Grüne Tulpe - Rotation PrenzlBerg

Die Urgewald trifft auf Bremen

Mannschaften zeichnen sich immer durch ein filigranes Beziehungsnetzwerk aus, in dem bestimmte Rollen und wer sie wie ausfüllt über den so genannten Charakter der ganzen Mannschaft entscheiden. Da gibt es den Star, den es bei den Tulpen eigentlich nun wirklich kaum gibt; es gibt den Antreiber, der immer gewinnen will und die Mannschaft mitzieht, was bei den Tulpen schon mehreren Spielern in Maßen zufällt; es gibt den Verteiler, der geschickt die Fäden ziehen muss, Rollen verteilt und aktiviert im Spiel und drum herum und die am Rande des Netzwerkes integriert und ein Zugehörigkeitsgefühl vermittelt, was eine Rolle ist, die quasi per Definition unerkannt bleiben muss, so auch bei den Tulpen; es gibt die Wasserträger, die immer an die Mannschaft denken und egal welche Aufgabe anfällt, sie erfüllen, wovon es einige bei den Tulpen gibt, es aber nie genug geben kann.

Wenn ein Spieler, der eine dieser Rollen ausgefüllt hat, die Mannschaft verlässt, führt das fast unweigerlich zu einem Umbruch. Mannschaften können daran zerbrechen oder sich zu neuen Höhen aufschwingen. Die vakante Rolle wird auf jeden Fall neu besetzt, ob sie auch gespielt werden kann, ist fraglich. Die Tulpen haben in den letzten Monaten und Wochen gleich mehrere solcher Rollen neu besetzen müssen, und die ihre Zukunft ist noch ungewiss. An diesem Montag nahm vorerst der letzte dieser Schlüsselspieler seinen Abschied. Nach fünf Jahren folgt Christoph Benze einer anderen Tulpe – Reinhard Loske – nach Bremen.

Wie schwer dieser Verlust wiegen wird, wird sich erst noch zeigen, denn Christoph war ein bisschen von allen beschriebenen Rollen für die Tulpe – in seinem Abschiedsspiel besetzte er aber zweifellos einfach nur die Rolle des Stars.

Der Gegner Rotation Prenzlberg war inzwischen von einem amerikanischem Hedge-Fonds gekauft und nach Kreuzberg umgezogen worden. Dort spielen sie deshalb jetzt als KSV Umutspor. An ihrer Spielweise änderten sie deshalb aber kaum etwas. Gewohnt kontrolliert und gepflegt zogen sie ihr Passspiel von Anfang an auf. Dass sie individuell den Tulpen häufig unterlegen waren, ließ sie nie ihre Spielkultur verlieren. Umgekehrt gelang es den Tulpen kaum, ihr sonst so gefürchtetes und engagiertes Forechecking aufzuziehen, und auch das Zusammenspiel war über weite Strecken wenig druckvoll. Beide Mannschaften ließen weite Löcher im Mittelfeld. Doch während dadurch die Umutspor'tler-Stürmer oft in der Luft hingen, weil keine Anspielstationen nachrückten, konnten die Tulpen den freien Raum eher für schnelle raumgreifende Angriffe nutzen, was nicht schön aber effektiv sein sollte.

Doch Tore fielen in der ersten Halbzeit nur nach Standardsituationen, und das obwohl die im Trainingslager einstudierte Eckenvariante längst schon wieder vergessen ist. Das 1:0 war dann auch eher ein Zufallsprodukt. Ecke von rechts, Umutspor bringt den Ball nicht aus der Gefahrenzone, der fällt Tresfore Dambe dann vor die Füße, der per Hüftdrehschuss abzieht.

Danach wird der blitzschnelle Umutspor-Rechtsaußen, mit dem die Tulpen-Abwehr immer wieder ihre liebe Not haben sollte, auf dem Weg zum Ausgleich vom Schiedsrichter zurückgepfiffen, weil der ihn im Abseits wähnte, was von außen zumindest nach einer umstrittenen Entscheidung aussah.

