Diese Webseite verwendet Cookies zur Auswertung und Optimierung unseres Web-Angebots. Nutzungsdaten dieser Webseite werden nur in anonymisierter Form gesammelt und gespeichert. Einzelheiten über die eingesetzten Cookies und die Möglichkeit, die Nutzungsdatenanalyse zu unterbinden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die grüne PlastikstrategiePlanet Plastik? Raus aus der Wegwerfgesellschaft

Die Vermüllung unseres Planeten mit Plastik ist eine der größten globalen Umweltkrisen. Wir müssen raus aus der Wegwerfgesellschaft. Bettina Hoffmann MdB und Steffi Lemke MdB stellen hier den grünen Aktionsplan vor.

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift profil:GRÜN vom September 2018 erschienen.

Von Bettina Hoffmann und Steffi Lemke

Unser Planet ist voller Plastik, überall. Ob im Eis der Antarktis, in den Quellbächen der Hochgebirge oder in den Meeren - selbst in den abgelegensten Ecken der Welt, weitab von Zivilisation, lässt sich Plastik nachweisen. Jedes Jahr landen weltweit mindestens 32 Millionen Tonnen Plastik in der Umwelt, 5 bis 13 Millionen Tonnen davon gelangen in die Meere. In erschreckendem Tempo werden die Ozeane zum Endlager für unseren Plastikmüll. Geht es so weiter, schwimmt im Jahr 2050 mehr Plastik als Fisch im Meer.

Diese gravierende Verschmutzung unserer Umwelt und die latente Bedrohung unserer Gesundheit treiben die Bürgerinnen und Bürger um. Viele junge Menschen machen sich Gedanken darüber, wie man Müll aus den Ozeanen fischen kann oder werden gleich selbst aktiv. Strandanwohnerinnen und Wassersportler organisieren sich, um Kampagnen gegen die Vermüllung der Strände zu starten. Viele Bürgerinnen und Bürger wollen ein Zeichen setzen, indem sie Plastik fasten oder bewusst auf Plastikverpackungen verzichten. In deutschen Supermärkten setzen Aktivistinnen und Aktivisten im Rahmen von "Plastic-Attacs" ein Zeichen und lassen unnützen Verpackungsmüll einfach zurück. Und zehntausende Menschen unterzeichneten Petitionen an den Deutschen Bundestag mit der Forderung, Plastikverpackungen zu vermeiden.

Alle diese Menschen erwarten von der Bundesregierung, dass wir das Vorsorgeprinzip ernst nehmen und jetzt handeln. Die Beseitigung des immer weiter wachsenden Plastikbergs allein unseren Kindern und Enkelkindern aufzubürden, ist unverantwortlich. Und eine Trendwende ist nötig. Denn seit den 1960er Jahren ist die weltweite Kunststoffproduktion auf das Zwanzigfache angestiegen. Die EU-Kommission geht davon aus, dass sich die hergestellte Menge an Plastik in den kommenden 20 Jahren nochmals verdoppeln wird, wenn wir nicht gegensteuern.

Was Plastik mit uns macht

Wie sich die Vermüllung unserer Umwelt auf unsere Gesundheit auswirkt, ist noch nicht ausreichend erforscht. Doch was wir bisher wissen, ist bedrohlich genug. Über Fische, Meeresfrüchte, Salz oder Getränke nehmen wir Mikroplastik mit der Nahrung auf. Das sind kleinste Plastikpartikel, die durch Zersetzung, Abrieb oder Zerkleinerung größerer Plastikreste entstehen. Auch unsere Raumluft ist voll dieser winzigen Plastikpartikel, pro Mahlzeit essen wir rund 100 davon mit. Erste Studienergebnisse zeigen, dass Nanoplastik die Blut-Hirn-Schranke bei Fischen passieren kann. Es besteht Anlass zur Sorge, dass dieser Selbstschutzmechanismus des Gehirns vor schädlichen Stoffen auch beim Menschen überwunden werden könnte. Die gesundheitsschädigenden Wirkungen von Plastik-Additiven wie Phthalaten und Bisphenol A sind bereits nachgewiesen, darunter sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen und hormonelle Veränderungen. Für norddeutsche Flüsse wurde nachgewiesen, dass das darin treibende Mikroplastik um das Drei- bis Vierfache stärker mit Schadstoffen belastet ist als die Bodenablagerungen. Forscher warnen außerdem davor, dass Mikroplastik etwa in der Ostsee während Hitzeperioden die Verbreitung von Durchfall auslösenden Bakterien begünstigen kann. Denn auf der Oberfläche der Plastikpartikel können sich Biofilme mit einer hohen Bakteriendichte bilden. Letztlich trägt die Verschmutzung der Erde mit Plastik auch zur Klimakrise bei, weil der Zerfall von Mikroplastik hochwirksame Treibhausgase wie Methan freisetzt.

