ZeitpolitikMehr Zeit in Heidelberg

Wir alle kennen das. Familie, Freizeit, Job und noch vieles andere mehr sind kaum unter einen Hut zu bekommen. Der Stress lässt einfach nicht nach. Deshalb wünschen wir uns „Zeit für mehr – damit Arbeit gut ins Leben passt“. Die grüne Bundestagsfraktion hat einen Themenschwerpunkt zur grünen Zeitpolitik (#allesuntereinenHut) gesetzt, in dessen Rahmen unter anderem in Heidelberg eine spannende Veranstaltung stattfand

Wir Grüne sind der Überzeugung, dass der ständige Zeitdruck ein Problem von uns allen ist, das wir gemeinsam als Gesellschaft, aber auch politisch und wirtschaftlich angehen müssen. Aber wir sind auch überzeugt davon, dass es bereits gute Erfahrungen in Betrieben und Organisationen, bei Paaren und in Freundeskreisen gibt und der Austausch sich lohnt.

So konnten unsere Abgeordneten Kerstin Andreae, stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Franziska Brantner, familienpolitische Sprecherin der Fraktion, auch das Autorenpaar Stefanie Lohaus und Tobias Scholz begrüßen. Die beiden haben sich Arbeit, Freizeit, Elternpflichten für ihren Sohn nach dem 50:50-Modell aufgeteilt und darüber im Buch „Papa kann auch stillen“ geschrieben. Außerdem mit dabei: Miriam Schilling, Personalchefin beim Outdoor-Ausstatter „vaude“ und der Personalleiter des Softwareunternehmens SAP, Cawa Younosi.

Eines wurde schnell klar: Neuanfänge brauchen Zeit und wir müssen uns in vielerlei Hinsicht neu aufstellen. Aber es lohnt sich, denn wenn wir Arbeit und Kinder, Freunde und Partnerschaft besser in unser Leben integrieren können, haben alle etwas davon, die Kleinen und die Großen. Klar ist, dass wir Lebens- und Arbeitsmodelle thematisieren müssen, aber auch, dass wir eine neue Definition von „Vollzeit“ benötigen. Flexibilität ist das Zauberwort – auch wie im Hinblick auf Eltern- beziehungsweise Lebensarbeitszeit.

Überraschend deutlich wurde in der anschließenden Diskussion, dass vor allem die Kultur von oben die Wirklichkeit an der Basis prägt – egal, ob es sich um Organisationen, Unternehmen oder den Bundestag handelt. Wenn Eltern und vor allem Mütter in den Führungsetagen vertreten sind, so schilderte Kerstin Andreae ihre Erfahrung, dann wird die „Zeitpolitik“ für alle besser. Egal, ob sie kleine Kinder versorgen müssen, sich jenseits der 50 weiterbilden möchten, eine Auszeit planen oder die Pflege von Angehörigen organisieren müssen. Aber natürlich kann und muss auch die Politik und die Gesetzgebung einiges an Rahmenbedingungen tun, damit Vereinbarkeit besser klappt.

Notwendig sind beweglichere Arbeitszeiten und ein größeres Mitspracherecht der Beschäftigten über ihre Arbeitszeit und ihren Arbeitsort. Das bestehende Elterngeld muss passgenauer gestaltet und verlängert werden. Gleiches gilt für die Pflegezeit. Auch darf berufliche Weiterbildung nicht an zeitlichen oder finanziellen Hürden scheitern. Die Grüne Fraktion hat mit der Flexiblen Vollzeit, mit Kinderzeit Plus, Pflegezeit Plus und Bildungszeit Plus entsprechende Konzepte entwickelt.

Betriebliche Lösungen müssen sich auch an den individuellen Bedürfnissen orientieren, damit sie wirklich passen. Das bestätigt auch Miriam Schilling für „vaude“. Der Organisationsaufwand um Eltern- und Teilzeit lohnt sich für das Outdoor-Unternehmen vor allem in Hinblick auf die Bindung von guten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Bei SAP herrscht Vertrauensarbeitszeit, berichtete Personalchef Cawa Younosi. Das Softwareunternehmen praktiziert darüber hinaus schon seit vielen Jahren alle möglichen Modelle von Teilzeit (auch für Führungspositionen), Homeoffice und Flexibilität aller Art – und versucht die Gegebenheiten beständig den Erfordernissen anzupassen.

„Der Wandel muss alle Felder durchziehen“, sagt Younosi, und meint da auch die persönliche Einstellung. Es sei auch ein Problem, dass manche sich den Druck selbst machen und deshalb keine Zeit für Familie, Freunde und Freizeit mehr haben. „Das kennen wir auch aus unserem Leben als Politikerinnen“, mussten Kerstin Andreae und Franziska Brantner zugeben, „da liegt also noch einiges vor uns.“

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1 Kommentar
Mehr Zeit für die Familie
Hans Konrad Frischknecht 19.07.2016

das akzeptiere ich an Eurer grünen Politik. Aber fordert die Polizei nicht auf, bei Terroristenangriffen nur ins Bein zu schiessen. Ihr müsst Eure Politik schon an die heutige Zeit anpassen, wenn Ihr auch in Terrorkreisen mitreden wollt.

Hans K. Frischknecht, Mindanao

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