Blockchain

Was kann Blockchain?

Teilnehmer des Blockchain Fachgesprächs
Wir haben uns direkt mit den Entwicklern, der Wissenschaft und den Anwendern von Blockchain-Technologien in einem öffentlichen Fachgespräch im Co-Working-Space DAS DACH (Mitten in der Berliner Blockchain-Szene gelegen) zusammengesetzt um gemeinsam zu diskutieren, was die Politik durch Regulierung, durch Förderung und durch das Setzen von Anreizen tun muss, um die Potenziale zu heben und für die Gesellschaft, für Mensch und Umwelt nutzbar zu machen.
18.12.2018

In der öffentlichen Wahrnehmung beschränkt sich das Thema Blockchain bisher stark auf die Chancen und Risiken des Handels mit Kryptowährungen. In diesem Zusammenhang ist ein Hype und auch eine Goldgräberstimmung entstanden, die vom technologischen Entwicklungspfad weitgehend entkoppelt ist. Und dieser Hype verstellt leider den Blick auf die Potenziale und Versprechen, die in der Technologien stecken.

Zu Kryptowährungen existieren auch detaillierte technologische Beschreibungen und sogar Analysen zu potenziellen Regulierungsansätzen im Finanzsektor. Zu den Potenzialen der Technologie in anderen Nutzungskontexten, also beispielsweise als Innovationstreiber in der öffentlichen Verwaltung, im Energiesektor, für Handel und Logistik, für Produktionsabläufe oder auch im Versicherungssektor existiert dagegen bisher kaum fundiertes Wissen.

Bundesregierung verkennt die Bedeutung von Blockchain

Gleiches gilt aber auch für die Politik: Trotz des angenommenen Potenzials hat das Thema Blockchain oder Distributed-Ledger-Technologie (DLT) bei der Bundesregierung offensichtlich keine besondere Priorität. Mehr als 5 Jahre nach den vielfältigen Handlungsempfehlungen der Enquete „Internet und Gesellschaft“ präsentiert die Bundesregierung zwar aktuell ihre KI-Strategie und eine Strategie zur Umsetzung der diversen Digitalisierungsprojekte. Auf eine dezidierte Blockchain-Strategie wird man noch bis Sommer nächsten Jahres warten müssen. Das ist völlig unbefriedigend.

Die Bundesregierung hatte im Koalitionsvertrag angekündigt, die Potentiale der Blockchain Technologie auch in eigener Verantwortung auszuprobieren: "In der Bundesregierung werden wir innovative Technologien wie Distributed Ledger (Blockchain) erproben, so dass basierend auf diesen Erfahrungen ein Rechtsrahmen geschaffen werden kann." Das findet sich in der aktuellen Umsetzungsstrategie „digital-made-in.de“ aber leider nicht wieder. Auch die Open Government Labore oder sonstige Prototyping-Ansätze sind scheinbar auf der Strecke verloren gegangen.

Koalitionsvertrag beinhaltet eigentlich eine Blockchain-Strategie

Laut Koalitionsvertrag will die Bundesregierung sogar „eine umfassende Blockchain-Strategie entwickeln“. Im Weiteren ist dort aber nur noch die Rede von einem „angemessenen Rechtsrahmen für den Handel mit Kryptowährungen und Token“. Ganz offensichtlich soll die Technologie also wieder auf den Finanz-Tech-Bereich reduziert werden.

Anwendungsideen und technologische Möglichkeiten im Bereich Verwaltung, Handel, Produktion und so auch zur Lösung sozialer und ökologischer Probleme scheinen leider bei den Überlegungen der Bundesregierung keine Rolle zu spielen. Und bisher gab es auch keinerlei Initiativen der Bundesregierung im Bereich europäischer und globaler Standardsetzung oder gar Bemühungen, die nationale Strategie in eine Europäische einzubinden.

Hier wollen wir Grüne im Bundestag mehr erreichen. Dazu hat unsere Bundestagsfraktion im parlamentarischen Bereich zunächst eine Kleine Anfrage mit 52 Fragen an die Bundesregierung gestellt, die jedoch keine ermutigenden Antworten gab.

Das Fachgespräch

Wir haben uns direkt mit den Entwicklern, der Wissenschaft und den Anwendern in einem öffentlichen Fachgespräch im Co-Working-Space DAS DACH (Mitten in der Berliner Blockchain-Szene gelegen) zusammengesetzt um gemeinsam zu diskutieren, was hier seitens der Politik durch Regulierung, durch Förderung und durch das Setzen von Anreizen getan werden muss, um die Potentiale der Technologie zu heben und für die Gesellschaft, für Mensch und Umwelt nutzbar zu machen.

