Verkehrswende

ÖPNV im ländlichen Raum

Bushaltestelle im Dorf
Eine Studie im Auftrag der grünen Bundestagsfraktion hat sich mit dem Ausbaus des öffentlichen Verkehrs im ländlichen Raum befasst. Ergebnis: Auf mehr Geld und innovative Lösungen kommt es an. Dennis Gries / pixabay.com
03.09.2020
  • Um Klimaschutzziele zu erreichen, müssen wir die hohen Anteile des motorisierten Individualverkehrs mit dem Auto senken und Verkehr stärker auf Bahn, Bus und Fahrrad verlagern.
  • Oft steht bei der Verkehrswende die Stadt im Mittelpunkt. Viele Verkehre entstehen aber in den Speckgürteln und in ländlichen Gebieten, der dann in die Städte fließt und dort zu einer hohen Belastung führt.
  • Eine Studie im Auftrag der grünen Bundestagsfraktion zeigt auf, dass große Potentiale für eine Ausweitung des ÖPNV im ländlichen Raum vorhanden sind, dass es aber in erster Linie eine Finanzierungsfrage ist, die Potentiale zu heben.

Die Verkehrswende steht und fällt mit der Frage, ob es gelingt, den hohen Anteil des Autoverkehrs am Verkehrsgeschehen zu senken und den Umweltverbund aus Bahn, Bus, Rad- und Fußverkehr und neuen Sharing-Diensten auszubauen. Keine Sonntagsrede über die Mobilität der Zukunft kommt ohne dieses Ziel aus – verkehrspolitisch passiert ist jedoch seit Jahren viel zu wenig. Die klimaschädlichen CO2-Mengen, die der Verkehr ausstößt, bleiben ebenso groß wie die fast täglichen Staus rund um die Ballungsgebiete in Deutschland. Auch die Abhängigkeit der meisten Pendlerinnen und Pendler vom Auto bleibt bestehen.

Welche Potentiale hat der ÖPNV im ländlichen Raum?

Die Grüne Bundestagsfraktion hat eine Studie in Auftrag gegeben, die sich mit den Herausforderungen der ländlichen Mobilität beschäftigt. Dabei ging es insbesondere darum zu beleuchten, welche Potenziale im öffentlichen Verkehr mit Bus und Bahn sowie mit Hilfe neuer Mobilitätsdienste gehoben werden können. Ist es möglich, zumindest die Anschaffung eines Zweit- und Drittautos in Zukunft obsolet zu machen – und was bräuchte es dazu?

Im Ergebnis hat die Studie gezeigt, dass es fürs Land eine Mobilitätsgarantie braucht, also eine Garantie, dass öffentliche Mobilität überhaupt sichergestellt wird. Diese Mobilitätsgarantie bedeutet mehr, als nur einen Bus im Stundentakt übers Land fahren zu lassen. Solche punktuellen Angebote auf dem Land sind nur Insellösungen, die das Gesamtsystem des öffentlichen Überlandverkehrs nicht verbessern und kaum den Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger im ländlichen Raum entsprechen. Wer den öffentlichen Verkehr auf dem Land zu einem echten Leistungsträger machen will, muss den Überlandbus durch ein „Durch-das-Land-Shuttle“ ersetzen. Das heißt, es braucht einen zuverlässigen Flächenverkehr statt starrer Linien. Mit einer neuen Angebotsplanung können mehr Fahrgäste gewonnen und Fixkosten effizienter eingesetzt werden. Möglich muss es etwa werden, dass Fahrgäste verlässlich und ohne langes Warten an unwirtlichen Haltestellen Oberzentren oder Bahnhöfe erreichen können.

Die Studie rechnet vor, dass der Anteil des öffentlichen Verkehrs am gesamten Mobilitätsmix (Modal Split) in allen untersuchten Raumtypen gesteigert werden kann. In Speckgürtel-Regionen von heute etwa 20 auf bis zu 50 Prozent, in strukturstarken ländlichen Räumen von etwa 7 auf bis zu 35 Prozent und selbst in strukturschwachen ländlichen Räumen von etwa 5 bis 7 auf bis zu 20 Prozent.

Bus und Bahn im ländlichen Raum fördern

Feststeht: Wenn Bus und Bahn in ländlichen Gebieten zu einem erfolgreichen Angebot werden soll, müsste allein in strukturschwachen ländlichen Räume bundesweit etwa eine Milliarde Euro mehr pro Jahr ausgegeben werden. Umgekehrt müssen Anreize, die seit Jahrzehnten den Autoverkehr immer weiter vermehren, reduziert werden. In der Verkehrspolitik spricht man von „Push & Pull“. Dazu gehören etwa die Preise für fossile Kraftstoffe oder das Parken. Umgekehrt sollte unter anderem das Ticketing im öffentlichen Verkehr vereinfacht und vereinheitlicht werden, auch über die störenden Tarifgrenzen der Verkehrsverbünde hinweg.

Aus den Studienergebnissen lassen sich folgende politische Empfehlungen ableiten:

  • Für die Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land braucht es ein zuverlässiges und flexibles öffentliches Verkehrssystem, für das jeder einen Beitrag leistet. Zu prüfen ist unter anderem die Einführung einer flächendeckenden Nahverkehrsabgabe auf dem Land, die den Ausbau von Bus und Bahn unterstützt.
  • Der Betrieb von Bahn und Bus müsste auch bundesseitig höher gefördert werden, gerade infolge der Corona-Pandemie, die viele Nahverkehrsanbieter in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringt. Zu prüfen wäre etwa eine Ausweitung der Regionalisierungsmittel auf Überlandbusse.
  • Für die Verkehrswende insgesamt muss die Finanzierung des öffentlichen Verkehrs vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Das gilt vor allem für die Mittel, die Bund und Länder Jahr für Jahr für den Ausbau der Infrastruktur bereitstellen – öffentliche Mittel müssen künftig konsequent auf den Ausbau der umweltfreundlichen Verkehrsmittel Bahn, Bus und Radverkehr ausgerichtet werden.
  • Ein wichtiger Schlüssel für eine Stärkung des öffentlichen Verkehrs auf dem Land liegt in der Digitalisierung, damit zum Beispiel Fahrgäste minutengenau und aktuell über Ankunftszeiten informiert sind, in der Vernetzung aller Verkehrsangebote – vor allem durch die Etablierung von Ridesharing (entgeltliche Mitnahme von ÖPNV-Kunden in Privat-Pkw) und in der Automatisierung, um in ausgewählten Bereichen auch autonom fahrende Busse einzusetzen.