Rede von Erhard Grundl

Buchpreisbindung

14.12.2018

Erhard Grundl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Die Monopolkommission ist auf dem Holzweg. Sie erkennt zwar einerseits die Schutzwürdigkeit des Kulturguts Buch an; gleichzeitig sieht sie aber auch das Buch als Ware, als ob es eine Wurstsemmel oder eine Veggie-Wurst-Semmel wäre.

(Heiterkeit bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Die Kommission folgt den einseitigen Ansichten der Marktmonopolisten, die stets anführen, dass die Buchpreisbindung ein schwerwiegender Markteingriff sei, und sie behauptet schließlich, der Markt würde es auch ohne die Buchpreisbindung schon richten, ohne Buchpreisbindung würden Bücher preiswerter. Das ist, um es gelinde zu sagen, eine sehr eindimensionale Betrachtungsweise, die wir nicht teilen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Für wenige Bestseller mag das gelten. Für andere, besondere Bücher, für Sachbücher, für Klassiker, für alles, was experimentell ist, und damit für die gesamte Breite des Angebots des Buchmarkts gilt das definitiv nicht. Es würde deutlich teurer werden. Viele Bücher würden komplett aus dem Angebot verschwinden bzw. erst gar nicht verlegt werden. Studien belegen ganz klar: In Ländern ohne Buchpreisbindung sind die Buchpreise deutlich höher. Es gibt in den Ländern ohne Buchpreisbindung weniger Buchverlage und weniger Buchhandlungen, das heißt weniger Vielfalt.

Wenn ich mit meinen amerikanischen Verwandten in Deutschland in eine Buchhandlung gehe, dann sind sie erstaunt über die Möglichkeiten, die der Bestellservice der kleinsten Buchhandlung bietet. Es ist für uns selbstverständlich, dass wir eine Erzählung von Tucholsky, das erste Buch von Viv Albertine oder einen Lyrikband von Emily Dickinson in der Buchhandlung bestellen und am nächsten Tag abholen können, und es kann uns auch zugeschickt werden.

Das alles ist in den USA und auch in England völlig undenkbar. Da wartet man sehr, sehr lange, bis die Buchhandlung das jeweilige Buch an den Start bringt.

Obwohl die genannten Bücher im Gegensatz zu den 73 000 Neuerscheinungen, von denen heute schon öfter die Rede war, keine Neuheiten sind, ist das, finde ich, eine große Errungenschaft. Es geht auf die Backlist zurück, die es in Deutschland gibt. Diese Backlist, die mit 1 Million Büchern ausgestattet ist, fußt letztendlich auf der Buchpreisbindung im deutschen Buchhandel.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Simone Barrientos [DIE LINKE])

Diese Backlist ist Ausdruck einer vitalen Struktur am Buchmarkt, und die gilt es zu erhalten. Seit 2002 gibt es das Gesetz, das den Ladenpreis für alle festsetzt. Zugleich sorgt dieses Gesetz dafür, dass wir neben den großen Buchhandlungsketten überall im Land viele kleine Sortimentsbuchhandlungen haben. Rund 5 000 wirkliche Buchhandlungen gibt es in Deutschland. Sie veranstalten Autorenlesungen und bieten Raum zum Schmökern, gerade für Kinder. Denn die Kinder in Deutschland lesen tatsächlich. 2017 stellte die Literatur für den Nachwuchs über 12 Prozent aller Erstauflagen dar.

In diesen Buchhandlungen wird vor allem auch beraten. Lassen Sie mich dies persönlich anmerken: Jeder Amazon-Algorithmus ist armselig gegen die Tipps und Empfehlungen einer engagierten Buchhändlerin oder eines engagierten Buchhändlers.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD und der Abg. Simone Barrientos [DIE LINKE])

Buchhandlungen sind Kulturorte, die das Lesen spannend machen und fördern. An die oft schwierige Situation, in der sich die unabhängigen Buchhandlungen in den deutschen Städten und Großstädten befinden, muss nach unserer Meinung das Gewerbemietrecht angepasst werden. Das ist zwar ein Aspekt, der nicht von der Buchpreisbindung abhängt, aber er ist wichtig. Denn es ist nicht akzeptabel, wenn als Erstes die kleinen Buchhandlungen aus dem Kiez verschwinden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Simone Barrientos [DIE LINKE])