Dazu hatten wir sehr gezielt mit dem Fokus Fachpublikum eingeladen und dort offensichtlich einen Nerv getroffen, denn die Veranstaltung wurde gut angenommen und der Raum fast bis an seine Kapazitätsgrenzen gefüllt. Das lag sicher auch an unseren Referenten, die wir für das Fachgespräch gewinnen konnten und die uns nach kurzen Impulsen Rede und Antwort standen. Dies waren:

Prof. Roman Beck –  Beitrag aus der Wissenschaft

Roman Beck ist Professor in der Business-IT-Abteilung der IT University of Copenhagen. Er ist Leiter der Forschungsgruppe Technologie, Innovationsmanagement und Entrepreneurship (TIME) und Leiter des European Blockchain Center an der IT-Universität Kopenhagen. Mit anderen Experten versucht er derzeit, eine internationale ISO-Norm für die Blockchain zu erarbeiten. Vor seiner Zeit bei der ITU war Prof. Beck von 2008 bis 2013 Assistenzprofessor und E-Finance and Service Science Chair an der Goethe-Universität in Frankfurt.

Er konnte uns den aktuellen Stand der Normierung und Standardsetzung im Bereich DLT berichten und eine Übersicht geben, wie der Stand in der Grundlagenforschung ist, wo die Technologie aktuell noch an ihre Grenzen stößt und vor allem auch, wo und warum andere Länder, etwa Dänemark, hier schon so viel weiter sind.

Prof. Beck sah aber auch bei der Digitalisierung noch große Herausforderungen für Deutschland. Es gebe unterschiedliche Geschwindigkeiten bei der Digitalisierung. Deutschland sei jetzt erst aufgewacht und drohe den Anschluss zu verlieren. Ein Beispiel sei da auch das Thema Blockchain/Distributed Ledger Technologien. Das zeige sich auch daran, dass Innenminister Seehofer zum Beispiel seine Teilnahme an der Smart Country Convention in Deutschland absagte – der dänische Ministerpräsident hingegen kam. Das Grundproblem sei, dass in Deutschland zwar in vielen Gremien gut analysiert würde, es aber bei der Umsetzung mangle.

Er plädierte dafür, kein Sandboxing Verfahren zu nutzen, da Firmen dann nur in diesem Testfeld bestehen könnten, nicht aber in der Realität. Auch die Lehrerkenntnisse seien nicht so groß. Stattdessen sollte Deutschland die Regulierung dynamischer machen.

Roman Beck verwies auch auf die Konflikte über Wertanschauungen. Russland, China und Singapur würden andere Werte vertreten und damit auch andere Bedingungen anstreben bei der Regulierung von Blockchain und Kryptowährungen. Gleichzeitig gibt es aber auch erste regulatorische Maßnahmen in Australien und in Ontario wurde das erste Initial Token Offering genehmigt. Er warnte aber auch, dass man sich nicht Malta oder die Schweiz als Vorbild bei der Regulierung nehmen solle, denn aufgrund der wenigen Regulierungen und Maßgaben drohten viele Rechtsstreitigkeiten. Als eine von vielen offenen Fragen sah Prof. Beck abschließend auch die der Besteuerung der Wertabschöpfung bei dezentralen Netzwerken.

Andrea Bauer – Beitrag aus der Innovations- und Wirtschaftsberatung

Andrea Bauer ist Strategin für Digitale Transformation, Innovationsexpertin und Autorin. Sie ist Gründerin der Firma BEAM Innovation Consulting und arbeitet seit über 15 Jahren mit internationalen Groß- und Mittelstandsunternehmen an der Umsetzung von digitalen Zukunftsprojekten. 2017 veröffentlichte sie ihr jüngstes Buch "The Krypto Economy" und sie unterrichtet seit 2016 als Dozentin für ‘Innovation und Business Design’ an der Design Akademie Berlin.

Sie gab dem Publikum einen Einblick, welche Fragen und Bedarfe auf dem Weg von der Technologie zur Anwendung bei Kunden und Entscheidern im Raum stehen, welche Versprechungen und Potentiale, aber auch welche Mind-Sets oftmals mit der Technologie einhergehen und so auch in Richtung Politik und Gesellschaft aufzeigen, vor welchen größeren bzw. grundsätzlichen Fragen wir bei dieser Technologie stehen.

Andrea Bauer betonte, dass nach Jahren der theoretischen Herangehensweise und Forschung nun erste Anwendungsfälle auf den Weg gebracht werden. Sie verwies darauf, dass es aktuell eher eine Graswurzelbewegung sei. FR. Bauer betonte, das dies gefährlich sei, da die Regierung Gefahr laufe, bei zentralen Fragen abgehängt zu werden. Zudem sei es auch wichtig, viel mehr internationale Kooperation anzustreben und in die Diskussion über Werte und Ethik. Gerade angesichts der Self Sovereign Identity Debatten müssten Deutschland und Europa mitreden, denn die Konzepte würden weltweit sehr unterschiedlich ausgelegt.

