Grüne Wirtschaftskonferenz

Wandel unternehmen - Aufbruch in eine faire und ökologische Wirtschaft von morgen!

Der Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter eröffnet die Konferenz und macht deutlich, dass für uns Grüne nicht Wachstum die zentrale Größe ist, sondern zukunftsfähiger Wohlstand.
Die Wirtschaft von morgen beginnt schon heute. Mit Vorreiter-UnternehmerInnen und viele ExpertInnen diskutierten wir über Wege zu einer anderen Wirtschaft. Grüne Bundestagsfraktion
13.07.2015

Eine Wirtschaft, die für alle Menschen ökologisch, fair und gerecht gestaltet ist, muss keine Vision bleiben. Sie bricht sich schon heute Bahn, wie ein Baum, der den Straßenzug der Old Economy aufgebrochen hat und einer neuen Wirtschaft den Weg bereitet, mit sozialen und ökologischen Leitplanken. So auch das Veranstaltungslogo der Wirtschaftskonferenz der grünen Bundestagsfraktion, auf der am 4. Juli zahlreiche Abgeordnete mit den hundert TeilnehmerInnen und den geladenen ReferentInnen diskutiert haben.

In der Begrüßungsrede des Fraktionsvorsitzenden Dr. Anton Hofreiter wurde deutlich, dass es eine Politik mit einer klaren Orientierung und Zielen braucht, um eine Wettbewerbsordnung zu schaffen, in der alle Wirtschaftssubjekte die gleichen Voraussetzungen erfüllen müssen (gerechtes level playing field). Eine solche Wettbewerbsordnung verhindert dann unlautere Vorteile für Unternehmen, die sich einzig und allein der Maximierung ihrer Rendite verschreiben, sondern wird die Unternehmen fördern, die neben ökonomischen Zielen auch sozial und ökologisch verantwortlich handeln.

Wohlstand für Alle – eine Vision?!

Welche Orientierung und Ziele muss sich eine grüne Politik geben, wenn sie die gegenwärtigen sozialen und ökologischen Herausforderungen volkswirtschaftlich beziehungsweise global lösen will? Die Antworten auf diese Fragen skizzierte Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts, in seiner Keynote. Mit Rückgriff auf die Ergebnisse der Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Bundestages stellte er in den Mittelpunkt seiner Überlegungen die Frage nach den Entkopplungsmöglichkeiten von Wirtschaftswachstum und Umweltverbrauch. Die Orientierungs- und Zielgrößen leitete er dabei aus den Konzepten der planetary boundaries von Rockstöm und weiteren AutorInnen, sowie des Doughnut Economics Ansatzes von Kate Raworth ab.

Orientierungspunkte für grüne Wirtschaftspolitik sollten demnach sein, ein zukunftsfähiger Wohlstand und Lebensqualität, die sich innerhalb der Tragfähigkeitsgrenzen unserer Erde organisieren und die sich frei machen von dem Zwang, wachsen zu müssen. Zielgröße ist die absolute Reduktion unserer heutigen Umweltverbräuche bei der Verfolgung der neu definierten Sustainable Development Goals - auf Deutsch: Nachhaltige Entwicklungsziele. Damit Ökonomie und Ökologie sich miteinander versöhnen lassen, braucht es neben technischem Fortschritt auch die Einbettung dieser Technologien in einen sozialen Wandel anders zu produzieren und zu konsumieren. Andernfalls würden technologisch erreichte Effizienzgewinne allzu oft von sogenannten Reboundeffekten zunichte gemacht.

Vorreiter, die zeigen dass das geht

Wie das gehen kann und dass das keine Nische mehr ist in unserer heutigen Art zu wirtschaften, haben uns die Pionierinnen und Pioniere des Wandels gezeigt. Vor Ort waren eine Vielzahl von UnternehmerInnen und Initiativen, die sich sowohl in einem speziellen Podium, als auch in einem Markt der Ideen präsentierten. Die Bandbreite dieser kreativen Wirtschaftsakteure reichte von Avantgardisten wie Premium Cola, die die gesamte Wertschöpfungskette ihrer Getränke konsensdemokratisch über ein kollektives Netzwerk organisieren, über den genossenschaftlich organisierten Biogartenbau von WirGarten e.V., bis zu Nager IT, die für den IT Markt zeigen, dass man sozial-ökologisch verantwortliche Transparenz in der Lieferkette herstellen kann, wenn man das will.

Daneben gab es mit Carl Klostermann und Söhne oder Märkisches Landbrot aber auch traditionell mittelständisch geprägte Unternehmen, die ganz eigene Strategien entwickeln, um über Jahrzehnte qualitativ hochwertige Waren in zum Teil globalisierten Märkten mit entsprechenden Preisdruck zu platzieren. Allen Akteuren gemein war eine ganzheitliche Orientierung in den Unternehmenszielen, in deren Mittelpunkt eben nicht nur Wirtschaftswachstum um jeden Preis stand, sondern verantwortliches Handeln im sozialen wie ökologische Sinne. Dass das oft mit veränderten Nutzungsmustern und damit veränderten Konsummustern einhergeht, zeigten Vertreter der Collaborative Economy wie OuiShare und Leihbar.