Kein weiter so

Dabei steht außer Frage, dass Plastik für viele Anwendungen ein sinnvoller und vielseitiger Werkstoff ist. Es ist aber widersinnig, extrem langlebige und haltbare Kunststoffprodukte nur für wenige Tage oder gar Minuten einzusetzen. Das gilt vor allem für Einwegverpackungen und andere Wegwerfprodukte aus Plastik. Sie verschwenden wertvolle Ressourcen und verschmutzen achtlos entsorgt die Natur, auch bei uns in Deutschland. Jährlich fallen pro Kopf 37,6 Kilogramm Plastikmüll an. Damit ist Deutschland trauriger Spitzenreiter in Europa.

Die Vermüllung unserer Natur mit Plastik ist neben der Klimaerhitzung und dem dramatischen Artensterben eine der größten globalen Umweltkrisen. Wir verursachen sie vor allem durch unsere Art zu leben und zu wirtschaften. Um diese Krisen zu bewältigen, reichen halbgare Ankündigungen der Bundesregierung und eine Politik der Trippelschritte nicht aus. Was wir brauchen, ist die Umsetzung eines umfassenden Aktionsplans.

Plastikmüll vermeiden, wo immer es geht

Der erste Schritt hin zu einer echten Kreislaufwirtschaft lautet: Abfälle vermeiden, wo immer es möglich ist. Viele Hersteller und Versandhändler übertreiben es mit der Verpackung ihrer Produkte. Hier müssen wir gegensteuern:

· Wir setzen auf eine Regulierung der Industrie, statt dickwandiger Plastikflaschen sollten vermehrt materialsparende Nachfüllbeutel zum Einsatz kommen. Auf Doppelt- und Dreifachverpackungen sollte verzichtet werden.

· Auch überdimensionierte Schummel-Verpackungen, in denen Verbraucher*innen viel Luft und wenig Inhalt finden, gehören abgeschafft.

· Wir unterstützen die Initiative der EU-Kommission, Wegwerfprodukte aus Plastik, die massenhaft in der Umwelt landen, zu verbieten. Dazu gehören etwa Einweg-Plastikgeschirr, Strohhalme, Watte- und Rührstäbchen oder Luftballonhalter.

Es gibt bereits erste kleine Erfolge. Der Verbrauch von Plastiktüten hat sich in den letzten Jahren mehr als halbiert. Allerdings wurden 2017 in Deutschland immer noch 2,4 Milliarden Plastiktüten umgesetzt. Das ist zu viel. Freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie reichen nicht aus.

Einen erheblichen Anteil am Verpackungsmüll hat neben dem wachsenden Onlinehandel auch der Trend "to go", zum schnellen Konsum unterwegs. Es ist gut, dass bereits viele Menschen bewusst auf Wegwerfverpackungen verzichten, sich stattdessen ihren Mehrweg-Kaffeebecher auffüllen lassen oder zum Einkauf an der Frischetheke eine Dose für Käse, Wurst und Oliven mitbringen. Dass bei der Vermeidung von Plastik vieles möglich ist, zeigen auch die Unverpackt-Läden, die quer durch die Republik an vielen Orten eröffnen. In vielen Kommunen arbeiten Handel und Politik an lokalen Pfand-Lösungen. Grüne UmweltministerInnen organisieren Refill-Kampagnen oder verbannen Einwegbecher aus öffentlichen Kantinen.

Diese vorbildlichen Ansätze wollen wir weiter voranbringen. Die Bundesregierung muss ihren Teil dazu beitragen: Zum Beispiel indem sie Kommunen und Handel dabei unterstützt, praktikable und rechtssichere Lösungen zu finden, die auch den hygienischen Anforderungen genügen. Um Einwegverpackungen zurückzudrängen und für eine saubere Umwelt zu sorgen, halten wir eine Abgabe auf Wegwerfprodukte, die besonders oft als Müll auf der Straße und in der Natur landen, für sinnvoll. Diese würde dann zum Beispiel für Plastiktüten, Coffee-To-Go-Becher und Take-Away-Essensverpackungen gelten.

Pfandchaos beenden, Mehrweg stärken

Wir haben in Deutschland ein einmaliges und gut ausgebautes Mehrwegsystem. Das wollen wir stärken. Viele umweltschädliche Einwegverpackungen lassen sich einfach durch umweltfreundliche Mehrweglösungen ersetzen. In den letzten Jahren wehte der Wind aber aus einer anderen Richtung: Immer mehr Einweg-PET-Flaschen, Getränkedosen und Mini-Dosen kamen in den Handel - der Berg aus Einwegverpackungen wächst rasant. Eine Entwicklung, die nicht nur das Mehrwegsystem, sondern auch den deutschen Mittelstand, etwa kleine Privatbrauereien, bedroht. Die Branche rechnet damit, dass der Trend zur Einwegverpackung bis zu 150.000 Arbeitsplätze in Deutschland gefährdet. Bis 2030 wollen wir daher eine verbindliche Mehrwegquote von mindestens 80 Prozent erreichen. Dafür muss die Bundesregierung das Pfandchaos beenden, das die VerbraucherInnen seit Jahren an den Rücknahmeautomaten der Supermärkte nervt.

