FachgesprächAlltagsgefahr Hormongifte

Direkt zur Beginn des Fachgesprächs stellt Anton Hofreiter für die grüne Bundestagsfraktion klar: Bei hormonell wirksamen Schadstoffen muss das Vorsorgeprinzip gelten. Denn sie stecken in unzähligen Alltagsprodukten, gelten aber laut WHO aufgrund ihrer möglichen gesundheitlichen Auswirkungen als globale Bedrohung.

In dem Fachgespräch am 7. November 2016 diskutierten die grünen Abgeordneten Nicole Maisch, Harald Ebner und Peter Meiwald mit Experten aus Wissenschaft, Umwelt- und Verbraucherschutz und Wirtschaft über die Risiken durch hormonell wirksame Stoffe (sogenannte „endokrine Disruptoren“) und über die aktuellen Regulierungsvorschläge der EU-Kommission.

Wie gefährlich sind hormonell wirksame Stoffe?

Im ersten Teil des Fachgesprächs ging Prof. Dr. Bernd Fischer mit seinem Einstiegsvortrag auf die Auswirkungen dieser Substanzen ein. Er konstatierte, dass sich diese in nahezu jedem menschlichen Körper fänden. Die Effekte auf das Hormonsystem seien bereits in sehr niedriger Dosis zu messen, insbesondere die „Cocktail-Mischungen“ verschiedener hormonell wirksamer Stoffe könnten gravierende Auswirkungen haben. Als mögliche schädliche Wirkungen seien Übergewicht und Diabetes, Störungen der Fruchtbarkeit, Hormonstörungen und Krebs bekannt. Er berichtete von eigenen Untersuchungen, die bei Mäusen einen Zusammenhang zwischen dem hormonell wirksamen Phthalat-Weichmacher DEHP und Adipositas bereits bei niedrigen Dosen zeigten.

Manuel Fernandez vom Bund für Umwelt und Naturschutz schilderte, dass hormonell wirksame Substanzen nicht nur in Pestiziden, sondern durch ihren Einsatz als Weichmacher oder Konservierungsstoffe in Alltagsprodukten praktisch überall zu finden seien. So habe der BUND Phthalat-Weichmacher im Hausstaub von Kindergärten gefunden. Mit der Toxfox-App des BUND könnten Verbraucherinnen und Verbraucher seit 2013 hormonell wirksame Stoffe in Kosmetika erkennen. Dies habe auch einen Effekt auf die Kosmetikhersteller gezeigt: So seien in neuen Produkten insgesamt weniger hormonell wirksame Chemikalien zu finden. Fernandez kritisierte den mangelhaften Schutz bei Kinderprodukten: Grenzwerte für Weichmacher gäbe es nur für Spielzeug im engeren Sinn, nicht aber für ähnliche Produkte wie ein Kinder-Schnorchelset.

Regulierungsvorschläge der EU-Kommission – Verstoß gegen das Vorsorgeprinzip?

Im zweiten Teil des Fachgesprächs wurden die konkreten Vorschläge der EU-Kommission zur Definition hormonell wirksamer Substanzen diskutiert. In einer juristischen Bewertung zeigte Julian Schenten von der Sonderforschungsgruppe Institutionenanalyse Darmstadt (sofia) auf, dass der Kommissionsvorschlag in wichtigen Punkten im Widerspruch zum EU-Recht und zum Vorsorgeprinzip stehe. So würden nur Stoffe, für die eine schädliche endokrine Wirkung beim Menschen nachgewiesen sei, als endokrine Disruptoren eingestuft. Substanzen, für die bislang nur Hinweise auf eine schädliche Wirkung vorliegen, blieben bei einer so hohen Beweislast weiter im Verkehr. Dies widerspreche sowohl dem Vorsorgeprinzip als auch den im Pestizid- und Biozidrecht festgelegten Zulassungsprinzipien. Mit diesen weitgehenden Veränderungen habe die EU-Kommission ihr Mandat überschritten.

Susanne Smolka vom Pestizid-Aktions-Netzwerk (PAN Germany) kritisierte, dass bei solchen extrem hohen Anforderungen theoretisch Menschenversuche nötig wären, um Verbote zu erlassen. Außerdem weite die EU-Kommission die Ausnahmeregelungen für die Zulassung besonders gefährlicher Pestizide aus. Bisher dürften sie verwendet werden, wenn sie kaum in Kontakt mit der Umwelt kommen (vernachlässigbare Exposition). Zukünftig soll die Ausnahmeregelung auch dann gelten, wenn das Gefährdungsrisiko als vernachlässigbar eingeschätzt wird.

Viele Erfahrungen mit Pestiziden wie DDT zeigten jedoch, dass die Risikobewertung für Pestizide oft mangelhaft sei und Risiken nicht vorab erkannt würden.

Dr. Friedrich Dechet vom Industrieverband Agrar plädierte dagegen für einen risikobasierten Ansatz und die Berücksichtigung von Faktoren wie Wirkstärke, Schwere und Reversibilität der Wirkung bei der Einstufung. Es müsse eine klare Unterscheidung in regulierungsbedürftige und nicht regulierungsbedürftige Stoffe geben. Sonst könnte die Regulierung von hormonell wirksamen Stoffen auch zum Verbot von Alltagsstoffen wie Koffein oder Vitamin D führen.

In der anschließenden Diskussion wurde dieser Einwand aufgegriffen und kontrovers diskutiert. Im Unterschied zum Koffeingehalt seien Pestizidrückstände oder andere Schadstoffe für Verbraucherinnen und Verbraucher nicht erkennbar. Zudem wurde die Frage gestellt, warum Verbraucherinnen und Verbraucher und die Umwelt überhaupt vermeidbaren Risiken ausgesetzt würden. Warum muss zum Beispiel Bisphenol A in Konservendosen oder Phthalat-Weichmacher im Schnorchel sein müssten. Für die meisten Stoffe existierten Alternativen, so dass Gesundheitsrisiken bei vielen Produkten vermeidbar seien. Außerdem sei das Chemikalienrecht im Sinne des Vorsorgeprinzips bewusst verschärft worden, weil in der Vergangenheit erst zu spät reguliert wurde – wenn der Schaden schon eingetreten war. Darüber hinaus könne die Regulierung von Chemikalien ein starker Motor für Innovation sein – wie im Fall der Chemikalienverodnung REACH. Gefährliche Stoffe, bei denen es zuvor hieß, dass es für sie keine Alternativen gebe, hätten durch weniger problematische ersetzt werden können.

Wie weiter?

Für die grüne Bundestagsfraktion erklärte Peter Meiwald, dass sie die Arbeit der EU-Kommission zu Hormongiften genau im Auge behalten werde. Er kündigte einen Bundestagsantrag der Fraktion an, in dem die Bundesregierung aufgefordert wird, sich gegenüber der EU-Kommission für einen deutlich besseren Schutz vor endokrinen Disruptoren einzusetzen. Wenn Brüssel dem Umwelt- und Verbraucherschutz weiterhin nicht gerecht wird, seien nationale Vorsorgemaßnahmen, wie sie beispielsweise in Frankreich bereits eingeführt wurden, notwendig.

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