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FachgesprächWohlstand ist mehr als Wachstum

Was macht unseren Wohlstand aus und wie misst man den Erfolg eines Unternehmens?

Oft gilt die Wirtschaftsleistung als Maß aller Dinge, also die Waren und Dienstleistungen, die wir herstellen und einkaufen. Diese spiegelt sich im Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der volkswirtschaftlichen Sicht oder in den Umsatz- und Gewinnkennziffern der Unternehmen. Doch die Aussagekraft dieser Messgrößen ist begrenzt. Denn: Ob ein Unternehmen gut für die Allgemeinheit ist oder nur den Interessen einzelner InvestorInnen dient, lässt sich nicht anhand bisheriger Bilanzierungsinstrumente ablesen.

Nachhaltigkeit: Ins Zentrum der Entscheidungen stellen

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Anja Hajduk begrüßte die TeilnehmerInnen mit den Worten: "Jetzt ist die Zeit des Umdenkens. Wir befinden uns im Zeitalter großer Transformationen, sei es im Hinblick auf die Digitalisierung oder auf die Globalisierung. Nachhaltigkeit darf dabei nicht auf der Strecke bleiben." Um Nachhaltigkeit ins Zentrum wirtschaftlicher Entscheidungen zu holen, braucht es ein klares Bild, wie sich unser Wirtschaften auswirkt. Und so startete die Moderatorin, Katharina Beck, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wirtschaft & Finanzen mit dem markanten Satz: "Buchhalterinnen werden die Welt retten!" in die Podiumsdiskussion.

Jahreswohlstandsbericht 2019: Moderne Wohlstandsmessung

Einführend erläuterten die Autoren des Jahreswohlstandsberichts 2019 Prof. Dr. Hans Diefenbacher, Universität Heidelberg und Dipl. Verw. Wiss. Roland Zieschank, Freie Universität Berlin, internationale Trends der Wirtschaftsberichterstattung und Widerstände bei der Umsetzung einer modernen Wohlstandsmessung in Deutschland. Roland Zieschank erklärte: "Es gibt eine Ökonomisierung der Umweltpolitik - aber keine Ökologisierung der Wirtschaftsberichterstattung." Mit dem "Jahreswohlstandsbericht" könnte das grundlegend geändert werden. Was im Folgenden von beiden Autoren anhand der Indikatoren des aktuellen Jahreswohlstandsberichts näher gezeigt wurde.

Unternehmen haben sich auf den Weg gemacht

Auch für Unternehmen hat eine erweiterte Erfolgsmessung großes Potential. Sie hilft ihnen, sich auf globale Megatrends wie den Klimawandel einzustellen, langfristige Risiken zum Beispiel bei Investitionen in fossile Energien zutreffender einzuschätzen und wirtschaftliche Chancen frühzeitig zu erkennen und zu nutzen. So stellte Saori Dubourg, Vorstandsmitglied bei BASF, klar: "Unternehmen werden am Kapitalmarkt bisher nicht belohnt, wenn sie etwas Gutes tun." Dennoch stellte sich die Abteilung zum Nachhaltigkeitsmanagement im Unternehmen die Frage: Wie müsste es eigentlich sein, damit die Gelder in die richtigen Dinge investiert werden? Vor diesem Hintergrund hat BASF vor sechs Jahren damit begonnen, auch die sozialen und ökologischen Nutzen und Kosten einzelner Betriebsstandorte zu erfassen. Dies dient der Information der Shareholder, aber auch einer Verbesserung Entscheidungsfindung zum Beispiel bei Standortentscheidungen.

Mittelständische Unternehmen: Arbeiten mit Gemeinwohl-Bilanzierung

Für das Modell der Gemeinwohlökonomie waren Gerd Hofielen, Humanistic Management Practices gGmbH, und Heinrich Kronbichler, WBS Training AG, zu Gast. Heinrich Kronbichler stellte klar, dass er als Eigentümer nicht auf Zinsen aus sei, sondern dass es für ihn als Unternehmer auch um eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gehe. Gerd Hofielen klärte darüber auf, das bislang vor allem mittelständische Firmen eine Gemeinwohl-Bilanzierung als Instrument für eine nachhaltige Unternehmensführung anwenden würden. Mit einem Punktesystem, das unabhängig auditiert wird, werden soziale und ökologische Wirkungen transparent gemacht - eine DIN A4 Seite gibt dann einen vergleichbaren Überblick.

Nachhaltige Bilanzierung: Chancen und Risiken

In der Diskussion wurde anschließend klar, dass gemeinsame Rahmenbedingungen hilfreich sein können, auch wenn von Seiten der Industrie eingewendet wurde, man dürfe Unternehmen auch nicht überlasten, beziehungsweise man müsse für solche Transforma-tionsprozesse Zeit lassen. Prof. Dr. Hans Diefenbacher betonte, dass eine Bewertung bzw. Monetarisierung die tatsächlichen Kosten widerspiegeln müsse - ansonsten drohe Greenwashing. Saori Dubourg betonte, dass ein einfaches, transformierbares und skalierbares System von großer Bedeutung ist, damit eine erweiterte Erfolgsmessung erfolgreich sein kann.

Dieter Janecek, Sprecher für digitale Transformation der Wirtschaft, führte an, dass man sich ehrlich machen müsse: "Führt man eine nachhaltige Bilanzierung ein, werden viele Unternehmen definitiv erst einmal negativ dastehen - das heißt es wird klare Verlierer geben. Aber man kann es auch als Chance zum Umdenken sehen, hin zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise, die im Blick hat, was die Gesellschaft davon hat."

Politik und Wirtschaft: Gemeinsam für ein großes Ganze

Kerstin Andreae, Sprecherin für Wirtschaftspolitik, sah die Offenheit und Bereitschaft von Unternehmen und Industrie, sich für neue Bewertungsformen zu öffnen als wichtiges Signal: "Initiativen aus der Wirtschaft haben bessere Chancen parteiübergreifend aufgegriffen zu werden - wir müssen hier gemeinsam fürs große Ganze arbeiten."

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