· Wir wollen die Pfandsysteme so vereinheitlichen, dass jeder Laden ab einer bestimmten Größe auch alle Flaschen zurücknimmt. Dazu gehört, das Pfandsystem auf alle Einweg-PET-Flaschen auszuweiten - unabhängig vom Inhalt. Das schafft Klarheit für die VerbraucherI nnen und garantiert bessere Sammel- und Verwertungsquoten.

· Damit der Handel einen Anreiz bekommt, bevorzugt Mehrwegverpackungen zu verkaufen, schlagen wir eine Lenkungsabgabe auf Einweggetränkeverpackungen vor. Damit stärken wir die Mehrwegquote. Mit den Einnahmen wollen wir ein Bundesprogramm auflegen, das nationale und regionale Mehrweg-Projekte fördert.

· Wir brauchen zudem eine deutlich bessere Kennzeichnung von Getränkeverpackungen. Die ab 2019 in Kraft tretende Regal-Kennzeichnung reicht nicht aus. Beim Einkauf muss jeder sofort auf dem Etikett erkennen können, ob es sich um eine Mehrweg- oder Einwegverpackung handelt.

Für eine echte Kreislaufwirtschaft

In einer echten Kreislaufwirtschaft zählt auch die Qualität. Es reicht nicht, möglichst viel zu recyceln, vielmehr kommt es auf eine hochwertige Verarbeitung der Materialien ohne Schadstoffe an. Wir wollen, dass die Recyclingwirtschaft noch mehr Wertstoffströme erfasst und hochwertiges Recycling weiter ausbaut, statt auf die "thermische Verwertung" zu setzen. Denn nur ein kleinerer Teil des Plastikmülls wird heute in Deutschland tatsächlich stofflich recycelt, über 60 Prozent landen in Müllverbrennungsanlagen. Ein überfälliger Schritt wären Recycling-Quoten, die sich automatisch an die beste Recyclingtechnik und die Ergebnisse der besten Entsorger am Markt anpassen.

Die Struktur der Dualen Systeme ist ineffizient und intransparent. Mit dem neuen Verpackungsgesetz, das zum 1. Januar 2019 in Kraft tritt, wird sie zementiert. Wir Grüne sind daher weiterhin für einen Neustart der Entsorgungssysteme. Um eine echte Kreislaufwirtschaft zu begründen, brauchen wir eine deutschlandweite Sammlung aller Wertstoffe. Es geht nicht nur um Verpackungen, auch ausgedientes Kochgeschirr oder Plastikspielzeug gehören in den Wertstoffkreislauf.

· Eine Wertstofftonne soll die bisherigen Gelben Säcke und Tonnen ersetzen. So könnten zusätzlich zu den Verpackungsabfällen bis zu 450.000 Tonnen mehr Wertstoffe für das Recycling erfasst werden. Die Verantwortung für die Sammlung der Wertstoffe wollen wir den Kommunen übertragen. Sie können die Aufgabe selber übernehmen oder in einem transparenten Verfahren ausschreiben.

Mit dem neuen Verpackungsgesetz wurde eine "Zentrale Stelle" ins Leben gerufen. Sie hat den Auftrag, die Lizenzentgelte nach ökologischen Kriterien neu zu ordnen. Doch schon jetzt ist absehbar: Ein ganz großer Wurf wird das nicht. An den ersten Eckpunkten ist zu erkennen, dass es keine Anreize geben wird, Verpackungsmüll zu vermeiden. Da wollen wir mehr:

· Unser Ziel ist es, die Lizenzentgelte zu einer echten Ressourcenabgabe mit Lenkungswirkung weiterzuentwickeln. Sie soll klare Anreize für Abfallvermeidung und recyclingfreundliches Design, für einen sparsamen Einsatz der Rohstoffe sowie die Weiternutzung von Wertstoffen geben. Mit den Einnahmen wollen wir die Ressourcenabgabe mit einer Bonus-Komponente ausstatten, die zum Beispiel besonders ökologische Verpackungen belohnt.

