Untersuchungsausschuss Wirecard

Das Schweigen der Prüfer

wirecard Bilanzskandal: Ermittler durchsuchen Wirecard-Bueros .
Ein Schweigekartell der Wirtschaftsprüfer zeigt, dass Angst vor Transparenz immernoch größer ist als der Wille zur Aufklärung. Einer von denen, die den Betrug letztlich aufgedeckt haben, legt dabei den Finger in die Wunde. picture alliance / SvenSimon | FrankHoermann/SVEN SIMON
27.11.2020
  • Wir wollen den größten Wirtschaftsskandal Deutschlands aufklären, Missstände beseitigen und so das Vertrauen in Wirtschaftsprüfer und Unternehmen in Deutschland stärken. 
  • Anleger*innen bei Wirecard haben seit März 2020 17 Milliarden Euro verloren. Wirtschaftsprüfer hätten erkennen müssen, dass Wirecard schon Jahre zuvor gar keinen Gewinn erzielte, sondern lediglich vorgab, profitabel zu arbeiten.  
  • Wir müssen aufklären und herausfinden, wie der Skandal passieren konnte, um die Fehler abzustellen, die den Skandal möglich gemacht haben. Dazu müssen wir das Schweigekartell der Ernst&Young-Wirtschaftsprüfer aufbrechen.

Der Untersuchungsausschuss befragte am 27. November 2020 die Wirtschaftsprüfer, die einen entscheidenden Anteil am Wirecardskandal hatten. Anleger*innen und Banken haben viel Geld verloren, während Kriminelle das Unternehmen über Jahre plünderten.

Mitglieder aus dem Wirecardvorstand und dem Senior Management kauften etwa selbst Unternehmen über Briefkastenfirmen, um sie später dann zu völlig überhöhten Preisen an Wirecard weiter zu verkaufen. Zusätzlich erfand Wirecard Erträge mit Scheinfirmen, sodass der Eindruck entstehen sollte, Wirecard sei ein sehr profitables Top-Unternehmen. Was es nicht war. Die Aufgabe von Wirtschaftsprüfern wäre es gewesen, diese erfundenen Erträge zu hinterfragen. Stattdessen bestätigten die Prüfer die Wirecardbilanzen. Banken und Investoren vertrauten auf diese Bilanzen und gaben Wirecard Geld im Vertrauen, dass das angeblich hochprofitable Unternehmen das Geld sicher würde wieder zurückzahlen können.

Nur die intensiven Recherchen der Financial Times Journalisten Dan McCrum und Stefania Palma, die die Bilanzen besser prüften als ganze Teams hochbezahlter Wirtschaftsprüfer*innen des Unternehmens Ernst &Young, brachten am Ende Licht ins Dunkel. So wurde ein weiterer Wirtschaftsprüfer, KPMG, mit einer Sonderprüfung beauftragt, an deren Ende klar wurde, dass Wirecard seine Erträge und sogar seine Bankguthaben nur erfunden hat.

Die Schweigetaktik von Ernst&Young

Entsprechend der Schlüsselrolle der Wirtschaftsprüfer lud der Untersuchungsausschuss die verantwortlichen Ernst&Young Partner ein. Partner sind bei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften die Top-Manager, die am meisten verdienen und dafür auch die Verantwortung tragen, wenn etwas schief läuft.

Schnell wurde jedoch klar, dass keiner der Eingeladenen über Wirecard sprechen wollte. Die Prüfer verweigerten stattdessen die Aussage und beriefen sich auf ihre Schweigepflicht gegenüber Wirecard.

Tatsächlich haben Wirtschaftsprüfer eine Schweigepflicht in Bezug auf Einsichten, die sie bei den zu prüfenden Unternehmen gewonnen haben. Diese Schweigepflicht ist grundsätzlich sinnvoll und notwendig, damit alle im Unternehmen auch vertrauensvoll mit den Prüfern sprechen können und nicht etwa Angst haben müssen, dass die Prüfer Geschäftsgeheimnisse an andere Unternehmen weiter tragen. Der Insolvenzverwalter Wirecards, der aktuell das Unternehmen führt, hatte die Prüfer jedoch vor dem Auftritt im Ausschuss von der Schweigepflicht entbunden. Und auch der Aufsichtsrat und der restliche Vorstand schlossen sich dem an. Die Prüfer vertraten im Ausschuss jedoch die Auffassung, dass auch der frühere Vorstand sie von der Schweigepflicht entbinden müsse, bevor sie aussagen dürften.

Das würde bedeuten, dass Markus Braun und Jan Marsalek ebenfalls zustimmen müssten, wobei der eine in der JVA Augsburg einsitzt und wenig Interesse an Aufklärung hat und der zweite im Ausland untergetaucht ist. Der Ausschuss hat nun ein Zwangsgeld gegen die Prüfer beschlossen, gegen welches diese Einspruch vor dem Bundesgerichtshof (BGH) einlegen werden. Der BGH wird dann entscheiden, ob die Prüfer vor dem Ausschuss aussagen müssen. Sollte der BGH das Schweigen der Prüfer als unzulässig einstufen, werden wir diese definitiv wieder vor den Ausschuss laden.

KPMG Prüfer legt den Finger in die Wunde

Auskunftswillig zeigte sich allein der KPMG-Prüfer, der den Betrug letztlich aufdeckte. Während sich Ernst &Young über Jahre damit zufrieden gab, dass unbekannte Firmen gefälschte Kontoauszüge vorlegten, nach denen angeblich knapp zwei Milliarden Euro bei einer philippinischen Bank lagen, (die nicht einmal insgesamt so viele Euros auf Kundenkonten hatte,) verlangte KMPG unter anderem direkte Bestätigungen dieser Guthaben von der Bank, woraufhin der Betrug aufflog. Der KPMG-Prüfer erklärte dazu, sein Vorgehen sei „keine Raketenwissenschaft“ – das heißt, auch Ernst&Young hätte so vorgehen müssen.

Nun ist der BGH am Zug und wird hoffentlich die Ernst &Young-Prüfer auffordern, vor dem Ausschuss auszusagen. Wir hoffen, dass diese daraufhin ihre Schweigetaktik beenden und endlich beginnen, eigene Fehler einzugestehen und an der Aufklärung mitzuarbeiten.