Grüne Tulpe - Berliner Behindertenwerkstätten

Noch fünf Tage bis zum Frühlingsbeginn. Wer sich angesichts dieses Datums auf ein gemütliches Spiel bei lauen, frühlingshaften Temperaturen eingerichtet hatte, sah sich getäuscht. Die Mannschaft der Grünen Tulpe und ihr heutiger Gegner, die Berliner Behindertenwerkstätten (BWB), sahen sich bei Schnee und Temperaturen um den Gefrierpunkt widrigen Bedingungen ausgesetzt. An eine Absage wurde freilich kein Gedanke verschwendet, hatte dieses Aufeinandertreffen doch gleich zwei Höhepunkte parat.

Zum einen traf die Tulpe mit den Berliner Behindertenwerkstätten auf ein Team, das als bestes Berliner Werkstättenteam im vergangenen Jahr bei der Fußballweltmeisterschaft der Werkstätten für behinderte Menschen den dritten Platz errungen hat. Außerdem hatten sie mit Samet Ayar einen echten Hochkaräter unter sich. Ayar gehört zum Kader der Nationalmannschaft für Menschen mit Intellektueller Beeinträchtigung und hat große Chancen für sein Team in diesem Jahr mit nach Südafrika zu fliegen.

Zum anderen wollte sich ein solches Spiel auch der sozial- und behindertenpolitische Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion, Markus Kurth, nicht entgehen lassen. Zwar konnte er sich auf Grund eines grippalen Infekts nicht das Tulpenjersey überziehen und selbst mitkicken. Mit dickem Schal und Mütze bekleidet, fand er sich jedoch pünktlich nach der Fraktionssitzung im Deutschen Bundestag zum obligatorischen Mannschaftsfoto und zum Anstoß ein.

Das Berliner Werkstättenteam, so stellte sich heraus, bestand sodann nicht ausschließlich aus behinderten Werkstattmitarbeitern. Zum ersten Mal überhaupt stand heute eine Mannschaft auf dem Großfeld, die sowohl aus behinderten und "nicht-behinderten" Mitarbeitern bestand. Mit dem Sohn des Spielertrainers Michael Kürten, A-Juniorenspieler des FC Internationale, und dem Vater des besagten Samet Ayar, Ibrahim, in Vertretung für den verletzten Stammtorhüter, standen zudem zwei Externe mit auf dem Platz. Ein echtes Integrationsteam also.

Das gefiel auch Markus Kurth, tritt er zusammen mit den Grünen doch dafür ein, die bisher getrennten Lebenswelten viel stärker miteinander zu verbinden.Was in Kita, Schule und Betrieb leider noch Probleme bereitet, war auf dem Rasen nicht im Ansatz zu verspüren. Gleich nach dem Anstoß übernahmen die Gäste der BWB das Heft in die Hand. Das Zusammenspiel zwischen Jung und Alt, Groß und Klein, behindert und "nicht-behindert" klappte einwandfrei und der ein oder andere Spieler der Tulpe sah sich angesichts des kombinationssicheren Passspiels schon an die Spielweise des amtierenden Europameisters erinnert.

Überraschend war angesichts dieser dominanten Anfangsminuten der BWB eine Riesenchance für die Grüne Tulpe. Ein Querpass aus dem rechten Halbfeld von Finn Pelke wird von Kristoffer Born erlaufen, der sich plötzlich, nur wenige Meter einschussbereit vor dem Tor befindet. Doch anstatt mit dem rechten Fuß einfach einzuschieben, legt er sich den Ball umständlich auf den linken Schlappen. Dann schlenzt er zwar in wunderschönem Bogen auf das lange Ecke, doch nicht hoch genug. Denn ein zurückgeeilter BWBler klärt mit Köpfchen auf der Linie.

Nur wenige Minuten später wird auch der zweite Stürmer schön in Szene gesetzt. Ein starker Pass von Born von der linken Strafraumkante landet bei Markus Kurdziel, der aus spitzem Winkel seinen Meister in Ibrahim Ayar, dem Keeper der BWB, findet. Die Tulpe will es nach diesen zwei Großchancen nun wissen und sucht das frühe Tor.

