Rede von Ulle Schauws

Geschlechtergerechte Sprache

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24.06.2021
Foto von Ulle Schauws MdB
Ulle Schauws
Sprecherin für Frauenpolitik Sprecherin für Queerpolitik

Ulle Schauws (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Mit den Kolleginnen Leni Breymaier von der SPD und Doris Achelwilm von den Linken haben wir uns geeinigt, dass ich die Rede aus der Opposition halte.

(Stephan Brandner [AfD]: Das ist schön! Super!)

Das davor war, zumindest aus meiner Sicht, keine Rede aus der Opposition.

Die Welt dreht sich, Menschen entwickeln sich weiter, neue Generationen setzen neue Traditionen, und Sprache ist lebendig und verändert sich stetig – seit Jahrhunderten. Das ist ein Fakt.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Damit wäre eigentlich alles gesagt – eigentlich! Aber diese Debatte um das Gendern hat einen Zug bekommen, der geradezu komisch ist: Die AfD und auch Teile der CDU/CSU und auch vielleicht der FDP können keinen Tag auslassen, ohne sich über eine inklusivere Sprache, die auch Frauen und Divers einschließt, aufzuregen und zu betonen, dass es doch Wichtigeres gibt, als darüber zu sprechen. Dabei sind Sie es, die immer darüber sprechen wollen, sogar im Bundestag.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Sie wollen sogar etwas debattieren, das nicht gefordert wird.

(Dr. Götz Frömming [AfD]: Sprachdiktatur!)

– Hören Sie gut zu. – Denn zu geschlechtergerechter Sprache wird niemand verpflichtet. Niemand fordert ein Gebot einer inklusiven Sprache,

(Dr. Götz Frömming [AfD]: Doch!)

auch nicht im Bundestag.

(Dr. Götz Frömming [AfD]: Doch!)

Die Einzigen, die Sprachverbote fordern, sind die AfD und Politiker der CDU. Auch das ist ein Fakt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ein Fakt zur Sache ist, dass Sprache unsere Wirklichkeit formt.

(Dr. Götz Frömming [AfD]: Genau! Deswegen wollen Sie sie ja ändern!)

Alle Geschlechter sprachlich abzubilden, macht einen Unterschied: In rein männlicher Form zu reden, hält mindestens die Hälfte der Bevölkerung aus der Sprache heraus.

(Zuruf von der CDU/CSU: Es ist spannend, dass sich 60 Prozent der Bevölkerung gegen das Gendern aussprechen!)

Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass wir in den Bildern denken, die wir hören. Das Fazit von Wissenschaftlerinnen des Max-Planck-Instituts einer Studie aus 2018 lautet: Das generische Maskulinum ist nicht generisch. Es erzeugt im Kopf vor allem männliche Bilder und – so die Kritik – stellt die Welt somit nicht so divers dar, wie sie heute ist.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN – Dr. Götz Frömming [AfD]: Wie Sie sie darstellen wollen!)

Wer das generische Maskulinum anwendet, gendert also faktisch. Das war Ihnen bisher wahrscheinlich nicht klar.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, in diesem Land sprechen immer mehr Menschen in einer geschlechtergerechten Sprache, insbesondere jüngere.

(Stephan Brandner [AfD]: Und immer mehr wollen das nicht!)

Und die, die durch die inklusive Sprache sichtbar werden, befürworten diese Entwicklung viel häufiger.

(Zuruf von der AfD: Sie haben doch keine Ahnung!)

Bei uns Grünen

(Zuruf von der AfD: Grüninnen!)

gibt es die inklusive Sprache schon lange.

Aber es ist eine Entscheidung: Jeder Mensch

(Zuruf von der AfD: „Menschin“!)

kann für sich entscheiden, dies zu tun oder es zu lassen – Punkt! Vorzuschreiben, nur die männliche Sprache verwenden zu dürfen – weil Sie in der AfD sich mit dem Gendern schwertun –,

(Zuruf von der AfD: Das generische Maskulinum ist nicht männlich!)

das ist jedoch vermessen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN – Dr. Franziska Brantner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bei denen gibt es auch nur Männer!)

Also, liebe Kolleginnen und Kollegen, warum macht die AfD so eine Welle beim Thema Gendern? Das hat die Journalistin Teresa Bücker klug analysiert:

Die Ablehnung von geschlechtergerechter Sprache ist eine Chiffre dafür, emanzipatorische Erfolge in Frage zu stellen

(Dr. Franziska Brantner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So ist es! Genau so ist es!)

und die schon länger vorübergegangene Normalität hegemonialer Männlichkeit wiederherzustellen.

(Lachen des Abg. Dr. Jürgen Martens [FDP])

Also zurück in die geordnete Welt des Patriarchats!

(Dr. Franziska Brantner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So ist es! – Stephan Brandner [AfD]: Jetzt wird es aber sehr grundsätzlich! – Gegenruf der Abg. Dr. Franziska Brantner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, genau, weil es ums Grundsätzliche geht!)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das hier ist eine Stellvertreterdebatte, um Erfolge von Geschlechterpolitik ins Lächerliche zu ziehen. Was Sie hier versuchen, ist, die wirkliche Herausforderung für eine moderne und geschlechtergerechte Gesellschaft aufzuhalten. Das wird Ihnen nicht gelingen. Unsere Gesellschaft ist viel freier und weiter als Ihre Politik.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Vizepräsident Dr. Hans-Peter Friedrich:

Die Kolleginnen Sylvia Pantel und Josephine Ortleb geben ihre Reden ebenfalls zu Protokoll.

 – Ich schließe die Aussprache.