FachgesprächQualzucht bei Hund, Katze und Co.

Qualzuchten sind noch immer ein enormes Tierschutzproblem. Es gibt sie sowohl bei Heimtieren als auch bei Tieren in der Landwirtschaft.

Qualzucht: Gemeint sind Tiere, die so gezüchtet werden, dass dies bei ihnen oder ihren Nachkommen zu Veränderungen oder Verhaltensstörungen führt, die mit Schmerzen, Leiden oder Schäden für die Tiere verbunden sind. Bekannteste Beispiele sind Möpse, die wegen der verkürzten Schnauze nicht mehr richtig atmen können, oder Puten, die sich aufgrund des überzüchteten Brustmuskels nicht mehr gerade auf den Beinen halten können, sondern nach vorne umkippen.

Die Grünen im Bundestag hatten zu einem Fachgespräch eingeladen, das Qualzuchten im Heimtierbereich zum Thema hatte. Vorgestellt und diskutiert wurden:

  • Konkrete Probleme und Qualzuchtausprägungen,
  • die Verantwortung der unterschiedlichen Akteure - von Politik über ZüchterInnen und Zuchtverbänden bis hin zu den TierhalterInnen,
  • die unzureichende Rechtsgrundlage und
  • der mangelnde Vollzug.

Nicole Maisch ist Sprecherin für Tierschutzpolitik in der grünen Bundestagsfraktion. In ihrer Einführung erinnert sie daran, dass sich die Fraktion bereits seit langem mit der Problematik befasst hat. Nicht nur in der Vergangenheit veranstalteten die Grünen im Bundestag schon ExpertInnengespräche zum Thema - die Fraktion versucht auch mit zahlreichen Anträgen, die rechtlichen Regelungen zu verbessern.

Aufklärung tut not

Nicole Maisch erwartet von der Bundesregierung, Qualzuchten endlich einen wirksamen Riegel vorzuschieben und auch die Öffentlichkeit verstärkt zu sensibilisieren. Denn viele Menschen, die sich ein Tier zulegen und ihrem Tier mit Sicherheit nichts Böses wollen, wissen überhaupt nicht, dass es sich bei manchen Tierarten um Überzüchtungen, um Qualzuchten handelt. Deshalb ist es gut, dass die öffentliche Debatte weiter angestoßen wird. Was die Bundesregierung derzeit macht, ist jedoch kontraproduktiv. Auf dem vom Landwirtschaftsministerium neu eingerichteten Beratungsportal haustier-berater.de werden auch Qualzuchten als geeignete Haustiere genannt. Auf mögliche Überzüchtungen und damit einhergehende Probleme weist das Ministerium nicht hin. Konsequent wäre, diese Tiere erst gar nicht zu nennen.

"Gut" aussehen, schlecht fühlen!? Was bewirken Modetrends und Zuchtstandards?

Im ersten Panel des Fachgesprächs ging es insbesondere um eine Bestandsaufnahme. Frank Meuser, Leiter des Hauptstadtbüros des Deutschen Tierschutzbundes und Dr. Friedrich Röcken, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Qualzuchten der Bundestierärztekammer, nannten in ihren Vorträgen zahlreiche anschauliche Beispiele für Qualzuchten sowie problematische Zuchtziele.

Deutlich wurde, wie häufig Qualzuchten vorkommen. Auch begegnen sie uns in den unterschiedlichsten Kontexten im täglichen Leben - etwa in TV-Spots, Zeitschriften oder auf Deko-Artikeln. Die Bundestierärztekammer hat sich in den letzten Monaten deshalb an verschiedene Firmen und Agenturen gewandt und diese gebeten, in Zukunft auf Werbung mit Tieren mit Qualzuchtmerkmalen zu verzichten.

Der Deutsche Tierschutzbund und die Bundestierärztekammer haben konkrete Forderungen an Politik und Züchterverbände. So sollen die gesetzlichen Regelungen ergänzt und konkretisiert werden und das Qualzuchtgutachten überarbeitet und rechtsverbindlich gestaltet werden. Die Veterinärämter sollten strikter durchgreifen. Züchterverbände sollen psychisch und physisch gesunde Tiere züchten und danach auch ihre Rassestandards ausrichten und Einkreuzungen vornehmen - oder Tiere mit Qualzuchtmerkmalen ganz von der Zucht ausschließen. Außerdem sollen Züchter und Zuchtrichter verpflichtende Sachkundenachweise erbringen und es soll ein Ausstellungsverbot für betroffene Rassen und Individuen geben. Gesundheitschecks müssen viel häufiger durchgeführt werden, das Prozedere zudem vereinfacht werden. Zudem muss der Internethandel mit Tieren verboten werden.