Beim 2:0 setzte der Star dann sein erstes Glanzlicht. Selbst jüngere Tulpen erinnern sich noch daran, dass angesichts der notorischen Kopfballschwäche der Tulpen einmal ein Kasten Bier ausgelobt wurde für den Fall, dass eine Ecke direkt verwandelt werden sollte. Die Ecke von links fliegt heran, ebenso der Umutspor-Torwart im Werder-Dress, der segelt jedoch vorbei, während der Neu-Bremer Christoph Benze sich in die Lüfte hochschraubt, dort einen Moment über den Köpfen der übrigen zu Statisten degradierten Mit- und Gegenspieler warten muss, bis das Spielgerät endlich seine Stirne erreicht und sich seine gesamte athletische Körperspannung in einen von keiner modischen Langhaarfrisur gestörten technisch perfekten Kopfstoß entlädt. Der Ball schießt hernieder, von dem Kopfballungeheuer exakt hinter die Linie des Tores gedrückt und schlägt zum 2:0 ein. Der Jubel kennt keine Grenzen, das Volk tanzt in den Straßen. Doch damit hatte er noch nicht genug.

In der 30. Minute köpft wiederum nach einer Ecke Markus Kurdziel den Ball an den Pfosten, von dem er zurück ins Feld klatscht. Thomas Flügge legt geistesgegenwärtig auf Christoph Benze ab, dessen Schuss wie ein Strich knapp über die Querlatte streicht.

Die inzwischen panische Abwehr deckt nur noch "The Unstoppable" Benze, der dadurch zunehmend Räume für seine Mitspieler schafft. Das 3:0 ist eine Kopie des ersten Tores, wiederum nach einer Ecke und wiederum ist es Tresfore Dambe, der aus dem Rückraum zum 3:0 abzieht.

Noch vor der Pause lässt Christoph sich nicht von der Überzahl seiner Gegner stören, tanzt drei Spieler an der Strafraumgrenze aus und zieht unhaltbar ab. Wäre der Torwart an diesen Ball herangekommen, stünde sein Handschuh wohl jetzt noch in Flammen, aber das Leder zischt am Tor vorbei.

Nach der Pause wird das Spiel eher zerfahrener. Chancen nun auf beiden Seiten, wobei Umutspor jeweils vergeben, indem sie doppelt Aluminium treffen. In der 55. Minute mit einem 30m Schuss gegen den rechten und dem Nachschuss an den linken Pfosten. Und in der 70. Minute mit kurioserweise nur einem Schuss von links fast von der Grundlinie zuerst gegen Latte, von wo der Ball gegen den Pfosten springt. Kurz darauf tanzt der Blitz mit der Barthez-Frisur wieder einmal die ganze Tulpen-Abwehr aus, scheitert aber an dem heute vom Gegner unschlagbaren Christian Meuschke im Tulpen-Tor.

Auf der anderen Seite gibt es eher Chancen nach Einzelaktionen wie einem Solo über den halben Platz von Marius Knaak, dessen Schuss aber am Pfosten landet. Und in der 80. Minute ist es wieder Christoph Benze, dem der Ball nach einer Billard-Stafette im 5m-Raum vor die Füße fällt. Aber solche Zufallstore will ein Star nicht, schon gar nicht in seinem Abschiedsspiel, und so schiebt er ihn am Tor vorbei ins Aus.

Viel eher ist das 4:0 in der 84. Minute angemessen. Christoph legt den Ball per Kopf vor, Schuss von der Strafraumgrenze, abgewehrt, Asgar müsste den Ball von der Grundlinie am herausstürzenden Torwart in die Mitte vorbei legen, legt vorbei in den Fuß von Christoph und Tor, Tor, Tor! Christoph Benze schiebt zum 4:0 ein.

Der Vollständigkeit halber seien nun noch die nach diesem Höhepunkt folgenden völlig unbedeutenden Szenen erwähnt: In der 86. Minute hat Libero Stefan Witt dann ein Einsehen und wirft sich mit ganzem Einsatz in einen Schuss, den Christian Meuschke wohl sicher gehabt hätte, zumindest war er schon unten, da er nicht mit der Intervention von Witt rechnete, der den Ball so unhaltbar in die andere Ecke lenkte. 4:1.

In der 89. Minute wehrt der herausgelaufene Wahl-Bremer-Torwart den Ball zu kurz ab und der Alt-Bremer Jochen Hake schießt per gefühlvollem Heber zum 5:1 ein.

In der 90. Minute dann Ecke für Umutspor, die versuchen noch mal alles und der Torwart sprintet nach vorn. Erwartungsgemäß wird die Ecke abgefangen und der Konter wiederum von Jochen Hake zum 6:1 ins leere Tor abgeschlossen.

Wie allein schon dieser Bericht zeigt: Die Tulpe verliert einen Spieler mit Köpfchen, was aber noch schwerer wiegt, mit Christoph geht nicht nur ein guter Spieler, sondern vor allem auch ein Freund und Mensch, den wir vermissen werden. Wir werden dich immer willkommen heißen, wenn du die Tulpe wieder verstärken wirst.

sw