Rede von Harald Ebner

Digitalisierung in der Landwirtschaft

15.11.2019
Harald Ebner
Sprecher für Waldpolitik Sprecher für Gentechnik und Bioökonomiepolitik

Harald Ebner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Landwirtschaft macht Schlagzeilen: hohe Nitratwerte, Glyphosat, Insektensterben, Höfesterben, Bauernprotest gegen die Bundesregierung. Keine Frage: Wir brauchen Lösungen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Gitta Connemann [CDU/CSU])

Welche Rolle kann Digitalisierung dabei spielen? Ist Digitalisierung die Antwort oder eine Art Hilfsmittel, um im Agrarsystem alles beim Alten zu belassen? Werte Kolleginnen und Kollegen, ein paar digitale Updates allein holen das gescheiterte Agrarmodell nicht aus der Sackgasse.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir brauchen ein neues Betriebssystem, eine Agrarwende, mit der wir auch die Chancen der Digitalisierung nutzen, weil eine bloße Optimierung der bisherigen Bewirtschaftung noch lange keine echte Nachhaltigkeit bedeutet.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wer Digitalisierung nur in Rationalisierungsgewinnen denkt, verkennt ihr Potenzial. Effizienzgewinne sind nötig, ja. Aber es reicht eben nicht, nur ein bisschen weniger Gift etwas zielgenauer einzusetzen. Wir brauchen eben nicht weniger vom Falschen, sondern endlich das Richtige.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Stellen wir die Digitalisierung in den Dienst einer Agrarwende, und nutzen wir sie für echte Ökologisierungsgewinne! Digitalisierung bietet dabei echte Chancen für neue Wege. Beispielsweise können autonome Feldroboter Unkräuter mechanisch entfernen – ganz ohne Glyphosat. So wird auch der Anbau von Mischkulturen möglich und damit mehr Vielfalt auf dem Acker.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Statt für weitere Großmechanisierungen können wir die Potenziale digitaler Anwendungen und Steuerungen dafür nutzen, auch kleinstrukturierte, reichhaltige und schöne Kulturlandschaften ökonomisch sinnvoll und gleichzeitig ökologisch verträglich zu bewirtschaften. Weniger Rüstzeiten machen auch kleine Schlaggrößen wieder konkurrenzfähig.

Auch Züchtung können wir mit digitalen Instrumenten neu denken. Digitale echte Züchtungsmethoden statt Gentechnik hieße: Mit den Potenzialen von Vernetzung und gemeinsamer Nutzung großer Datenmengen würde jede Bäuerin, jeder Bauer wieder zum Züchter. Crowdbreeding macht die Landwirtschaft wieder zum Herrn über das eigene Saatgut.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Anke Domscheit-Berg [DIE LINKE])

Verlieren wir aber auch nicht die Marktkonzentration aus dem Blick; das wurde schon angesprochen. Über Pestizid-, Dünge- und Futtermittelindustrie, Verarbeitungsbranche und Einzelhandel haben wir eine hohe Marktkonzentration und immer größere Anbieter. Bayer hat Monsanto gekauft wegen der marktbeherrschenden Stellung seiner digitalen Agrarplattform und dafür sogar das Glyphosatdebakel in Kauf genommen.

Das wirft zwei Fragen auf: Wie verhindern wir, dass eine Handvoll Konzerne unsere Lebensmittelversorgung kontrollieren? Und: Wie schützen wir unsere gesamte Lebensmittelkette wirkungsvoll vor Cyberangriffen, Viren und digitalen Schädlingen? Es geht hier in mehrfacher Hinsicht um Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität. Wir brauchen hier klare Regeln, klare Standards, die für alle Anbieter einen offenen Zugang und einen fairen Wettbewerb sicherstellen. Neben der Normierung von Schnittstellen und der Interoperabilität verschiedener Systeme gehören dazu aber auch ganz zentral Mindestvorgaben zur Cybersicherheit in der gesamten Lebensmittelkette. Ich halte das für essenziell.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Die von der Koalition geplante Masterplattform bringt in einigen Jahren hoffentlich Ergebnisse, aber da könnte es vielleicht schon zu spät sein. Wir verlieren jedes Jahr 5 000 Höfe in Deutschland, Insekten sterben weiterhin. In den Anträgen gibt es keine Antworten auf die Frage, wie wir verhindern, dass die Digitalisierung das Höfesterben sozusagen noch beschleunigt. Hier können wir etwas tun, indem wir eben auch Low-Cost-Systeme fördern und die echten Potenziale der Digitalisierung heben, indem wir sie im Sinne einer naturnäheren Landwirtschaft einsetzen. Wir müssen uns entscheiden, wie wir es machen: Passen wir die Natur an die Technik an oder die Technik an die Natur? Ich bin für das Letztere.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Vizepräsidentin Petra Pau:

Für die CDU/CSU-Fraktion hat der Kollege Maik Beermann das Wort.

(Beifall bei der CDU/CSU)