Solidarische Ökonomie

Sinn mit Gewinn - Fachgespräch

Die Grünen MdBs Dieter Janecek (2. vli) und Markus Kurth (re) suchten im Gespräch mit ExpertInnen nach Wegen, um soziales Unternehmertum zu stärken. Grüne Bundestagsfraktion
14.11.2018

Die vielen erfolgreichen Unternehmen, die unter dem Begriff der „Solidarischen Ökonomie“ gefasst werden, zeigen, dass Wirtschaften auch jenseits einer einseitigen Shareholder Economy funktioniert. Sie stellen die Stakeholder in den Mittelpunkt. Das machte Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen Bundestagsfraktion, in seinem Grußwort deutlich.

Genossenschaften ermöglichen Mitwirkung und Mitgestaltung

Ein wichtiger Akteur solidarischen Wirtschaftens sind genossenschaftliche Betriebe. Ihre Zahl hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. „Gemeinsam mehr erreichen“ – das ist der Grundgedanke von Genossenschaften. Nachhaltigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Selbsthilfe und Effizienz sind seit Jahrzehnten Markenzeichen dieser demokratischen Gesellschaftsform.

Genossenschaften fördern die wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Belange ihrer Mitglieder. Wie keine andere Rechtsform bieten sie die Möglichkeit der Mitwirkung und Mitgestaltung.

Attraktive Alternative für Gründungen

Dr. Katja von der Bey, Geschäftsführerin der Berliner Weiberwirtschaft eG, stellte fest: „Genossenschaften sind zeitgemäßer als je zuvor“. Die Rechtsform müsse deshalb noch deutlich bekannter werden. Für Markus Kurth, Grüner Obmann im Ausschuss für Arbeit und Soziales, stellen Genossenschaften einen wichtigen Bereich innerhalb unseres sozialstaatlichen Systems dar. Sie sollen den Staat jedoch keineswegs aus der Verantwortung entlassen. Beispielsweise im medizinisch-sozialen Bereich arbeiteten viele Genossenschaften sehr erfolgreich.

Genossenschaftliches, also kooperatives Wirtschaften sei produktiver als das Handeln eines privaten, rein gewinngetriebenen Akteurs. Er stimmte Dr. von der Bey deshalb zu, dass die genossenschaftliche Rechtsform bei Gründerinnen und Gründern zu einer wirklichen Alternative werden müsse.

Soziale Marktwirtschaft im digitalen Zeitalter

Zunehmend wichtige Akteure solidarischen Wirtschaftens sind Social Entrepreneurs. Startups, die Gewinnorientierung ausdrücklich mit dem Ziel gesellschaftlichen Fortschritts verbinden, sind in Deutschland erst seit einigen Jahren in größerer Zahl in Erscheinung getreten.

Dagegen bilden sie in anderen Ländern, etwa in Großbritannien, bereits einen wichtigen Teil der Wirtschaft. Durch ihre innovative Arbeitsweise können sie neuartige und kreative Lösungsansätze für aktuelle Herausforderungen aufzeigen.

Martin Sauerhammer, Vorsitzender des Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e. V., beschrieb die aktuelle Umbruchsphase: Bei Unternehmerinnen und Unternehmern sowie in der Zivilgesellschaft sei sowohl eine Sinnsuche als auch ein Gestaltungswille erkennbar. Social Entrepreneurs können den Wunsch nach sinnvollem Wirtschaften kanalisieren und produktiv voranbringen.

Dabei sei es gleichwohl nicht ihr Ziel, Wohlfahrtsstaatlichkeit zu privatisieren. Vielmehr gehe es um die Rückkehr zu den Wurzeln der sozialen Marktwirtschaft und um deren Transfer in unsere heutige, digitalisierte Zeit.

Innovationen für die Verwaltung

Dieter Janecek, Obmann im Ausschuss Digitale Agenda und Mitglied des Wirtschaftsausschusses, hielt fest, dass es an einer bundesweiten Innovationsstiftung, wie es sie beispielsweise In Großbritannien bereits gibt, fehle. Es müssten politische Zuständigkeiten für Social Entrepreneurs geschaffen und Innovationen in die Verwaltung getragen werden. Dazu forderte Dieter Janecek auch, neue rechtliche Strukturen und Ansprechpartner für Social Entrepreneurs zu schaffen.

Solidarische Unternehmen stellten sich vor

  • Die Frauengenossenschaft Weiberwirtschaft eG, 1992 gegründet, betreibt mittlerweile Europas größtes Gründerinnen- und Unternehmerinnenzentrum in Berlin Mitte. Die Vorsitzende Dr. Katja von der Bey berichtete, wie die Weiberwirtschaft über eine frühe Form des Crowdfunding entstand. Heute besteht sie überwiegend aus Kleinstselbstständigen, die insbesondere die Miete kleiner Büroräume und die Vergabe von Mikrokrediten schätzen.
  • Die Unternehmergenossenschaft visibleRuhr eG vereint Spezialistinnen und Spezialisten des Ruhrgebiets unter dem Dach einer Genossenschaft. Geschäftsführer Oliver Schuster betonte: Ziel sei es, Kompetenzen für alle Prozesse und Phasen der Digitalen Transformation zu bündeln. Von der Kooperation profitierten sowohl die Mitglieder der Genossenschaft als auch deren Kundinnen und Kunden.
  • Als digitaler Inkubator konnte ProjectTogether seit 2013 über 500 Social Startups, Vereine und soziale Initiativen fördern. Die Projekte von ProjectTogether decken alle Themenfelder der United Nations Sustainable Development Goals ab – von Bildungsgerechtigkeit über nachhaltigen Konsum bis hin zur inklusiven Gesellschaft. Geschäftsführer Philipp von der Wippel betonte vor allem die große Chance, das Social Entrepreneurs Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen im Kleinen entwickeln und testen können. ProjectTogether möchte dabei vor allem junge Gründerinnen und Gründer gewinnen.
  • Die Innova eG bietet Hilfe zur Selbsthilfe: Ihr Schwerpunkt liegt, wie Vorstand Hans-Gerd Nottenbohm berichtete, bei der Unterstützung von Gründung und Aufbau von Selbsthilfe-Genossenschaften. Zusammen mit Kommunen, Betrieben der Arbeitsförderung, Wohnungsunternehmen und weiteren Partnern werde beispielsweise die Ausgründung von Genossenschaften aus bestehenden Projekten gefördert. Um die genossenschaftliche Rechtsform besser zu fördern, sollten die öffentlichen Finanzierungsprogramme mehr als bisher für Vereine und Genossenschaften geöffnet werden, so Nottenbohm. Darüber hinaus müssten gerade für kleinere Genossenschaften die bürokratischen Hürden gesenkt werden.