Bienen Absurde Situation

Ein Stadt-Imker nimmt am 28.07.2016 hoch über den Dächern von Frankfurt am Main (Hessen) eine mit Honigbienen übersähte Wabe in Augenschein.
Honigbienen in der Stadt finden leichter und länger Nahrung als ihre Verwandten auf dem Land. Diese absurde Situation verdanken wir maßgeblich dem überbordenden Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft.

Die Forschung, ob es den Honig-Bienen in der Stadt und in stadtnahen Gebieten besser geht, steht erst am Anfang. Doch zeigen erste Forschungsergebnisse, die in einer Auftragsstudie der grünen Bundestagsfraktion zusammengefasst werden, einen Trend: Eine vergleichende Gegenüberstellung der Standorte „Stadt“ und „Land“ ergibt für die Gesundheit der Honigbiene die „Stadt“ als geeigneteren Standort. Zwei Gründe sind hier maßgeblich: Das abwechslungsreiche und kontinuierliche Blütenangebot in der Stadt und stadtnahen Gebieten, als auch der deutlich verminderte Pestizideinsatz.

Die intensive Landwirtschaft wirkt sich auf vielfältige Weise negativ auf das Leben der Bienen aus. Großflächige Monokulturen schränken die Biene bei ihren rund vier Kilometer großen Radius während der Nahrungssuche ein. Streifen mit blühenden Büschen und Bäumen wurden in den letzten Jahrzehnten immer stärker auf Kosten noch größerer Felder zurück gedrängt. Eine starke Düngung der Wiesen mit Gülle hat zu einem Rückgang von Wildblumen geführt. Auch bieten Pollen und Nektar in landwirtschaftlichen genutzten Gebieten oftmals keine gleichmäßige qualitativ und quantitativ hochwertige Nahrungsgrundlage. Wenn Raps und Sonnenblumen auf den Feldern blühen, ist das Nahrungsangebot für die Bienen ausreichend. Diese Blüte dauert aber nur wenige Wochen und nicht in allen Regionen werden diese Kulturen angebaut. Die übrige Zeit ist das Pollen- und Nektarangebot oftmals nicht ausreichend und die Bienen haben es schwer ihre tägliche Nahrung zusammenzutragen.

Landbiene findet weniger Nahrung

Dies macht sich auch in den unterschiedlichen Honigerträgen von Stadt- und Landbienen deutlich. In einem kürzlich abgeschlossenen Forschungsprojekt des Institutes für Bienenkunde in Celle produzierten die Stadtbienen in Hamburg mehr als doppelt so viel Honig, wie die Vergleichsvölker, die in stark landwirtschaftlich genutzten Flächen aufgestellt wurden.

Die Menge und die Abwechslung bei den Blüten beziehungsweise Pollen haben aber großen Einfluss auf die Konstitution und Gesundheit der Bienen. Dies ist auch ein Grund, warum sich Stadtvölker durch eine erhöhte Vitalität auszeichnen. In den Vorgärten und Parks blühen von April bis September deutlich kontinuierlicher Bäume, Büsche und Blumen. Die urban aufgestellten Honigbienenvölker sind somit im Gegensatz zu den Honigbienen der Agrarflächen in der Lage über einen längeren Zeitraum Pollen und Nektar zu sammeln.

Pestizide gefährden die Überlebensfähigkeit der Völker

Die entscheidende Rolle für die unterschiedliche Verfasstheit von Stadt- und Landbienen kommt aber offenbar dem Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft zu. Pestizide, wie die Gruppe der Neonics, führen bei Kontakt nicht zu einem unmittelbaren Bienensterben, sondern können das Volk entscheidend in ihrer Überlebensfähigkeit schwächen. Die Bienen verlieren an Orientierungs- und Kommunikationsfähigkeit und können somit weniger Blüten finden, anfliegen und entsprechend Nektar und Pollen zurück zum Nistplatz bringen.

Rückstände von Pestiziden in Bienenwaben gehen zusätzlich einher mit einer stärkeren Anfälligkeit für pathogene Krankheitserreger und die Varoa-Milbe. Dies wirkt sich auf die Langlebigkeit und das Überleben der Brut aus. Zwar werden auch in Vorgärten und Parks vereinzelt Pestizide eingesetzt, aber nicht in relevanten Mengen. Entsprechend findet man in städtischen Honigproben nur selten Rückstände von Pestiziden.

