Rede von Kai Gehring

Berufsbildungsbericht 2020

Mit dem Anklicken bauen Sie eine Verbindung zu den Servern des Dienstes YouTube auf, und das Video wird abgespielt. Datenschutzhinweise dazu in unserer Datenschutzerklärung.

11.09.2020
Kai Gehring
Sprecher für Forschung, Wissenschaft und Hochschule

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es gibt nichts Schöneres, als wenn Märchen wahr werden. Das Böse ist besiegt, das Gute hat gewonnen, ein Regenbogen strahlt. Ein modernes Märchen, das auf ein Happy End wartet, ist die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung.

(Zuruf des Abg. Michael Theurer [FDP])

Gleichwertigkeit wird hier ganz viel beschworen. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus: In der Wirtschaft gibt es kaum Führungskräfte ohne Hochschulabschluss, im öffentlichen Dienst sind beruflich Qualifizierte von höheren Positionen nahezu ausgeschlossen. – Es wird Zeit, das zu ändern.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP)

Ein dickes Brett ist hier wahrlich der öffentliche Dienst. Stellenanzeigen sind hier voll mit akademischem Standesdünkel. Ein Beispiel: Das Umweltministerium hatte neulich eine Stelle für einen Referenten für IT-Steuerung ausgeschrieben. Voraussetzung: ein abgeschlossenes Hochschulstudium, theoretisch egal, ob Jurist, Sinologe oder Physiker. Nicht bewerben konnte sich allerdings ein staatlich geprüfter Informatiker. Der bringt zwar alle Kenntnisse und Fertigkeiten für die Stelle mit, hat aber „nur“ den beruflichen Abschluss und kann damit nicht in den Höheren Dienst. Welch ein Irrsinn! Wie lange wollen wir das noch so lassen? Ich meine, der öffentliche Dienst muss seine Ausschreibungspraxis ändern.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der FDP und der LINKEN)

Und auch Unternehmen sollten das tun. Ins Management und in die Führungsspitze von Unternehmen gehören mehr Menschen, die sich über die berufliche Bildung qualifiziert haben.

Mehr Gleichwertigkeit brauchen wir auch bei der Forschung. Die Forschungslücken in der beruflichen Bildung sind nach wie vor groß. Es wird allerhöchste Zeit für eine Sozialerhebung für Azubis. Die muss auf den Weg gebracht werden; denn für Studierende gibt es das seit 1951. Also: Einführen, Frau Ministerin!

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Bei Akademikern wissen wir genau, wo sie arbeiten, wie viel sie verdienen und ob ihr Abschluss zur Tätigkeit passt. Karrierewege von Azubis liegen ziemlich im Dunkeln. Wir brauchen diese Erkenntnisse aber dringend auch für Absolventen der beruflichen Bildung, um die Berufsausbildung attraktiv zu halten. Das muss unser gemeinsames Ziel sein.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Wir sind uns einig: Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt droht pandemiebedingt besorgniserregend zu werden. Daraus muss jetzt eine Politik erwachsen, die Auszubildenden und Betrieben wirklich wirksam hilft, und da wünsche ich mir endlich eine aktive Bundesbildungsministerin.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Jeder junge Mensch in unserem Land muss die Wahlfreiheit haben, sich zwischen Studium und Ausbildung zu entscheiden. Wir brauchen mehr Abschlüsse, und wir brauchen mehr Anschlüsse statt Sackgassen. Eine prekäre Generation Corona müssen wir verhindern. Aus der Coronakrise darf eben keine Bildungskrise werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, in Märchen mit Happy End taucht am Ende oft die gute Fee auf. Schlüpfen Sie endlich in diese Rolle, Frau Karliczek! Wenn Sie und die Koalition unsere Vorschläge aus den Anträgen – auch zu mehr Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung – umsetzen, –

Vizepräsidentin Claudia Roth:

Kommen Sie zum Ende. Sonst sagt die böse Fee hinter Ihnen: Jetzt reicht’s!

(Heiterkeit)

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

– besteht die Chance auf ein gutes Ende. Den Regenbogen können wir dann zusammen betrachten.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Vizepräsidentin Claudia Roth:

Vielen Dank, Kai Gehring. – Nächste Rednerin: für die SPD-Fraktion Ulrike Bahr.

(Beifall bei der SPD)