Ein weiterer Angriff rollt über links. Die erfahrene Abwehrreihe der Werkstätten fängt den folgenden Flankenball ab und plötzlich geht es ganz schnell. Über zwei, drei Stationen läuft der Ball in die Hälfte der Tulpe und was dann passiert, könnte so in jedem Lehrbuch für angehende Fußballlehrer stehen. Der Ball wird von einem BWBler bis zur Grundlinie des Strafraums der Tulpe getragen und dann über die Köpfe dreier Abwehrspieler mustergültig auf den frei stehenden Samet Ayar geflankt. Dieser, und das zeichnet einen Nationalstürmer aus, nickt das Spielgerät per Flugkopfball ins kurze Eck. Keine Chance für Christian Meuschke im Kasten der Tulpe.

Die Antwort der Tulpe kommt schnell. Nur wenige Minuten nach diesem 0:1 Rückstand nimmt Marek Dutschke im rechten Mittelfeld Maß, sieht den gut platzierten Born im Strafraum, flankt präzise und findet den Kopf vom Tulpestürmer. Es folgt ein genauestens platzierter Kopfball ins linke, lange Eck. Einige Tulpen drehen sich schon um, im Glauben der Ausgleich ist da, doch just in diesem Augenblick fliegt Ibrahim Ayar in seine Ecke und lenkt den Ball noch um den Pfosten. Eine Weltklasse-Parade!

Der nächste Angriff der Tulpe läuft diesmal über links. Asgar Ergin schickt den laufstarken Aaron Greicius, der seinen schwächeren rechten Fuß bemüht und einfach mal in den Strafraum flankt. Dort befindet sich - richtig - wieder Tulpenkapitän Born, der wohl seine beste Halbzeit seit Monaten spielt, schaut, anläuft und den Ball diesmal unhaltbar wuchtig ins linke Ecke köpft. Da ist der Ausgleich endlich. 1:1

Auch die Berliner Werkstätten möchten ein Gegentor nicht auf sich sitzen lassen und starten einen Gegenangriff. Umgehend spielen sie sich auf der linken Seite frei und kommen erneut frei zum Flanken. Der starke Samet Ayar setzt zu einem technisch brillianten Fallrückzieher an, trifft den Ball perfekt, Meuschke scheint geschlagen, doch das Leder trifft den rechten Außenpfosten. Wahnsinnsaktion, die leider nicht belohnt wird. Spätestens jetzt wussten alle, warum dieser Mann in der Nationalmannschaft spielt.

Es ist Halbzeit.

Auch in der zweiten Hälfte steht der Keeper der BWB das ein ums andere Mal im Mittelpunkt des Geschehens. So kann er die Schüsse der frei vorm Tor stehenden Asgar Ergin und Finn Pelke durch gutes Stellungsspiel parieren. Auch Marek Dutschke kommt zu seiner Torchance, die vom Keeper vereitelt wird.

Ein Eckball schließlich kann die BWB-Abwehr knacken. Eine Born'sche Ecke bringt den Ball auf den kurzen Pfosten. Teamchef Sebastian Wienges läuft hinein und lässt den Ball geschickt über seinen Scheitel laufen, so dass der Ball schließlich im langen Eck landet. Geburtstagstulpe Aaron Greicius kommt noch schnell hineingelaufen, bugsiert das Leder über die Linie und beschenkt sich mit diesem Treffer selbst. Doch der von Teamchef Wienges geköpfte Ball wäre wohl auch so ins Tor gegangen. Egal, die Führung ist da. 2:1 für die Tulpe.

Auch die BWB, die sich im Spielverlauf mindestens zehn Ecken erarbeiteten, kommen wenige Minuten vor Spielschluss noch zu einer gefährlichen Torchance. Ein BWB-Stürmer dringt in den Strafraum ein und schießt flach ins kurze Ecke. Christian Meuschke im Tor zeigt jedoch einen tollen Reflex und kann den Ball mit dem Fuß zur Ecke klären. Der anschließende Eckball führt zu nichts.

Fazit: Heute spielten zwei technisch starke Mannschaften gegeneinander. Das BWB-Team verstand es, den Ball über die gesamte Spielzeit geschickt in den eigenen Reihen laufen zu lassen, vermochte es aber leider zu selten, den hohen Ballbesitz in Torchancen umzuwandeln. Die Tulpe präsentierte sich nach den vier Gegentoren aus der Vorwoche gefestigt und erarbeitete sich aus einer gesicherten Abwehr um den Libero Stefan Witt viele Chancen, die am Ende ein leistungsgerechtes Zwei zu Eins bedeuteten.