Ein neues Level im Ökodesign

Eine echte Kreislaufwirtschaft erfordert zudem geschlossene Stoffkreisläufe. Davon sind wir in Deutschland noch weit entfernt. Denn oft reicht die Recyclingqualität für eine hochwertige Weiterverarbeitung der gewonnenen Materialien nicht aus. Um das zu ändern, wollen wir die Kreislaufwirtschaft schon im Produktdesign verankern. Deutschland soll sich dafür einsetzen, die europäischen Vorschriften für das EU-Ökodesign auf ein neues Level zu heben. Wichtig ist, dass der Staat Standards für recyceltes Plastik setzt und dabei insbesondere Gesundheitsaspekte berücksichtigt. Denn erst wenn sich Plastikhersteller darauf verlassen können, dass wiederverwertetes Plastik unbedenklich verwendet werden kann, entwickelt sich dafür ein Markt. Die Erforschung und Entwicklung innovativer Materialien, die sich in der Natur vollständig abbauen, unterstützen wir. Neuartige biobasierte und kompostierbare Kunststoffe sind jedoch kein Patentrezept, um unsere Umwelt zu schonen: Diese Stoffe sind bis jetzt nur in industriellen Kompostieranlagen, nicht aber in der Natur oder auf dem heimischen Kompost abbaubar. Wir wollen daher klare Standards und Kennzeichnungspflichten, um die Auswirkungen und Risiken dieser Kunststoffe transparent zu machen.

Innovationen vorantreiben, Plastik-Subventionen beenden

Plastik ist ein wertvoller Werkstoff und sollte nicht künstlich billig gehalten werden. Wir wollen, dass die Preise für Plastik die ökologische Wahrheit sagen und Anreize für einen wertschätzenden Umgang mit unseren Ressourcen schaffen. Der wichtige Werkstoff Plastik darf nicht zum Wegwerfprodukt verkommen. Dies ist heute aber der Fall, denn über 50 Prozent des Plastiks wird als Verpackung und Einwegartikel eingesetzt. Anders als bei der Energieerzeugung fällt bei der stofflichen Nutzung von Erdöl und Erdgas für die Herstellung von Plastik keine Energiesteuer an, dadurch verzichtet der Staat jährlich auf 780 Millionen Euro.

Wir wollen diese indirekte Subvention von neu produziertem Plastik abschaffen und damit unter anderem den Aufbau eines Deutschen Recycling-Instituts finanzieren. Denn in Deutschland gibt es bisher keine zentral verantwortliche Forschungseinrichtung, die die Grundlagenforschung im Bereich der Kreislaufwirtschaft zentral zusammenführt. In einem solchen Forschungsinstitut könnte dauerhaft an besseren und hochwertigeren Recyclingmethoden, dem Ausschleusen von Giftstoffen aus dem Stoffkreislauf sowie am Ökodesign für die bessere Recycelbarkeit von Produkten geforscht werden.

Mikroplastik stoppen

Weltweit und auch in Deutschland wird Mikroplastik fast flächendeckend in Flüssen und Böden gefunden. Im Sinne des Vorsorgeprinzips müssen wir jetzt handeln. Wir fordern, dass die Bundesregierung endlich dem Beispiel Schwedens folgt und Mikroplastik in Kosmetika und Körperpflegeprodukten verbietet. Wir wollen auch die gängige Praxis beenden, abgelaufene Lebensmittel samt Verpackungen zu schreddern, Mikroplastik über Biogasanlagen oder Faultürme von Kläranlagen in Böden und Gewässern landet. Zudem braucht es mehr Aufklärung und bessere Bioabfallsammlungen, effizientere Verfahren zur Plastikbeseitigung in Kompostieranlagen und strengere Grenzwerte in der Düngemittelverordnung. Denn es kann nicht angehen, dass über den Kompost Jahr um Jahr Plastikpartikel im Umfang von 612 Millionen Plastiktüten in Gärten und auf Äckern verteilt werden.

Für ein globales Abkommen

Die ungebremste Vermüllung der Umwelt und Meere mit Plastik ist ein globales Problem. Es ist klar, dass wir dafür internationale Lösungen finden müssen. Wir fordern daher die Bundesregierung auf, sich an die Spitze der internationalen Bewegung gegen diese gigantische Umweltverschmutzung zu setzen. Es gilt, die auf den Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs erzielten Ansätze zur Reduzierung von Meeresmüll intensiv voranzutreiben und regional umzusetzen. Das haben auch die Bundesländer in einem Beschluss des Bundesrates verlangt.

Wir brauchen darüber hinaus eine internationale Plastikkonvention unter dem Dach der Vereinten Nationen, um bis 2030 den Eintrag von Plastik und Mikroplastik in die Meere zu stoppen. Über nationale Zielvereinbarungen und länderspezifische Maßnahmenprogramme, die in diesem Rahmen getroffen werden, können alle Staaten ihren Beitrag dazu leisten.

Mehr zum Thema Umwelt