Perspektivwechsel – Eine Neuvermessung von Wohlstand

Wie aber lässt sich dieser in der Mikro- also auf Unternehmensebene verortete Blick auf eine ökologische und soziale Wirtschaft auf der Ebene der Makroökonomie transferieren? Dazu braucht es auch auf Ebene unserer Volkswirtschaft einen „Perspektivwechsel – Eine Neuvermessung von Wohlstand“ jenseits des BIP-Wachstums. Dazu diskutierte unser wirtschaftspolitischer Sprecher Dieter Janecek mit Prof. Gert Wagner (DIW) und Prof. Uwe Schneidewind (Wuppertal Institut) die Ergebnisse in diesem Bereich der Enquetekommission des Bundestages „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“. Beide konstatierten, dass momentan auf Bundesebene noch nicht absehbar ist, dass sich im Nachgang der Enquete überhaupt etwas in der Indikatorenfrage tue. Um diese Lücke zu füllen, hat im Nachgang der Konferenz, am 9. Juli die grüne Bundestagsfraktion mit einem starken Aufschlag ihre Ideen zu einer neuen Wohlstandsberichterstattung der Öffentlichkeit vorgestellt.

Eine politische Orientierung jenseits des reinen BIP-Wachstums ist nicht nur aus ökologisch-sozialen Fragestellungen heraus notwendig, sondern setzt sich auch mit der Realität empirisch zu beobachtbaren abnehmenden Wachstumsraten der letzten Jahrzehnte im OECD Raum auseinander. Diese Orientierung wirft aber intensive Folgefragen für Volkswirtschaften auf, die andere gesellschaftliche Institutionen stark abhängig von BIP-Wachstum organisiert haben, wie zum Beispiel das Sozialversicherungssystem oder das Finanzsystem zum Schuldenabbau. Diesen Fragen wurde im Panel „Neuen Wohlstand braucht das Land - wie schaffen wir Stabilität und Lebensqualität unter geänderten Vorzeichen?“ mit den Gästen Prof. Dr. André Reichel (Karlshochschule International University), Christine Wenzel (BUND), Dr. Daniel Stelter (Autor) und Prof. Dr. Steffen Mau (Humboldt-Universität zu Berlin) nachgegangen. Endgültige Lösungen konnten bei diesen tiefgreifenden Fragen nicht erwartet werden, aber der finanzpolitische Sprecher Dr. Gerhard Schick und der sozialpolitische Sprecher Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn konnten sehr gut die Diskurse der Bundestagsfraktion aufzeigen, in denen an diesen Fragen intensiv gearbeitet wird.

Geteilte, aber differenzierte Verantwortung in der Welt

Was für viele Industriestaaten des OECD Raumes und ihren zukünftigen Wirtschaftsmodellen realistische Fragestellungen sind, stellt sich im globalen Raum für andere Volkswirtschaften ganz anders da. Dass es eben keinen einheitlichen Entwicklungsansatz für die durch und durch sehr differenten Ausgangsbedingungen der Länder der Welt gibt, zeigte das letzte Panel der Konferenztagung. Hier schloss sich der Kreis zur Keynote vom Vormittag über das Thema der Sustainable Development Goals (SDGs). Der entwicklungspolitische Sprecher Uwe Kekeritz diskutierte mit Prof. Dr. Dirk Messner (DIE und WBGU) und Susanne Jordan (Nager IT) über globale Wertschöpfungsketten und über die gemeinsame aber differenzierte Verantwortung der Staatenwelt.

Gerade die Notwendigkeit von wirtschaftlichem Wachstum zur Herstellung von existenziell notwendiger Ernährungssicherheit, Gesundheitsversorgung, Strom- und Wasserversorgung in den Ländern des Südens gemäß den SDGs, verpflichtet die Länder des Nordens über neue Wohlstandsmodelle nachzudenken und nicht einfachen Wachstumsmodellen der Vergangenheit weiter nachzuhängen. Dazu müssen die Staaten der OECD eine ganz eigene Interpretation der SDGs für ihre Länder liefern. Wie dieser Transfer für Deutschland gelingen kann, skizzierte Dr. Valerie Wilms, Nachhaltigkeitsbeauftragte der Bundestagsfraktion.

Insgesamt hat die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen mit dieser Konferenz gezeigt, wo sie wirtschaftspolitisch steht und das sie die faire und ökologische Wirtschaft von morgen gemeinsam mit den Pionierinnen und Pionieren des Wandels gestalten will. Lasst uns gemeinsam Aufbrechen und diese Vision der Wirtschaft von morgen wahr machen, denn eine andere Welt ist möglich!