Rede von Erhard Grundl

Gedenkstätte

14.05.2020

Erhard Grundl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Vielen Dank. – Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Am Anfang des vorliegenden AfD-Antrags steht der Versuch, Geschichte umzudeuten. Sie reißen Zitate aus der Weizsäcker-Rede von 1985 aus dem Zusammenhang,

(Dr. Marc Jongen [AfD]: Zitate sind immer aus dem Zusammenhang!)

um damit Ihr braunes Süppchen am Köcheln zu halten.

(Thomas Seitz [AfD]: Sie missbrauchen Weizsäcker!)

Sie betreiben Geschichtsklitterung und wollen die deutsche Täterschaft relativieren. Das wird Ihnen nicht gelingen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Dr. Bernd Baumann [AfD]: Belegen Sie das doch mal!)

Ich möchte hier eine Zeitzeugin zitieren, meine Mutter. Meine Mutter war bei Kriegsende 15 Jahre alt, eine junge Frau aus einem Bauerndorf in Niederbayern, sehr katholisch, eher unpolitisch. Mit ihr habe ich später oft über die Zeit des Nationalsozialismus und den Krieg gesprochen, und ihre Worte möchte ich Ihnen eigentlich ans Herz legen, auch wenn da vielleicht nichts mehr ist. Meine Mutter hat gesagt: Wer im Dritten Reich bei uns nicht ganz bewusst weggeschaut hat, der hat sehr wohl sehen können, was passiert ist.

Der Zweite Weltkrieg war eine Tragödie. 60 Millionen Menschen verloren ihr Leben. Er war eine Tragödie, die von Deutschen über die Menschen in Europa gebracht wurde.

Ja, wir trauern. Wir trauen um Deutsche, um deutsche Jüdinnen und Juden, politisch Verfolgte, kritische Künstlerinnen und Künstler. Wir trauern um die Euthanasieopfer, um Sinti und Roma, um Zwangssterilisierte, um ermordete Homosexuelle, um die Opfergruppen der als asozial und als Berufsverbrecher Diffamierten und um die in den KZs Ermordeten. Viele müssten noch genannt werden.

Sie alle waren Deutsche – von Deutschen ermordet. Sie alle bleiben unerwähnt in Ihrem Antrag. Sie alle gehören genauso zu unserer Geschichte wie die zivilen Bombenopfer, die Jugendlichen, die in einem längst verlorenen Krieg als Kanonenfutter dienten, die Frauen, die Opfer von Vergewaltigung wurden, die Menschen, die als Folge des Kriegs ihre Heimat verloren. Doch auch die Vertreibung von vielen Millionen Deutschen ist letztendlich eine Folge der mörderischen Expansionspolitik Deutschlands gewesen. Diese historische Einordnung vermisse ich im Antrag der AfD.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der FDP)

Meine Damen und Herren, Deutsche waren auch Opfer, aber viel zu viele waren Täter. Es waren Deutsche, die im Krieg mit Regeln brachen, die zuvor galten. Es waren Deutsche, die als Erste die Zivilbevölkerung ganzer Städte bombardierten.

An alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft erinnern wir uns heute in der Neuen Wache in Berlin und im Zentrum gegen Vertreibungen. Wir vergessen anders als die AfD eben nicht, dass es die Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender, der fanatische Nationalismus und der menschenverachtende Rassenwahn waren, die diesen Krieg und den Massenmord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden erst möglich machten. Und wir vergessen nicht, dass wenige Widerstand leisteten, aber die große Mehrheit mitmachte.

Wir werden die Erinnerung an die deutschen Verbrechen wachhalten; denn das ist unsere historische Verantwortung – nicht als Selbstzweck, sondern damit wir nie wieder wegschauen, damit wir nie wieder Täter werden. Wer wie Sie von der AfD den Nationalismus bagatellisiert und damit die Opfer verhöhnt,

(Dr. Marc Jongen [AfD]: Das ist falsch! Gelogen! Das ist gelogen!)

wer wie Sie beklagt, die deutsche Kriegsniederlage habe einen „Verlust von Gestaltungsmöglichkeit“ bedeutet, der stellt sich auf die Seite der Leuteschinder und kann hier im Deutschen Bundestag nicht glaubhaft Trauer für die Opfer des Kriegs einfordern.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Vizepräsident Thomas Oppermann:

Vielen Dank. – Letzter Redner in der Debatte ist der Kollege Eckhard Pols für die Fraktion der CDU/CSU.

(Beifall bei der CDU/CSU)