PestizidePestizide gefährden Artenvielfalt

Weltweit sind rund 1,8 Millionen Tier- und Pflanzenarten bekannt, darunter allein eine Million Insekten- und rund 300.000 Pflanzenarten. Diese biologische Vielfalt ist eine existenzielle Grundlage für das menschliche Leben, und sie ist massiv bedroht. Hauptursachen sind die verschwindenden Lebensräume und der Einsatz von Pestiziden. Vor allem die industrialisierte Landwirtschaft trägt Schuld daran.

In verschiedenen internationalen Übereinkommen hat sich Deutschland verpflichtet, die biologische Vielfalt zu schützen und ihren Verlust aufzuhalten. Seit zehn Jahren gibt es die Nationale Strategie für biologische Vielfalt, die nichts an Aktualität verloren hat. Denn wenig ist passiert: der Verlust an Lebensräumen, Arten und Genen schreitet sogar schneller voran.

Inzwischen warnt die Wissenschaft vor einem Kipp-Punkt beim Artensterben. Wird er überschritten, drohen irreversible Schäden, die auch das Leben vieler Menschen existenziell gefährden.

Uns droht ein stummer Frühling

Der Artenschwund betrifft besonders die Vögel. Drei von vier heimischen Vogelarten gelten als gefährdet. Um etwas mehr als die Hälfte – 57 Prozent – hat sich der Vogelbestand in den letzten 27 Jahren reduziert. Bei Kiebitz und Rebhuhn zum Beispiel sind die Bestände seit 1990 um 80 beziehungsweise 84 Prozent geschrumpft. Seit dem Jahr 1980 gibt es EU-weit insgesamt rund 300 Millionen Brutpaare weniger.

Bei den Insekten ist die Lage ebenfalls dramatisch, allein von den rund 560 in Deutschland vorkommenden Bienenarten sind 31 vom Aussterben bedroht. Weil viele Tierarten auf Insekten als Nahrungsgrundlage angewiesen sind,
brechen damit komplette Nahrungsnetzwerke zusammen.

Sorgen müssen sich auch die Landnutzer, die auf die Bestäubungsleistung der Insekten angewiesen sind. Allein für Deutschland schätzt der Umweltwirtschaftsbericht den Marktwert der davon abhängigen Produkte auf 2,5 Milliarden Euro. Weltweit sind es schätzungsweise 230 bis 570 Milliarden US-Dollar, denn 80 Prozent aller Wild- und Kulturpflanzen brauchen Insekten. Ohne Insektenbestäubung müssen wir auf Kaffee oder Kakao ebenso verzichten wie auf Äpfel oder Mandeln!

Weniger Vielfalt – mehr Gift

Über lange Zeit war die Landwirtschaft Trägerin der Biodiversität. Die vielfältige Kulturlandschaft mit Hecken und Knicks, Bäumen und Oberflächengewässern bot Tieren und Pflanzen Lebensräume. Doch die zunehmende Intensivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft hat ihre Rolle ins Gegenteil verkehrt. Großflächige Monokulturen, Erosion, Stickstoffüberschüsse aus Düngung oder Massentierhaltung und Belastungen aus dem Pestizideinsatz haben entscheidenden Anteil am Artensterben.

Die Verwendung chemisch-synthetischer Pestizide gehört dabei zu den stärksten Treibern des Artenrückgangs in der Agrarlandschaft. Ackergifte schädigen verschiedenste Lebewesen. Totalherbizide wie Glyphosat töten komplette Nahrungs- und Lebensraumhabitate ab. Seit dem Jahr 1994 ist der Absatz an Pestizidwirkstoffen in Deutschland um die Hälfte gestiegen.

Über 100.000 Tonnen Pestizide landeten 2015 auf deutschen Äckern. Dabei werden immer wirksamere und damit oft auch toxischere Wirkstoffe eingesetzt. Am Absatz von Neonikotinoiden, der besonders bienengiftigen Insektizide, hat sich trotz Teil­verboten kaum etwas geändert. Bei Glyphosat hat die verkaufte Menge zwar abgenommen, dennoch gehört der Wirkstoff immer noch zum Standard des „Pflanzenschutzes“ auf rund 40 Prozent der deutschen Ackerflächen.

Ökologischer Landbau zeigt, wie es geht

Den Rekordumsätzen der Pestizidhersteller stehen immense gesellschaftliche Kosten und Schäden gegenüber. Dabei zeigt der ökologische Landbau seit Jahren, dass Landwirtschaft ganz ohne chemisch-synthetische Pestizide gelingt.

Studien belegen, dass auch in der konventionellen Landwirtschaft bis zu 60 Prozent weniger Pestizide eingesetzt werden könnten, ohne Einbußen bei Ertrag oder Qualität.

Andere Länder haben bereits politische Rahmenbedingungen für einen Kurswechsel gesetzt: Frankreich will die bienengiftigen Neonikotinoide ab September 2018 verbieten. Dänemark erhebt seit 2013 mit Erfolg eine Pestizidsteuer, deren Höhe sich nach dem Gefahrenpotenzial des Wirkstoffs bemisst. Doch die Bundesregierung begnügt sich bisher mit Lippenbekenntnissen.

Wir müssen auch in Deutschland dringend einen anderen Weg einschlagen. Die grüne Bundestagsfraktion hat deshalb einen umfassenden Plan zur Pestizidreduktion vorgelegt und einen entsprechenden Antrag an die Bundesregierung formuliert. Wir brauchen eine Landwirtschaft, die ökologische Zusammenhänge respektiert und die ohne den Großeinsatz von Pestiziden auskommt.

Dieser Text wurde zuerst in profil:GRÜN, Ausgabe Juli 2017 veröffentlicht.

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