Wir brauchen nicht mehr Bücher im Supermarkt oder beim Discounter, wir brauchen vor allem eine lebendige Landschaft von unabhängigen Händlern, die ihr Herzblut in ihren Beruf legen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Simone Barrientos [DIE LINKE])

Gerade im ländlichen Raum sind sie ein entscheidender Teil unserer kulturellen Infrastruktur. Sie stehen für Vielfalt und Teilhabe. Ich kenne Buchhandlungen vom Emsland bis zum Bayerischen Wald. Das trifft auf alle Menschen zu, die dort tagtäglich ihre Arbeit verrichten und ihr Herzblut da hineingeben, damit in Deutschland der Buchhandel genau so funktioniert, wie er heute ist. Ich finde das gut.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Simone Barrientos [DIE LINKE])

Ich habe das Beispiel USA und England angeführt. Dort sterben die unabhängigen Buchhändler. Es gibt eine Marktkonzentration, die so weit geht, dass der amerikanische Autor James Patterson, der selbst einer Schreibfabrik vorsteht, die erfolgreich massenhaft Bücher produziert, im letzten Jahr 1 Million Dollar für in Not geratene Buchhandlungen in den USA gestiftet hat. Die Zukunft der amerikanischen Literatur will selbst er nicht den Monopolisten überlassen.

Garant für Vielfalt und Qualität ist auch die Arbeit der Verlage. Susan Hawthorne weist in ihrem Buch „Bibliodiversität“ darauf hin, dass globale Verlage sich nicht für das Neue und Ungewöhnliche entscheiden, sondern stets Bekanntes reproduzieren, das sich nur auf das konzentriert, was sich gut verkauft. So entsteht ein sich selbst befeuernder Mainstream, der letztlich nur für eines sorgt: für Eintönigkeit. Das wollen wir doch alle nicht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Einrichtung des Buchhandlungspreises und die Ankündigung von Frau Grütters, 2019 einen Verlagspreis einzuführen, begrüße ich. Wenn dieser Preis die Vielfalt im Buchmarkt ins Zentrum setzen möchte, ist es unerlässlich, dass dabei auch die Frauenförderung stärker in den Fokus genommen wird. Denn noch immer werden Bücher im Wesentlichen von Männern verlegt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Tatsache ist: Wir brauchen eine gestärkte Buchpreisbindung. Der Onlinemonopolist praktiziert durch sogenannte Affiliate-Programme gerade ein Umgehen der Preisbindung. Das ist für den Buchhandel problematisch.

Es ist gut, dass die Bundesregierung jetzt eine Studie in Auftrag gegeben hat, um die Auswirkungen dieses internetgestützten Vertriebs auf den deutschen Buchhandel zu prüfen und unter Umständen die Buchpreisbindung anzupassen. Das ist gut, aber es kommt eigentlich zu spät. Die Frage ist: Warum erst jetzt?

Wenn wir – wie Sie, Frau Grütters, richtig sagen – eines unserer wertvollsten Kulturgüter, nämlich die literarische Vielfalt, stärken wollen, dann müssen wir dafür sorgen, dass die Buchpreisbindung nicht ausgehöhlt wird. Meine Fraktion setzt sich dafür ein, unsere vielfältige Literaturlandschaft und vor allem junge, kreative Autorinnen und Autoren zu stärken. Wir wollen gute Bedingungen für kleine Verlage. Wir wollen Vielfalt ermöglichen und viele daran teilhaben lassen.

Vizepräsidentin Petra Pau:

Kollege Grundl, achten Sie bitte auf die Redezeit.

Erhard Grundl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Schließlich gibt es laut Kurt Tucholsky nur sehr wenige Situationen, in denen man keine Bücher lesen kann, könnte oder sollte.

Dem Antrag der CDU/CSU und SPD stimmen wir gerne zu.

Vizepräsidentin Petra Pau:

Ich bitte Sie, einen Punkt zu setzen.

Erhard Grundl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten. Gehen Sie in die Buchhandlungen, und schenken Sie Bücher!

Danke.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Simone Barrientos [DIE LINKE])