Untersuchungsausschuss Wirecard

Wirecard und die Banken

Die Skyline von Frankfurt am Main in der Dunkelheit zeigt die Hochhäuser der Banken.
In der Befragung schoben Deutsche Banken den Schwarzen Peter zu Finanzaufsicht und Wirtschaftsprüfern, die den Betrug hätten zuerst erkennen können und falsche Signale gesetzt hätten. Der bemerkenswerte Schritt einer bestimmten Bank wirft jedoch Fragen auf. dap
18.01.2021
  • Wir wollen den größten Wirtschaftsskandal Deutschlands aufklären, Missstände beseitigen und so das Vertrauen in Wirtschaftsprüfung und Unternehmen in Deutschland stärken. 
  • Anleger*innen bei Wirecard haben seit März 2020 17 Milliarden Euro verloren. Aber der Schaden ist viel größer: auch Investoren bei deutschen Banken, bei öffentlichen Banken und die Steuerzahler*innen zahlen für die ausgefallenen Kredite der Banken an Wirecard.  
  • Wir müssen aufklären und herausfinden, wie der Skandal passieren konnte, um die Fehler abzustellen, die den Skandal möglich gemacht haben. Dazu befragen wir die Vorstände der Banken, die Wirecard Geld geliehen haben.

Der Untersuchungsausschuss befragte am 14. und 15. Januar 2021 die Vorstände der Banken, die Kredite an Wirecard ausreichten. Wirecard ist nicht primär ein Skandal der deutschen Banken - trotzdem müssen erklären, warum sie nicht früher die Kreditlinien Wirecards gestrichen haben.

Strategie der Einschüchterung

Die Bayrische Landesbank hatte bereits 2018 die Kredite an Wirecard gekündigt, da man das Geschäftsmodell des Unternehmens nicht verstand. Diese demütige Ehrlichkeit ist das, was vielen anderen Banken, Wirtschaftsprüfern und der Aufsicht fehlte.

Der Vorstandsvorsitzende von Wirecard, Markus Braun, erklärte regelmäßig Bedenken für abwegig und erklärte abschätzig, die Kritiker*innen seien schlicht zu doof, um das Geschäftsmodell des modernen Technologieunternehmens Wirecard zu verstehen. Tatsächlich verfolgte Braun die Strategie, mit seinen abschätzigen Bemerkungen Kritiker*innen einzuschüchtern: Viele waren unsicher, die eigenen Bedenken einzugestehen und als Bedenkenträger*in zu gelten, nicht in der Lage, moderne Geschäftsmodelle zu durchdringen.

Wer einen Skandal wie den bei Wirecard zukünftig verhindern will, muss daher auch das Rückgrat der handelnden Akteure stärken. Vorstandsvorsitzende müssen legitime Fragen von Journalisten und Analysten beantworten. Es muss zum Alarmsignal werden, wenn Vorstände sich über Fragesteller lustig machen und Vorwürfe pauschal als unbegründet wegwischen, statt auf diese einzugehen.

Leerverkaufsverbot mitentscheidend in Kreditprozessen

Einzelne Banken verwiesen auch auf das Leerverkaufsverbot der BaFin und erklärten, dass man der BaFin vertraute, die sich mit dem Leerverkaufsverbot auf die Seite Wirecards stellte und erklärte, das Unternehmen leide unter unangemessenen Angriffen von Leerverkäufern.

Stattdessen waren die Leerverkäufer diejenigen, die den Betrug bei Wirecard erkannten und deshalb darauf setzten, dass dieser auffliegen musste. In Finanzkrisen können Leerverkäufe problematisch sein und die Krisen verstärken; in normalen Zeiten können sie auch eine positive Rolle spielen: Sie ermöglichen, mit der Betrugsaufdeckung Geld zu verdienen.

Manche Fonds haben sich herauf spezialisiert und untersuchen Bilanzen nach Auffälligkeiten. Verbietet man deren Handeln, erhöht das die Gefahr, dass Betrug länger unentdeckt bleibt. Genau das ist bei Wirecard passiert.

Die BaFin ist dem Narrativ Wirecards von den bösen „angloamerikanischen“ Leerverkäufern gefolgt, ohne deren berechtigte Kritik überhaupt zu prüfen. Ihrer Prüfpflicht, die die Integrität und Stabilität des deutschen Finanzsystems sichern soll, ist die BaFin nicht gerecht geworden.

Zukünftig muss die BaFin unabhängig und vorurteilsfrei Betrugsvorwürfe überprüfen, anstatt Leerverkäufern aufgrund ihres „kulturellen Hintergrunds“ sowie „israelischer und britischer“ Pässe der handelnden Personen eine Manipulationsabsicht zu unterstellen.

Wirecard-Claqueurin bei der Commerzbank

Auch die Researchabteilungen von Banken spielten im Ausschuss eine Rolle. Große Banken verfügen über solche Abteilungen, die Anlageempfehlungen für Kunden entwickeln. Nur wenige der gut bezahlten Analyst*innen in diesen Abteilungen haben Kritik an Wirecard geäußert. Manche spielten sogar das Spiel von Wirecard mit.

Eine AnalystIn bei der Commerzbank hielt bis zur Insolvenz an einem Kursziel für das Unternehmen von 230 Euro fest. Im Rahmen der Untersuchungen des Ausschusses wurden auch E-mails bekannt, in welchen die Analystin den Namen von Wirecard-Kritiker*innen an Wirecard weiterleitete. Außerdem beschimpfte die AnalystIn in ihren Berichten kritische Journalisten als Produzenten von „Fake News“ und „Serientäter“, die angeblich mit Leerverkäufern zusammen arbeiten. Die Commerzbank muss hier für einen Kulturwandel im eigenen Research sorgen.