Jörg Bartscherer ist Geschäftsführer des Verbands für das Deutsche Hundewesen (VDH). Er weist in seinem Vortrag darauf hin, dass sich sein Verband bereits auf den Weg gemacht hat und Qualzuchten ebenfalls ablehnt. Allerdings ist der Einfluss als Dachorganisation begrenzt, da sie keinen direkten Einfluss haben auf die rassespezifischen Eigenregelungen der jeweiligen Zuchtvereine. Außerdem werden die Zuchtstandards international bestimmt. Sie sind, so Bartcherer, durch kartellamtliche Regelungen eingeschränkt. Er wies auch darauf hin, dass die Zuchtstandards in seinen Augen gut sind, es jedoch zu viel Interpretationsspielraum gebe.

Krankes Tier - krankes System!? Reichen die rechtlichen Rahmenbedingungen, funktioniert der Vollzug?

Im zweiten Teil des Fachgesprächs wurden die Inputs und Diskussionen um die gesetzlichen Vorgaben und den Vollzug sowie die diesbezüglichen Forderungen an Politik und Behörden vertieft.

Dr. Christoph Maisack ist Mitherausgeber der Kommentierung des deutschen Tierschutzgesetzes und profilierter Jurist im Tierschutzrecht. Er legte die derzeitige Rechtssituation dar. Außerdem stellte er die Änderungen vor, die bei der letzten Tierschutzgesetz-Novelle im Jahr 2014 zu Qualzuchten vorgenommen wurden. Hier sieht er nur minimale Verbesserungen im Vergleich zur vorherigen Formulierung. Früher waren Verbote von Qualzuchten vor Gericht kaum haltbar, da die Beweislast zu hoch war. Nach jetziger Regelung besteht die hinreichende Wahrscheinlichkeit, dass es sich nach objektiven wissenschaftlichen Erkenntnissen um eine Qualzucht handelt. Das reicht für ein Zuchtverbot. Nichtsdestotrotz ist die Regelung in Maisacks Augen auch angesichts des veralteten und nicht rechtsverbindlichen Qualzuchtgutachtens von 1999 nicht ausreichend. Hier besteht deutlicher Überarbeitungs- und Konkretisierungsbedarf. Die Vorgaben in Österreich oder der Schweiz sind für den Tierschutzrechtler deutlich besser, da sie konkreter sind und Beispiele nennen. Diese können der Behörde den Vollzug sehr erleichtern.

Dem schloss sich Diana Plange an. Sie ist Fachtierärztin für Tierschutz und Tierschutzethik beim Bezirksamt Spandau von Berlin sowie öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Tierschutz. In ihrem Vortrag fordert auch sie eine Überarbeitung des Qualzuchtgutachtens unter Einbeziehung landwirtschaftlich genutzter Tiere. Darüberhinaus mahnt sie eine Überführung in eine rechtsverbindliche Verordnung an. Dies lehnt die Bundesregierung jedoch nach wie vor ab. Das belegt ihre Antwort auf Frage 49, die wir in Form einer Kleinen Anfrage am 9. März 2017 in den Deutschen Bundestag eingebracht haben.

Als grüne Bundestagsfraktion werden wir weiterhin am Ball bleiben. Qualzuchten müssen endlich wirksam unterbunden werden. Tiere sind weder Modeaccessoires, die abstrusen Trends unterliegen dürfen, noch dürfen sie aus ökonomischen Gründen so überzüchtet werden!

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2 Kommentare
Möpse und Qualzucht
Markus Geßner 30.04.2017

Sehr geehrte Damen und Herren,

jahrzehnte habe ich Grün gewählt.
Man hätte Ideen und Visionen. Diese Zeit wohl lange vorbei. Möpse von deutschen Züchter sind keine Qualzucht. Sie reden von Sachen, die Sie nicht verstehen. Kümmern Sie sich bitte um die Importe aus Osteuropa.
Ggf. werde ich gegen Ihre Initative alle juristischen Möglichkeiten ausschöpfen. Darauf können Sie sich verlassen. Mit solchen Themen schließen Sie sich vollends ins Abseits.

Mit freundlichen Grüßen
Markus Geßner

Klaro, Möpse sind kein Qualzucht-Produkt?
Eckard Wendt 07.05.2017

Entweder irren die Bundestierärztekammer, die deutsche veterinärmedizinische Gesellschaft, die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz, der Bundesverband praktizierender Tierärzte, Bundesverband beamteter Tierärzte ... oder Herr Geßner (s. Kommentar 1). Ich habe keinerlei Bedenken, den erstgenannten Fachverbänden zu glauben.
Wer sich noch nicht festgelegt hat, schaue mal hier nach:
www.bundestieraerztekammer.de/downloads/btk/qualzuchten/Flyer_Brachycephalie.pdf
www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Mops-und-Co-Nicht-suess-sondern-gequaelt,qualzucht102.html
www.animal-health-online.de/klein/2016/10/20/nicht-suess-sondern-gequaelt/10179/

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