„So sehr ich mich über den Trend der urbanen Imkerei freue", so die Vorsitzende des Umweltausschusses Bärbel Höhn "es ist doch absurd, dass unsere Bienen in städtischen Revieren deutlich mehr Honig sammeln, weil sie auf dem Land nicht mehr genug Blütennahrung finden und zudem von Pestiziden bedrängt werden!" Jetzt gehe es darum, dass deutlich weniger Pestizide in der konventionellen Landwirtschaft eingesetzt werden und der Ausbau des Ökolandbaus forciert wird. "Ansonsten drohen uns Verhältnisse wie in den USA oder in China, wo viele Bienenvölker kreuz und quer durchs Land gefahren oder Apfelbäume gar per Hand bestäubt werden müssen.", so Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik.

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20 Kommentare
Bienen in der Stadt?
Tho Ho 10.01.2017

Interessant, was den Politikern als "Information" zugemutet wird.
Mir fehlt die fundierte wissenschaftliche neutrale Recherche, wie ich sie in meinem naturwissenschaftlichen Studium erfahren habe.
Ich bewirtschafte seit langer Zeit stets mehr als ein Duzend Bienenvölker und habe mit Standorten in der Stadt keine guten Erfahrungen gemacht, doch dies ist noch lange kein Beweis. Hierzu benötigt ein seriöser Untersucher eine funduerte Versuchs- und Vergleichsplanung und nicht nur eine subjektive Einschätzung, die für eine Talkshow ausreicht. Wissenschaftliches Arbeiten ist anstrengend und unpopulär aber notwendig um dem postfaktischen Sog zu entgehen.

Was ein Quatsch!
Heike Brauckhoff 10.01.2017

Interessant, dass die Kommentare der Imker ganz andere Erfahrungen schildern, als die Grünen, die in diesem Artikel nur scheinbare Fakten nennen und diese auch noch gründlich verdrehen.
Tatsächlich habe auch ich als Imkerin in der Stadt mal gute und mal schlechte Honigjahre und manchmal mehr und manchmal weniger als die Kollegin aus dem ländlichen Umfeld bei Bremen. Pestizide gab es schon vor Jahrzehnten - meist noch reichhaltiger eingesetzt als heute - und die ländliche Honigernte war trotzdem reichhaltig.
Wissenschaftliche Untersuchungen sehen anders aus, als erst mal auf die "bösen" Pestizide zu schimpfen und diese dann für alles andere verantwortlich zu machen!

Absurde Situation?
Hubert Reppenhorst 11.01.2017

Absurd ist doch wohl eher, wie in dem Artikel unbewiesene Behauptungen aufgestellt werden.
Ich halte selber Bienenvölker auf mehreren unterschiedlichen Standorten und kenne als Bienensachverständiger viele Imkerinnen und Imker.
Einen pauschalen Unterschied im Honigertrag nach Stadt und Land habe ich noch nicht festgestellt.
Auch die Gesundheit der Bienenvölker kann nicht nach Stadt und Land beurteilt werden.
Die Unterschiede die ich bei den Bienenvölkern feststelle, haben ihre Ursache überwiegend im Wissensstand der Imkerinnen und Imker.
Wer nicht gut ausgebildet imkert, erntet weniger Honig und hat mehr Probleme mit Krankheiten, insbesondere der Varroa.

Landerfahrungen im Oberbergischen Kreis
Angelika Leistikow 11.01.2017

Wissenschaftl. Studien über Pestizide sind mir nicht so geläufig.
Aufgefallen ist mir allerdings in der obigen "Studie" auch, dass teilweise Bezug auf "ist der Meinung", "äußert" oder "Herr Sowieso stellt fest" genommen wurde. Auf welcher Grundlage beruhen die Aussagen und kann man daraus Schlußfolgerungen ziehen? Weiter kann ich "auf dem Land weniger Honig" nicht nachvollziehen.Ich habe 40 -. 50 kg pro Volk, wenn das Wetter mitspielt. Honigunters. ergaben hier am Standort keine Rückstände. Als Bienensachverständige erlebe ich oft, dass Imkerkollegen die Varroa nicht im Griff haben. Was wir brauchen, sind flächendeckende Forschungen zum Thema unter Berücksichtigung der Wettereinflüsse.

Langweiliger Text
Dorothea Axtmann 12.01.2017

Geht es den Honigbienen in Deutschland schlecht? Nein. Nur wenn sich die ImkerInnen nicht genügend kümmern. Insbesondere um die Varroa.
Und wenn man es dann richtig macht, kann man sich vor Bienenvölkern kaum noch retten - viel Honig kommt noch dazu. Egal ob vom Land oder der Stadt. Zumindest ist das bei mir so.
Bei den Wildbienen habe ich mehr Empathie. Da gibt es so viele mit speziellen Ansprüchen, die kaum Jemand kennt. Da sollte mehr geforscht werden. Und mehr getan werden, um ihre Lebensansprüche sicher zu stellen. Z.B. durch Anlage von Heckenstrukturen. Rückzugs- und Verbreitungsmöglichkeit für viele Tiere - und Pflanzen. Da macht es auch Spaß, entlang zu laufen und zu entdecken!

