Rede von Steffi Lemke

Marines Geo-Engineering

18.10.2018

Steffi Lemke

Parlamentarische Geschäftsführerin Sprecherin für Naturschutzpolitik

Steffi Lemke (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ich denke, alle Fraktionen in diesem Hohen Hause sind sich einig darüber, dass die Lage der Natur und insbesondere der marinen Ökosysteme katastrophal ist. Wir reden dabei unter anderem über Erhitzung, Versauerung, Überfischung, Lebensraumzerstörung und die wohl sichtbarste Bedrohung: die Verschmutzung der Meere mit Plastik, die Vermüllung des Ozeans. Eine nie dagewesene politische Willensleistung ist vonnöten, um die Weltmeere noch zu retten und ihre Eigenschaften zu erhalten, die das heutige Leben von uns Menschen in Wohlstand nachhaltig sichern.

Ich will nur einige dieser Eigenschaften hier nennen: Die Weltmeere sind die größte CO 2 -Senke der Welt, sie fangen einen Großteil der menschgemachten Erhitzung auf, und sie beliefern Milliarden Menschen mit dem für eine ausgeglichene Ernährung nötigen Eiweiß. Sie machen einen Großteil der weltweiten Biodiversität aus, wobei Korallenriffe, die aufgrund der extrem hohen Schäden durch menschliche Nutzung tagtäglich um ihr Überleben kämpfen, noch einmal mit Millionen von teils noch unentdeckten Arten herausragen.

Es ist absurd, dass in dieser alarmierenden Situation, in der sich die Weltmeere befinden, allen Ernstes darüber nachgedacht wird, die Meere großräumig zu manipulieren, damit sie mehr klimaschädliche Gase aus der Atmosphäre entsorgen. Die ökologischen Konsequenzen einer großflächigen Einbringung von Eisen in marine Lebensräume sind nicht erforscht, die Reduktion von klimaschädlichen Gasen aus der Atmosphäre durch Meeresdüngung nicht mal bewiesen. Um ihre großartigen Eigenschaften zu stärken, brauchen die Weltmeere nicht mehr menschliche Einflussnahme, sondern endlich weniger Belastungen durch menschliche Übernutzung.

Diese Debatte dient einzig und allein als Ausrede für fehlenden Klimaschutz großer Klimasünder. Geoengineering täuscht vor, dem Klima zu dienen. Dabei behindert es vielmehr die seit Jahren identifizierten Klimaschutzmaßnahmen, die nötig sind, um endlich die Klimakrise zu bekämpfen: den Braunkohleausstieg, die Verkehrs- und Agrarwende. Wenn wir diese Transformationen in unserer Gesellschaft nicht endlich entschlossen angehen, werden wir alle Klimaziele verfehlen und auf eine Erhitzung zusteuern, die eine unkontrollierbare Klimakatastrophe zur Folge hat. Absurde Technologien des Geoengineerings werden uns nicht retten, nicht heute und auch nicht in der Zukunft. Es sind politische Entscheidungen, die die Klimakrise abwenden können. Science-Fiction gehört in Bücher und Kinosäle, nicht in den Werkzeugkasten von Politik.

Aus diesem Grunde begrüßt meine Fraktion die Änderung des London-Protokolls zum Verbot von kommerziellem Geoengineering im Bereich der Meeresdüngung und seine Überführung in deutsches Recht durch den heute vorgelegten Gesetzentwurf – und stimmt ihm zu. Wünschenswert wäre es, wenn die Ratifizierung des London-Protokolls international schneller vorangetrieben würde, denn nach Finnland und Großbritannien ist Deutschland erst das dritte Land, das eine Ratifizierung umsetzt. Dementsprechend fordern wir die Bundesregierung auf, sich aktiv für weitere Ratifizierungen der Vertragsstaaten einzusetzen.

Anmahnen möchte ich, dass die Pläne für Meeresdüngung nicht die einzigen Versuche für großflächige Geoengineeringprojekte darstellen. Es gibt weltweit zahlreiche Versuche von Lobbyisten und Klimasündern, diese Technologien salonfähig zu machen und damit die Beherrschbarkeit der Klimakrise zu suggerieren. Damit wird das Leben von Millionen von Menschen leichtsinnig aufs Spiel gesetzt, die schon heute unter den massiven Konsequenzen der Klimakrise leiden. Das dürfen wir nicht zulassen, und ich hoffe, die Bundesregierung teilt meine Sorgen an dieser Stelle.

Dementsprechend fordere ich Sie auf, sich auf internationaler Ebene dafür einzusetzen, dass weitere Verbote von Technologien des Geoengineerings in das London-Protokoll oder vergleichbare Umweltabkommen aufgenommen werden. Denn es werden unter dem Deckmantel von Technologieoffenheit wirklich absurde Ideen in den Umlauf gebracht. Pläne zur Verdunkelung der Erd­atmosphäre werden genauso diskutiert wie das Lenken von Ozeanströmungen oder das Ice911-Projekt, bei dem Millionen von kleinen Glasmurmeln auf den arktischen Gletschern ausgebracht werden sollen, um das Sonnenlicht zurück ins Weltall zu reflektieren. Dieser Wahnsinn muss ein Ende haben, denn die bevorstehenden Transformationen verlangen unsere gesamte Aufmerksamkeit.

Wie groß die Herausforderungen beim echten Klimaschutz weltweit immer noch sind, zeigen nicht zuletzt das politische Versagen der Bundesregierung beim Klimaschutz und der jüngste Bericht des Weltklimarates vom 8. Oktober 2018, der beispiellose Veränderungen in unseren Gesellschaften einfordert, um die gesetzten Klimaziele noch zu erreichen.