UnternehmensgründungGute Gründe(r)

Porträtfoto von Kerstin Andreae

Gastbeitrag von Kerstin Andreae in der Zeit, Ausgabe 37, 10.9.2015

Die Gründung einer GmbH dauert in Deutschland im Schnitt 15 Tage – viel zu lang. In Australien lässt sich eine Firma mit vergleichbarer Rechtsform in zwei Tagen gründen. In Neuseeland und Kanada dauert das drei, in Dänemark und den USA vier Tage. Bis zu neun Stellen muss ein Neugründer in Deutschland ansteuern, darunter das Finanzamt, die Gewerbeaufsicht und die zuständige Kammer. Was in anderen Ländern Praxis ist, nämlich »One-Stop-Shops« als eine Anlaufstelle für alles, ist hierzulande Zukunftsmusik und steht allenfalls auf der Wunschliste der Bundesregierung.

Nicht nur vor einer Unternehmensgründung, auch in den ersten beiden Jahren danach haben es Gründerinnen und Gründer nicht leicht. Sie müssen viel Zeit für Administratives aufbringen. Zeit, die besser in den Aufbau der Firma investiert wäre. Klar, nicht alles funktioniert unreguliert, aber an manchen Stellen geht die Bürokratie zu weit. Ich denke da etwa an die monatliche Umsatzsteuervoranmeldung oder die Arbeitsstättenverordnung in all ihren Facetten. Geben wir unseren Neugründern doch die Möglichkeit zum Durchstarten, und verzichten wir in den ersten beiden Jahren so weit wie möglich auf die üblichen Bestimmungen und Regeln. Ist Deutschland ein Entwicklungsland in Sachen Gründungen? Die Fakten legen das nahe: Die Zahl der Gründerinnen und Gründer nimmt kontinuierlich ab. Während 2004 noch insgesamt 572 000 Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben, waren es im vergangenen Jahr nur noch rund 310 000. Selbst wenn wir die Ich-AGs herausrechnen, die gerade 2004 stark in Mode waren, ist der Trend negativ.

Es gibt viele Gründe, die kreative und gründungswillige Köpfe davon abhalten, den Weg in die Selbstständigkeit zu wagen. Neben bürokratischen Hürden fehlt es oft an Kapital für die notwendige Anschubfinanzierung. Die bestehenden öffentlichen Förderprogramme sind unübersichtlich, teilweise unbekannt und nicht ausreichend. Dabei geht es gar nicht um große Summen. In Branchen wie der Kreativwirtschaft, die keine hohen Anfangsinvestitionen erfordern, genügen Kleinkredite für den Schritt in die Selbstständigkeit. Hier hilft der Mikrokreditfonds zur Unterstützung von Kleingründungen, der aus Bundesmitteln und Geldern des Europäischen Sozialfonds aufgelegt wurde. Doch ist dieser Fonds in der Öffentlichkeit kaum bekannt, und es fehlt die Verzahnung mit ähnlich ausgerichteten Krediten der KfW-Bankengruppe. So wird Gründergeist verspielt.

Seit fast zwei Jahren wartet die Start-up- Szene auf das im Koalitionsvertrag angekündigte Venture-Capital-Gesetz, das Hightech- Gründungen erleichtert. Dazu gehört auch eine steuerliche Förderung von Forschungsund Entwicklungsaktivitäten. Ein Anreiz, den alle gut finden – Wirtschaft und Wissenschaft ebenso wie Vertreter von Union und SPD. Trotzdem scheut die Bundesregierung die Umsetzung. Dabei sind Gründungen oftmals der Motor für Innovationen und somit für Industrie und Mittelstand gleichermaßen wegweisend.

Dumm nur, dass ausgerechnet eines der besten Förderinstrumente faktisch lahmgelegt worden ist – der Gründungszuschuss der Bundesagentur für Arbeit. Dessen Vergabe wurde vor vier Jahren in eine Ermessensleistung umgewandelt. Die Auswirkungen sind gravierend: Die Neuvergabe des Zuschusses sank von 127 000 Fällen 2011 auf nur noch 30 000 im Jahr 2014. Ein Unternehmen zu gründen ist nie ohne Risiko. Das erfordert Mut – den sollten wir auch in unserer Arbeitsmarktpolitik haben.

Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg. Dieser Satz mag verstaubt klingen, wahr bleibt er trotzdem. Doch ökonomische Bildung findet kaum statt. Die flächendeckende Einführung eines Pflichtfachs Wirtschaft nach dem Muster von Baden- Württemberg wäre daher eine gute Grundlage, um jungen Menschen ein positives Bild von Unternehmertum zu vermitteln und so bei dem einen oder anderen das Interesse an einer selbstständigen Tätigkeit zu wecken. Auch an unseren Universitäten kommt das Thema Gründung noch zu kurz – in Lehrplänen und in Form von Projekten. Dabei zeigt die Erfahrung, dass aus dem universitären Feld erfolgreiche Gründungen stammen können, gerade im Hightechbereich. Warum also bieten nicht viel mehr Unis Kurse an, die sich praktisch mit dem Weg in die Selbstständigkeit beschäftigen?

Wer sich durch den Behörden- und Förderdschungel gekämpft und seine Firma erfolgreich gegründet hat, läuft dennoch Gefahr zu scheitern. Das kann trotz Businessplan, Anschubfinanzierung und bestmöglicher Vorbereitung passieren. Scheitern gehört zum Gründen dazu – das gilt für jedes Land. Aber in keinem anderen Industrieland ist das Misstrauen so groß wie in Deutschland. Wer einmal insolvent geworden ist, trägt nicht nur einen Schufa-Eintrag mit sich rum, sondern auch den Makel des »Pleitiers« vor sich her.

Die Angst vor sozialem Abstieg und vor einem gesellschaftlichen Stigma ist groß – aber unbegründet. Bereits vor Jahren stellten Berater der Boston Consulting Group fest, dass gescheiterte Unternehmerinnen und Unternehmer im zweiten Anlauf den Umsatz schneller steigern und mehr Arbeitsplätze schaffen als Firmengründer ohne die Erfahrung einer Niederlage.

Gestalten wir also eine Gründungslandschaft, die es uns erlaubt, Kreativität auszuleben, Unternehmertum auszuprobieren und finanzielle Risiken einzugehen. Wir haben wenig zu verlieren, aber viel zu gewinnen.

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