Dr. Julie Maupin – Beitrag aus der Praxis

Dr. Julie Maupin ist Director of Social Impact & Public Regulatory Affairs der IOTA Stiftung. Die IOTA-Stiftung ist eine gemeinnützige Stiftung, die zum Zwecke der Förderung von Wissenschaft und Forschung und der Bildung insbesondere die IOTA-Technologie und die Distributed-Ledger-Technologie weiterentwickeln soll.

Die Referenzsoftware zur Abwicklung von IOTA-Zahlungen wurde als Open Source veröffentlicht. IOTA ist ein für jedermann nutzbares digitales und dezentral organisiertes Bezahlsystem, dessen technische Ausgestaltung sich von der Blockchain-Technologie der anderen Kryptowährungen Bitcoin und Ether durch das neuartige Tangle-System unterscheidet. IOTA ist speziell darauf ausgelegt, als Bezahleinheit für das sogenannte Internet of Things (IoT) zu fungieren.

Dr. Julie Maupin ist Expertin für rechtliche, regulatorische und wirtschaftspolitische Aspekte von Blockchains und anderen verteilten Ledger-Technologien. Sie berichtete sehr anschaulich an diversen Beispielen über den IOTA-Ansatz als eine Form von DLT, wie IOTA bei Firmen und für öffentliche Verwaltung angewendet werden kann und wo derzeit noch die Probleme in der Umsetzung und auch mit den Behörden und bei diversen Rechtsfragen liegen.

Julie Maupin plädierte für mehr Förderung digitaler Governance Innovation allgemein und forderte, dass Daten Open Source offen genutzt werden sollten, sofern keine Persönlichkeitsrechte verletzt würden.

Um für den Staat schnellere und bessere Erkenntnisse zur Regulierung und für Anwendungsfälle zu gewinnen schlug Fr. Maupin im Gegensatz zu Roman Beck sog. Innovation Observatorien vor, eine andere Form von Regulatorischen Sandboxen. Dies sei auch deshalb sinnvoll, weil der Name ersterer verbrannt sei.

In der anschließenden Fragerunde mit den Gästen kamen Fragen zu konkreten Regulierungsfragen bezüglich der Tokenherausgabe auf, oder auch zur vorhandenen Expertise bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), um für Startups schnelle und rechtsverbindliche Aussagen zu treffen. Zudem wurden Aspekte zur digitalen Identität und mögliche Hürden aber auch Anwendungshinweise erörtert und diskutiert.

Und nun?

Am 28.11. gab es eine Anhörung des Bundestags im Ausschuss für Digitale Agenda zum Thema Blockchain inklusive Videoaufzeichnung.

Die Bundestagsfraktion plant bereits weitere Treffen mit Akteuren und Wissenschaftlern aus der Blockchain Community, um weitere offene Fragen zu erörtern und weitere politische Forderungen in Richtung der erwarteten Blockchain-Strategie der Bundesregierung zu erarbeiten.

Was ist DLT / Blockchain?

Eine Distributed-Ledger-Technologie (wörtlich: verteiltes Kontobuch) beschreibt ganz allgemein eine Transaktionsdatenbank, die über ein dezentrales Netzwerk von Computern bearbeitet, geteilt und synchronisiert wird, um die Inhaberschaft von digitalen Gütern (z. B. Kryptowährungen) ohne zentrale Kontrollinstanz sicherzustellen. Das Distributed-Ledger-Prinzip stellt somit eine Alternative zu Koordinationsprinzipien dar, die auf dem Modell zentralisierter Kontrolle beruhen, d.h. mit dieser Technologie braucht es keine middleman (Vermittler ohne eigenen Stake mit Notarfunktion), um Trust/Reliability bei/von Transaktionen herzustellen.
Blockchain ist die wohl bekannteste Art einer Distributed-Ledger-Technologie und zeichnet sich durch die technische Umsetzung eines „Konsensmechanismus“ zur Wahrung der Integrität der Transaktionsdatenbank im Netzwerk aus. Dabei werden bei der Blockchaintechnologie Transaktionen in kryptografisch verschlüsselten Blöcken zusammengefasst, durch sogenannte Proof-of-Work-Berechnungen im Prozess des „Mining“ geprüft und anschließend sequenziell an eine Kette von verifizierten Blöcken angehängt.
Aktuell stehen Distributed-Ledger- und Blockchaintechnologien an einer entscheidenden Schwelle, an der aus einem Nischenthema eine Innovation von gesellschaftlicher Relevanz entstehen kann. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung hat sich das prinzipiell breite Spektrum von Potenzialen und funktionalen Nutzungsmöglichkeiten der Blockchaintechnologie auf die Chancen und Risiken des Handels mit Kryptowährungen verengt.