verbrechen sowie die Folgewirkungen kolonialistischer Politik befördern. Diese Debatte muss mit Demut und multiperspektivisch geführt werden.

Erinnerungs- und Lernstätte zur Aufarbeitung des Kolonialismus

Zentral ist für uns die Forderung nach einer Erinnerungs- und Lernstätte. Dieser Ort soll in der Bundeshauptstadt etabliert werden, dem Ort der berüchtigten Berliner „Afrika-Konferenz“, in deren Rahmen der afrikanische Kontinent 1884/85 unter den europäischen Kolonisatoren aufgeteilt wurde. Mit dieser Stätte soll der Opfer der Kolonialverbrechen und ihres allgegenwärtigen Widerstands gedacht werden. Gleichzeitig kann dieser Erinnerungsort die Auseinandersetzung mit dem Fortwirken kolonialistischer Politik und strukturellem Rassismus befördern.

Zudem fordern wir gesetzliche Grundlagen zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten. Den Herkunftsgesellschaften muss ein Anspruch auf die unrechtmäßig entwendeten Kulturgüter gewährt werden. Besonders entschiedenes Vorangehen ist hier bei der Rückführung von „human remains“ (menschlichen Gebeinen) geboten, und zwar nicht nur aus Pietät, sondern weil ihr Fehlen bei den Angehörigen in vielen Fällen als extrem schmerzvoll wahrgenommen wird und zu schweren Belastungen führen kann. Ein Förderprogramm zur transnationalen Aufarbeitung des Kolonialismus soll nicht zuletzt zu einer engeren Kooperation auf wissenschaftlicher, kultureller und zivilgesellschaftlicher Ebene führen.