SG Lichtenow/Kagel vernichtend geschlagen

Von der Horizontale in die Vertikale

Nein, es hat sich niemand nach oben geschlafen. Die Tulpen haben in ihrem Trainingslager lediglich einen wichtigen Lernprozess durchlaufen. Statt immer möglichst schnell den vertikalen Pass in die Spitze zu suchen, lehrte Levent Tan -Übungsleiter im Trainingslager- sie Geduld und die intelligente Spielverlagerung horizontal hinten rum und auf die andere Seite, um dann mit einem eigens einstudierten Spielzug in die Vertikale einen Angriff mit einer Reihe kurzer Pässe aufzubauen. Es beschreibt natürlich auch die Entwicklung, wie die Tulpen sich am Ende von vier Trainingseinheiten fühlten und wie sie dann am nächsten Tag ihr Spiel bestritten.

Mit einem Paukenschlag hatte der vorige Tag auf der Mannschaftsbesprechung im Trainingslager geendet: Wolfgang Helm trat als Trainer zurück – aus rein privaten Gründen und nicht etwa, wie die Boulevardpresse in solchen Momenten nur allzu gern vermutet seiner Leistungen oder Unstimmigkeiten in der Mannschaft wegen. Die Vereins- wie Mannschaftsführung beeilte sich sofort dergleichen Gerüchten vorzubeugen und wies all diese Behauptungen weit von sich. Zurecht!

Und mehr noch: Präsident Markus Kurdziel war vorbereitet, hatte rechtzeitig im Vieraugengespräch eine interne Lösung gesucht und konnte noch vor dem Spiel gegen die Alte Herren SG Lichtenow-Kagel Ersatz präsentieren: So verkündete er der schon zum Auflaufen bereiten Mannschaft in der Kabine unmittelbar vor dem Spiel, wer zukünftig und mit sofortiger Wirkung auf der Trainerbank Platz nehmen würde: Der Linksverteidiger Sebastian Wienges. Die Aufstellung übernahm der noch vom Vorgänger Helm, doch schon das Aufwärmen leitete er gleich persönlich. Ebenso nahm er den Gegner in Empfang, der beim ersten Blick auf die Tulpen den schon oft gesehenen geriatrischen Reflex zeigte und darauf hinwies, sie seien eine Alte Herren Mannschaft. Das Durchschnittsalter der Tulpen entsprach der Anzahl der Jahre, die die Gegner bereits Vereinsfußball spielten.

Die Entwicklung der Tulpen ruft insofern nach neuen Gegnern. Nichtsdestotrotz waren die Alten Herren SG Lichtenow-Kagel von Beginn an ein nahezu ebenbürtiger Gegner. Die Tulpen wandten schnell ihr neu erlerntes Spielsystem an, passten geduldig bis in die Spitze und spielten sogar sehr zur Freude zu dem im Tor stehenden Leiter des Trainingslagers Levent Tan einige Male die einstudierten Spielzüge durch. Logische Konsequenz waren Torchancen für Sturmführer Markus Kurdziel und die auf dieser Position eher ungewohnte Kasseler Leihgabe Thomas Flügge. Doch Gegentore konnten die Alten Herren SG Lichtenow-Kagel durch kämpferischen Einsatz insbesondere von Torwart und Libero verhindern. So kamen allmählich die Kageler zu Chancen durch ihre wieselflinken Stürmer, die immer wieder mit langen Bällen in Szene gesetzt werden konnten. Weitere Verstärkung erhielten sie schließlich durch ihre Kreativkraft im rechten Mittelfeld, mit deren Einwechslung Dribbel- und Schussstärke in die Offensive kam. Die Tulpen ihrerseits verloren zunehmend die Konzentration und verfielen wieder in ihr zu sehr auf den finalen Pass ausgerichtetes Spiel, verschoben zu wenig und spielten auch keine Spielzüge mehr durch.

Kurios dann das 1:0.

Flügge verunglückt eine Ecke, die "Traube", die neue Eckenvariante, ist ein weiteres Mal wirkungslos geblieben. Der Torwart ruft "Is' weg", worauf sich der Verteidiger am ersten Pfosten verlässt und geht. Und genau da fällt die Ecke an Freund und Feind vorbei ins Tor.

Danach entwickelt sich ein offenes, wenn auch nicht hochklassiges Spiel. Vorläufiger Höhepunkt ein Fallrückzieher des rechten Stürmers der Alten Herren SG Lichtenow-Kagel gegen die Latte. Von dort wehrt Torhüter Levent Tan den Ball gegen den Innenpfosten ab und fängt ihn dann mit der notwendigen Portion Glück, ohne mit dem Kopf gegen den Pfosten zu laufen und ohne dass der Ball die Linie überquert hat. Schließlich kurz vor der Pause rutscht Andre Bornstein endlich in eine Hereingabe von rechts, drückt den Ball über die Linie und nimmt dem ebenfalls einschussbereiten Markus Kurdziel dahinter das 2:0 noch vom Schlappen.

In der Pause gibt es wenig Grund zu Umstellungen, doch die Hitze fordert ein ständiges Durchwechseln. Die Aufforderung wieder mehr in die Horizontale zu spielen und dann in die Vertikale ein Angriff kontrolliert aufzubauen, soll letzten Endes weitgehend ungehört verschallen.

Die zweite Halbzeit geht so weiter, wie die erste aufgehört hat. Doch das Spiel verflacht zusehends, beide Mannschaften zollen Hitze und Freitagsspiel bzw. Trainingslager ihren Tribut. Das 3:0 durch Uwe Birkel fällt nach einer Flanke, das 4:0 ebenfalls durch Birkel mit dem nötigen Zug zum Tor nach einem Angriff, an dessen Ende er sich noch gegen einen Verteidiger durchsetzt und dann mit strammem Rechtsschuss von der Strafraumgrenze abschließt.

Der Höhepunkt schließlich ist die Auswechselung einer Tulpen-Ära drei Minuten vor dem Ende.

Nachdem Wolfgang Helm in seiner unnachahmlichen Art von halbrechts aufs Tor geschossen hat und der Ball wie gewohnt links daran vorbei streicht, läuft er zur Mittellinie und wird unter minutenlangem Applaus und Standing Ovations durch seinen Vorgänger Ratimir Britvec ersetzt und verabschiedet. Eine Ära ging zu Ende, die wohl gelegentlich nur noch für einzelne Gastspiele zurückkommen wird.

FAZIT:

Dieses Spiel haben die Tulpen für Dich gespielt, Wolfgang!

Deine Nummer, die "7", sollte in Zukunft nicht mehr getragen werden, sondern in die Hall of Fame eingehen, und wie es das jüdische Ritual mit dem Propheten hält und immer ein Stuhl frei bleibt, werden wir für Dich immer einen Platz frei halten.

SW