Wohnungs- und Obdachlosigkeit

Offizielle Wohnungslosenstatistik: Ein Schritt in die richtige Richtung

09.12.2019, Berlin: Ein obdachloser Mann sitzt zwischen Autos auf einem Parkplatz am Zoo.Obdachloser
Immer mehr Menschen finden keine Wohnung oder müssen auf der Straße leben. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. hat jüngst neue Schätzungen veröffentlicht und einen erneuten Anstieg der Wohnungslosigkeit festgestellt. picture alliance/Paul Zinken/dpa
16.03.2020
  • Der Deutsche Bundestag hat die Einführung einer Statistik zu Wohnungs- und Obdachlosigkeit beschlossen. Bis dato gab es keine offizielle Statistik.
  • Im Beratungsverfahren haben wir zahlreiche Änderungen eingefordert, damit die Daten möglichst ehrlich erfasst werden.
  • Für uns Grüne im Bundestag sind Obdach- und Wohnungslosigkeit ein sozialpolitischer Handlungsauftrag. Das Thema gehört in den Fokus der Politik.

Der traurige Trend zur Wohnungslosigkeit ist seit Jahren ungebrochen. Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosigkeit e.V. (BAG-W) waren im Verlauf des Jahres 2018 678.000 Menschen wohnungslos. Sie haben kein Dach über dem Kopf, leben in sozialen Einrichtungen oder bei Freunden, Bekannten oder Verwandten. Die BAG-W schätzt außerdem, dass 41.000 Personen auf der Straße leben. Insgesamt stieg die Zahl der Betroffenen im Vergleich zum Vorjahr um 4,2 Prozent an. Immer mehr Frauen, Jugendliche und Familien mit Kindern sind wohnungslos.

Wir fordern seit Jahren eine offizielle Wohnungslosenstatistik

Diese „nicht offiziellen“ Zahlen sind wertvoll, denn sie verraten uns einiges über die Struktur von Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Nichtsdestotrotz sind es nur Schätzungen. Deswegen war es absolut richtig, dass eine konsistente, offizielle Wohnungslosenstatistik und ein bundesweiter Rahmen, wie welche Daten zu erheben sind, geschaffen wurde. Allerdings kann der Gesetzesentwurf der Bundesregierung nur ein Einstieg in eine Wohnungslosenstatistik sein. Denn es sollen nur jene wohnungslosen Menschen erfasst werden, die in Einrichtungen untergebracht sind. Menschen, die privat Unterschlupf finden, bleiben außen vor. Daher zeichnet sich schon heute ab, dass viele Menschen von der offiziellen Statistik nicht erfasst werden. Zwar sieht das Gesetz eine begleitende Berichterstattung mit Konzentration auf Obdachlosigkeit vor, allerdings darf das die Bundesregierung nicht davon abhalten, auch weitere von Wohnungslosigkeit betroffene Personengruppen statistisch zu erfassen. Um dem gerecht zu werden, haben wir einen Antrag in den Bundestag eingebracht.

Erst mit offiziellen Zahlen kann Obdachlosigkeit verhindert werden

Eine weitere Gruppe, die nicht in der Wohnungslosenstatistik auftaucht, sind Menschen, die unmittelbar von Wohnungslosigkeit bedroht sind, die eine Kündigung erhalten haben und deren Wohnung kurz vor der Zwangsräumung steht.

Zur Prävention braucht es auch hier Daten, um passgenaue Lösungen zur Abwendung eines akut drohenden Wohnungsnotfalls entwickeln zu können. Dazu gehören auch Erkenntnisse, welche Personen auf der Straße leben. Erst wenn wir mehr wissen, lassen sich die zentralen Fragen beantworten: Aus welchen Gründen fallen diese Menschen aus den sozialen Sicherungssystemen? Welche sozialpolitischen Antworten müssen wir geben, um zum Beispiel EU-BürgerInnen, die stärker von Straßenobdachlosigkeit betroffen sind, vor Obdachlosigkeit zu schützen? Welche anderen und speziellen Formen der Unterbringung brauchen wir für Familien und junge Menschen? Wie lassen sich besonders verletzliche Personengruppen wie Frauen, Jugendliche oder LSBTI* besser schützen, die auf der Straße nicht selten Opfer von Gewalt oder sexueller Belästigung werden?

Es ist Zeit für einen nationalen Aktionsplan gegen extreme Armut

Deutschland ist ein reiches Land. Wenn immer mehr Menschen vom System der sozialen Sicherung nicht erfasst werden und letztlich sogar auf der Straße landen, dann ist das mehr als ein Indiz, dass sozialpolitisch einiges falsch läuft. Wir wissen: die Ursachen sind komplex und es gibt keine einfachen Antworten. Es ist nur klar, dass der Bund, Länder und Kommunen an einem Strang ziehen und gemeinsam mit Sozialverbänden und (ehemals) Betroffenen ein nationales Aktionsprogramm erarbeiten müssen, mit dem Wohnungs- und Obdachlosigkeit bekämpft und nachhaltig verhindert wird.

Es ist jedenfalls gut, dass das Thema endlich dort ist, wo es hingehört: im Fokus der Politik. Wir Grüne im Bundestag sorgen dafür, dass es dort auch bleibt.