ArbeitszeitFlexible Vollzeit – damit alle ihre Arbeitszeit beweglicher gestalten können

Unsere Gesellschaft ist im Wandel. Sich verändernde Lebensentwürfe, die demografische Entwicklung oder die Digitalisierung führen uns auf neue Wege. Sie erfordern auch mehr Flexibilität in der Arbeitswelt. Bisher hat vor allem die Arbeitgeberseite Ansprüche an die Flexibilität ihrer Beschäftigten gestellt. Nun verlangen erwerbstätige Frauen und Männer selbst mehr Einfluss auf ihre Zeit.

Nicht einmal jeder Zweite ist heute mit dem Umfang seiner Arbeitszeit zufrieden. Viele Teilzeitbeschäftigte wollen mehr, viele Vollzeitbeschäftigte weniger arbeiten, ohne dass ein Karriere-Aus droht. Diese Sorgen sind berechtigt. Viele Männer verzichten darauf, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, wenn ihre Kinder klein sind, weil sie sehen, was ihre teilzeitarbeitenden Kolleginnen beruflich nicht erreichen. Viele Mütter wiederum bleiben – oft unfreiwillig - nach einer Familienphase dauerhaft in kleiner Teilzeit. Mit all den Effekten, die das auf lange Sicht für sie hat: wenig Aufstiegschancen im Beruf, niedriges Einkommen, geringe eigene Rentenabsicherung etc.

Wir brauchen eine neue Arbeits- und Zeitkultur, das starre Leitbild von Vollzeit soll aufgeknackt werden. Menschen brauchen mehr Spielraum, sich zu verändern, neue Potenziale sich zu entfalten. Als Gesellschaft verschenken wir zu viel an Kompetenzen und Wissen durch dieses verhärtete System. Wer die Arbeitszeiten beweglicher macht, hilft, Frauen und Männer gleichzustellen – im Beruf wie in der Familie. Heute wollen sich gut ausgebildete Frauen nicht mehr mit der Rolle als Zuverdienerin zufrieden geben. Und auch die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber wissen, dass sie die Frauen brauchen, wenn sie ihren Fachkräftebedarf decken wollen.

Entscheidender als der Arbeitsumfang kann allerdings sein, wann und wo gearbeitet wird. Die Beschäftigten sollen hier mehr Spielräume erhalten: Ein Vater kann zeitweilig im Home Office arbeiten und ist zugleich vor Ort, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Mehr Zeitsouveränität sollte aber tatsächlich mehr Lebensqualität bringen. Das Arbeitspensum darf die gewonnene Freiheit nicht unterlaufen. Deshalb sind hier Schutzmechanismen erforderlich.

Zeit für gute Arbeit – Spielraum fürs Leben

  • Flexible Vollzeit: Die grüne Bundestagsfraktion schlägt einen Vollzeit-Arbeitszeitkorridor im Bereich von 30 bis 40 Stunden vor. Innerhalb dieses Korridors sollen Beschäftigte – unter Einhaltung von Ankündigungsfristen - bedarfsgerecht ihren Arbeitszeitumfang bestimmen können. Nur dringende betriebliche Gründe sollen das verhindern können. Dann kann zum Beispiel der junge Vater ein Jahr lang 30 und anschließend 34 Stunden arbeiten. Oder eine Kollegin reduziert ihre Arbeitszeit, um sich regelmäßig weiterzubilden und dann die nächste Karrierestufe zu nehmen. Die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und privaten Bedürfnissen und Verpflichtungen wird erleichtert. Die Grenze zwischen Teilzeit- und Vollzeitarbeit wird fließender, das Normalarbeitsverhältnis offener und der Diskriminierung der Teilzeit entgegengewirkt. Motivation und Engagement der Beschäftigten wachsen. Ein Arbeitsumfang von 30 Stunden plus wird interessanter, dagegen verlieren Halbtagsjobs an Attraktivität. In der Summe wird - auch im Interesse der Arbeitgeber - das Arbeitszeitvolumen ausgeweitet. Die individuelle Ausgestaltungsmöglichkeit erlaubt zudem partnerschaftliche Lösungen für Paare.
  • Rückkehrrecht: Eine Modernisierung des Teilzeit- und Befristungsgesetzes muss die Möglichkeiten für bedarfsgerechte, temporäre Arbeitszeitarrangements bieten. Deshalb soll der bestehende Rechtsanspruch auf Teilzeit um eine Befristungsmöglichkeit ergänzt werden. Mit dem Rückkehrrecht auf den früheren Stundenumfang wird die Formel „Einmal Teilzeit, immer Teilzeit“ der Vergangenheit angehören. Die Spielräume für mehr Gleichberechtigung im Erwerbsleben werden größer.
  • Mitbestimmt und passgenau arbeiten: Beschäftigte sollen die Möglichkeit bekommen, die Lage ihrer Arbeitszeit und die Nutzung von Home Office mitzugestalten. So können sie mehr Einfluss nehmen, damit die Arbeit besser ins eigene Leben passt.
    Betriebsräte bekommen zudem die Möglichkeit, eine Betriebsvereinbarung zu Vereinbarkeitsfragen und für mehr Zeitsouveränität von der Geschäftsführung zu verlangen, damit passgenaue Lösungen für das jeweilige Unternehmen gefunden werden können. Wenn durch Vertrauensarbeitszeit die Arbeit entgrenzt wird und Mehrarbeit entsteht, dann soll der Betriebsrat zukünftig über die Menge der Arbeit mitbestimmen können.
  • Zeitsouveränität in besonderen Arbeitsformen ermöglichen: Es ist notwendig, auch die Arbeitsformen in den Blick zu nehmen, die den ArbeitnehmerInnen besonders wenig Zeitsouveränität ermöglichen – also Schichtarbeit und Arbeit auf Abruf. Die Bundestagsfraktion will die Rechte der ArbeitnehmerInnen in diesen Arbeitsformen gesetzlich stärken, damit auch sie mehr Spielräume in ihrer Zeitgestaltung erhalten.

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