Grüne Tulpe - Fortschritt Friedrichshain

Blind, aber auf Augenhöhe

Nein, es geht nicht um ein Möchte-gern-Kanzlerkandidaten-Duell zwischen Westerwelle und Lafontaine, auch wenn das sicherlich ähnlich unterhaltsam gewesen wäre. Nein, vielmehr traten die Tulpen mal wieder gegen Fortschritt Friedrichshain an, und was sich da bot, wäre zu einfach auf Ball und Boden zu schieben. Das Positivste, was sich über die Leistungen der Protagonisten noch schreiben lässt, ist, dass die Partie ausgeglichen und die Gegner einander ebenbürtig waren.

Das Spiel begann und ebenso wenig wie die Union derzeit ihre Botschaft an den Mann bringt, brachten die Tulpen den Ball an den Mitspieler. Immer wieder wurden Pässe über kürzeste Distanz zuerst gar nicht, dann zu spät und außerdem noch dem Gegner in den Fuß geschoben. Immerhin stand Libero Stefan Witt jederzeit souverän und vereitelte die Chancen der Fortschrittlichen schon im Ansatz. Doch nach vorne lief eben fast gar nichts zusammen. So blieben Chancen auf beiden Seiten so rar wie ernstzunehmende Argumente und Auseinandersetzungen im derzeitigen Wahlkampf der beiden (ehemaligen) Volksparteien.

Einzig nach einer Ecke trafen die Tulpen den Pfosten. Bezeichnender Weise sprang er von dort aber nicht sonst wohin, sondern tänzelte wie zum Spott vor der Torlinie entlang, bis sich ein Friedrichshainer Verteidiger erbarmte und dem Hohn ein Ende bereitete und ihn weit wegbolzte. Ansonsten sehnten sich alle Beteiligten nach der Halbzeitpause: Die Attraktivität des ruhenden Balles.

Warum ist ein Spiel so lange ausgeglichen, bis eine Mannschaft das erste Tor schießt? Gut, das klingt nach: "Wir wollten kein Gegentor kassieren. Das hat auch bis zum Gegentor ganz gut geklappt!" (O-Ton Häßler) Aber gemeint ist damit, dass wenn das erste Tor fällt, dann auf einmal Automatismen funktionieren und aus einem Grottenkick ein ganz passables Spiel werden kann. Nie hat die Weisheit mehr gestimmt: "Ein Tor würde dem Spiel jetzt gut tun!" Aber bis dahin war es noch ein weiter Weg an diesem Montagabend.

Kurz vor der Halbzeitpause rettet Greenkeeper Jochen mit einer Glanzparade nach einer Fortschritts-Ecke und sichert so sich und der Tulpe die Chance, endlich auch mal wieder zu null zu spielen. Wohlgemerkt, das letzte Mal liegt schon 14 Gegner und ein halbes Jahr zurück.

Nach der Halbzeitpause ging es leider weiter wie bisher. Von Zeit zu Zeit verschoben sich ein wenig die Spielanteile, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Aber ansehnlich war keine von beiden.

Schlechte Spiele neigen jedoch erfahrungsgemäß dazu, kurz vor Schluss auch noch durch groteske Tore entschieden zu werden, was dazu führte, dass keine Mannschaft den Mut zu bedingungsloser Offensive. Welche Blindentruppe will schon sehenden Auges in ihre eigene Niederlage gehen?

Einmal ist Markus Kurdziel durch und bringt so eine seltsame Mischung aus Luftloch, Torwart anschießen, Stolpern und schließlich den Ball im Liegen mit dem Unterschenkel Richtung Tor rollen zustande.

Dann plötzlich doch eine gefährliche Ecke der Friedrichshainer, bei der der Nachschuß aus fünf Metern nur knapp übers Tulpe-Gehäuse fliegt. Kurz mal durchatmen auf grüner Seite.

Kristoffer "Toffi" Born, der nach seinem Armbruch im letzten Spiel vor der Sommerpause, an diesem Montagabend sein Comeback mit Titanium im Knochen gab – schade, dass er so selten Torwart spielt; das wäre eine Vorlage für Kalauer… – brachte noch am meisten Belebung ins Spiel. Ein ums andere mal narrte er seine Gegenspieler und nutzte seine Schnelligkeit. Doch sein Maximum für heute war der Außenpfosten nach schöner Ergin-Hereingabe von links.

Auf der anderen Seite tanzte die 10 der Friedrichshainer so lange die Tulpen-Abwehr aus, bis die wieder in Überzahl waren und er nur noch neben das Tor schießen konnte. Das machte Aaron Greicius schon besser, nachdem er den Ball durch die Abwehrreihen an die Strafraumgrenze durchgesteckt bekam, den Ball schön in der Drehung mitnahm, sich dabei zwischen Ball und Gegenspieler brachte, um dann frei auf das Tor schießen zu können. Er wählte den rechten Vollpfosten, an den er den Ball nagelte, von wo das Leder parallel zur Torlinie durch den ganzen Fünf-Meter-Raum trudelte und seinen Weg Richtung Eckfahne einschlug.

Aber auch dreimal Alu ist kein Tor, so wie auch die Union inzwischen wissen sollte, das auch dreimal Mehrheiten in allen Umfragen keine Wahlsiege ausmachen. Nur dass die Grünen diesbezüglich erfolgreicher sind: Nach einer Ecke von rechts kommt Asgar Ergin! zum Kopfball!! und drückt das Leder schulbuchmäßig Richtung Torlinie. Der Ball springt auf, an den Pfosten, dem Torwart in die Hände und – irgendwie konnte ein Tor in diesem Spiel nicht anders fallen – dem Torwart auch wieder aus den Händen. Nichts ins Tor, nein, er trudelte mal wieder auf der Linie entlang. Zwei Verteidiger und ein Tulpen-Angreifer stürzen sich auf den Ball, bringen ihn aber weder über die Linie noch sonst wohin. Und so kommt Jochen Hake mit einem fulminanten Volleyschuss aus 30 cm Torentfernung zu seinem zweiten Saisontor. 1:0.

Naja, und dann griff der Fortschritt an, bekommt einen Konter und plötzlich gelingt ausnahmsweise ein genialer Pass in den Lauf auf Aaron Greicius, der den Ball souverän am Torwart vorbei zum 2:0 schiebt.

Fazit: So einfach kann Fußball sein. So einfach geht Siegen.