Grüne Tulpe - T.I.B.: 2:0

Alter gegen Armut

Es gibt Klassiker, die sind immer hochklassig – Il Classico zwischen Real Madrid und FC Barcelona zum Beispiel. Und dann gibt es Klassiker, die haben ihre beste Zeit längst gesehen. So auch bei diesem Spiel der Tulpen gegen die TiBber. Früher waren das Begegnungen, die 90 Minuten auf Messers Schneide standen, um dann durch Tore in der Nachspielzeit entschieden zu werden. Dieses Mal standen sich aber eine gealterte Truppe durchaus noch durchtrainierter, aber eben nicht mehr ganz taufrischer Haudegen und ein an spielerischer Armut kaum noch zu überbietendes Tulpenfeld gegenüber.

Doch die Armut beginnt schon vor dem Spiel. Die Tulpen stehen ohne Trikots da, was sonst mirakulös selbstorganisiert funktioniert und stets von allen mitgedacht wird scheitert heute an den Nachwehen des Jubiläumsturniers und der zwei momentan sich in Umlauf befindenden Trikotsätze. Also werden überzählige Hosen von anderen Team zusammengesammelt, Leibchen beim Platzwart ausgeliehen, die, als der sie aus dem Regal zieht, eine ächzende Staubwolke von sich geben und ein Kommando zurück zur Fraktion geschickt, das dort noch einmal nach letzten Reserven suchen soll. Dieses Kommando besteht sinniger weise aus beiden Torhütern, so dass sich die Improvisation auf die Aufstellung ausdehnt. Aber zur zweiten Halbzeit spielen die Tulpen dann endlich in angemessener Aufstellung und Kleidung.

Bis dahin ist das Spiel aber eher ein Grottenkick. Beide Mannschaften schlagen fast jeden Ball lang nach vorne, wo jeweils zweikampfstarke Abwehrreihen alle Bälle wegfangen. Überragend und bester Spieler auf dem Platz ist zweifellos der in jeder Situation souveräne und elegante Libero Thomas "Kaiser" Beckenbauer, der fast jeden Angriff schlicht abläuft und das Spiel seiner Mannschaft von hinten aufzieht. Chancen gibt es praktisch keine, dafür umso mehr Ballwechsel und Zweikämpfe im Mittelfeld. Das dominieren mit zunehmender Spieldauer die TiBber mit ihrer physischen Überlegenheit, machen aber einfach zu wenig daraus. Das liegt auch daran, dass der stark gealterte Philipp von Sanftfuß, der früher mit dem Ball flirtete und die TiB-Angriffe einleitete, organisierte und abschloss, heute eher im defensiven Mittelfeld ein ums andere mal mit dem rutschigen Geläuf flirtete.

Endlich in der zweiten Halbzeit kommt mal ein Pass von außen bei dem in stark abseitsverdächtiger Position in der Spitze stehenden TiB-Stürmer an, der ihn aber kläglich verstolpert und Keeper Meuschke keine Probleme bereitet, den Ball aufzunehmen.

Mitte der zweiten Halbzeit schließlich wollen die Tempelhof-Anrainer den Sieg. Der Beckenbauer wechselt in die Offensive und zieht nun dort die Fäden – nach wie vor mit der gebührenden Eleganz.

Doch sollte sich dieser Siegeswille als verhängnisvoll erweisen. Denn eine Viertelstunde vor Schluss erobern die Tulpen zum ersten Mal in diesem Spiel den Ball im Spielaufbau der TiBber. Tresfore Dambe findet Andre Bornstein und der Kristoffer "Toffi" Born und der weiß, wie und wo der Ball unterzubringen ist. Von halbrechts schlenzt er den Ball ins lange Eck, kaum zu halten, 1:0. Danach spielen die Tulpen nicht besser und auf keinen Fall offensiver. Und TiB kommt noch zu einer Kopfballgelegenheit nach Flanke von rechts, die sie neben das Tor setzen und zu einem Schuss von halblinks, den Keeper Meuschke aber aus dem kurzen Eck über den Zaun faustet.

Und dann klappt sogar ein Konter für die Tulpen, die bis dahin immer abgefangen wurden, bevor sie überhaupt ins Rollen kamen. Toffi geht auf rechts durch, der Abseitsverdacht ließ sich nicht erhärten, André Bornstein läuft mit, die Verteidiger decken ihn ab und selbst der Torwart orientiert sich schon mal vom kurzen Pfosten weg in die Mitte. Und diese Lücke nutzt Toffi zum 2:0.

Fazit: Wie schon beim Tempelhofer Bürgerentscheid lässt sich nicht immer schiere Überlegenheit an physischen Ressourcen in Siege übersetzen. Mit einigen wenigen individuellen Ideen können die Grünen immer wieder konkurrieren und gewinnen. Insofern: ein ganz normaler Tulpen-Sieg.