Kein Unterschied
Pietsch 14.01.2017

Ich kann diese Studie ebenfalls bis jetzt nicht bestätigen. Meine Bienen stehen in einer Gartenanlage und die Bienen einer befreundeten Imkerin auf dem Land mitten in den Feldern. Mir ihrem Honigertrag kann ich in der Stadt nicht mithalten. Es gibt auf dem Land kurze Pausen, aber eine "Hungersnot" gab es bei ihr noch nie. Tragen ihre Bienen wenig ein, tragen meine in der Stadt auch wenig ein. Wir beide imkern seit 2014. Sie hat noch kein Volk verloren und ich auch nicht.
Zum Thema "Spritzen" kann ich sagen, das in Gartenanlagen der Städte auf keinen Fall weniger gespritzt wird. Es wird vor allem unkontrolliert behandelt, oft auch mit alten Beständen nicht mehr zugelassener Mittel.

Andere Erfahrungen!
Ulrich vom Endt 16.01.2017

Ich habe einen großen Teil meiner Völker in einem Gebiet stehen, das zur "Agrarwüste" zu zählen ist. Dennoch sind Probleme in der Volksentwicklung nach Massenfrühtrachtende bisher ausgeblieben. Großes Bienensterben aufgrund von Chemieeinsatz stellte ich bisher nicht fest. In Gesprächen mit Landwirten erlebe ich immer wieder, dass deren Sensibilität, bezogen auf Einsatz von Spritzmitteln, eine Veränderung erfahren hat. "Je weniger, je besser" lautet
durchgängig die Meinung. Dass in Gegenden intensiver agrarischer Nutzung keine überdurchschnittlichen Sommertrachterträge zu erwarten sind, sollte klar sein
Helfen Bienen in der Stadt, die Situation auf dem Land zu verändern??

Rückgang oder Zunahme, das ist hier die Frage
Bienenfreund 16.01.2017

Auf Seite 9 der Literaturstudie steht: "Mit der weltweiten Reduktion der Honigbiene von etwa 45% innerhalb der letzten 50 Jahre..."

Bei der FAO steht das Gegenteil. Dort ist der Weltbestand von Honigbienen im Jahr 1961 von rd. 41, 2 Millionen auf 83,4 Millionen Bienenvölker im Jahr 2014 gestiegen. Was ist nun richtig?

Man rufe FAO.org auf, dann Faostat, dann live animals, dann beehives. So einfach.

Was soll man von der Studie nun halten, wenn sie von einer auf den Kopf gestellten Annahme ausgeht?

Glaube gehört zur Kirche-Wissen in die nicht nur (Imker)köpfe
Axel Söhnlein 16.01.2017

Ein kleiner Steckbrief: Bioimker 35 Völker Dadant Zander 3 Bienenstände Imker seit 30 Jahren.Meine Völkerverluste sind jährlich sehr gering und liegen zwischen 0 - bis 3 Völkern - Wenn die Varoabehandlung richtig und konsequent durchgeführt wird. (Oxalsäure/biotechnisch) Zum Honigertrag:
alles gut 35 - 45 kg, wichtiger aber ist das Tierwohl. Honiganalysen zeigen keine Rückstände, Rückstände im Wachs nach Analyse ebenfalls gering.
Wer viel Erfahrung hat, sollte sich selbst immer kritisch hinterfragen, ob sich nicht Routinefehler eingeschlichen haben! Stadt-Land? Kein Thema

Großflächige Monokulturen
Brätz 17.01.2017

Gerade die hier geschmähten großflächigen Monokulturen ermöglichten in den 70er und 80er Jahren den größten Imkereiboom in der deutschen Geschichte - in der DDR nämlich. Und Pestizide wurden in großem Stil eingesetzt. Nicht einmal die Varroa vermochte den Boom zu stoppen. Vielmehr waren es die politischen Umwälzungen 1989/90 und der damit einhergegangene Preisverfall, die zum Zusammenbruch führten.
Es hat also keinen Sinn, die Bienen in eine vermeintliche Opferrolle zu drängen oder gar vor politische Karren zu spannen. Das Wohl dieser Tiere liegt vor allem in der Hand der Imker. Die Anzahl der gehaltenen Völker hängt dagegen wesentlich von der Attraktivität des Honigpreises ab.

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