Rede von Dieter Janecek

Organspende

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16.01.2020

Dieter Janecek (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr verehrte Gäste! Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod ist für viele von uns schmerzlich. Für mich ist sie zweifellos schmerzlich. Für viele Menschen ist sie eine Zumutung. Wir verdrängen den Tod lieber, als ihn uns vor Augen zu führen. Das ist menschlich; aber das ist wohl auch der wesentliche Grund, warum zwar über 80 Prozent der Menschen im Land einer Organspende positiv gegenüberstehen und sogar 90 bis 98 Prozent sagen, sie würden im Zweifelsfall eine Organspende annehmen. Aber nur ein gutes Drittel unserer Bevölkerung hat sich aktiv für einen Organspendeausweis entschieden, und deutlich weniger sind dann im Ernstfall als Organspender erkennbar. Weil das so ist – das kann man Ihnen, die die Entscheidungslösung befürworten, nicht ersparen –, sterben jährlich mehr als 1 000 Menschen in Deutschland, deren Leben durch eine Organspende hätte gerettet werden können,

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU, der SPD und der LINKEN)

ganz zu schweigen von Tausenden Schwerstkranken, die ohne optimale Therapie bleiben, deren Lebensqualität massiv beeinträchtigt ist.

Deshalb müssen wir uns als Gesellschaft die Frage stellen: Tun wir mit dem jetzigen System einer Entscheidungslösung – die gibt es ja schon heute – wirklich genug, oder sollten und müssen wir nicht den Schritt wagen, es jedem und jeder zuzumuten, sich mit der Organspende nach dem Tod auseinanderzusetzen?

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU, der SPD, der FDP und der LINKEN)

Ich meine, ja; denn alle haben im Notfall auch einen Anspruch auf ein lebensrettendes Spenderorgan. Ist es für rund 70 Millionen Menschen im Land, die 17 Jahre oder älter sind, unzumutbar, nach dreimaliger Information, aufgefordert zu werden, eine Entscheidung für oder gegen die Organspende zu treffen? Ich meine, nein.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU, der SPD, der FDP und der LINKEN)

Denn es kann einem in einer Solidargemeinschaft zugemutet werden, eine Entscheidung zu treffen, die das Leben und Überleben von Tausenden betreffen kann.

Wir brauchen auch deshalb Klarheit über die Entscheidung des Einzelnen, weil aktuell über 40 Prozent der Ablehnungen einer Transplantation allein auf Entscheidungen von Angehörigen beruhen. Gerade dann, wenn Angehörige den Willen des Verstorbenen nicht kennen, lehnen sie oft intuitiv ab. Wir bürden ihnen damit eine enorme Last auf. Diesen Zustand sollten wir beenden.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU, der SPD und der LINKEN und der Abg. Katja Suding [FDP])

Ich komme zur Frage der Evidenz. Ich muss sagen: Was das betrifft, bin ich aufgewühlt; denn ich finde, es ist eine Werteentscheidung, die man in die eine oder andere Richtung treffen kann. Ich habe hohen Respekt vor beiden Meinungen hier im Haus.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Aber wir müssen schon zur Kenntnis nehmen, dass es in allen Staaten mit Widerspruchslösung – im Verhältnis zur Bevölkerung – mehr realisierte Organspenden gibt als bei uns.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU, der SPD und der LINKEN und des Abg. Christian Dürr [FDP])

Der Hirntod wurde angeführt. Österreich ist unser Nachbarland, nicht Spanien. In Österreich ist die Anzahl der Organspenden doppelt so hoch wie bei uns: kulturell nahestehend, ähnliches System, doppelt so viele Organspenden. Es gibt aktuell eine Metaanalyse des „World Journal of Surgery“, die zeigt: Der globale Anstieg nach Einführung der Widerspruchslösung beträgt 21 bis 76 Prozent . Es gibt einen Zusammenhang. Einfach zu behaupten, es gebe keinen Zusammenhang, dafür braucht es schon ein gehöriges Maß Chuzpe.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der LINKEN)

Über 20 der aktuellen EU-Staaten machen von der Widerspruchslösung Gebrauch. Jüngst hat auch Großbritannien ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. In all diesen Ländern ist die Erkenntnis gereift, dass Aufklärungskampagnen und verbesserte Strukturen in den Krankenhäusern zwar notwendig, aber nicht hinreichend sind, um die Zahl der Organspenden zu erhöhen.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der LINKEN)

In all diesen Ländern ist die Erkenntnis gereift, dass wir den Menschen die Entscheidung zumuten müssen; denn wenn wir ihnen diese Entscheidung nicht zumuten, müssen wir auch weiterhin bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Ich bin das nicht.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der LINKEN)

Am 30. August 2019 habe ich im Klinikum Großhadern in München – das liegt in meinem Wahlkreis – den kleinen Daniel und seine Mutter Diana besucht. Damals wartete der Einjährige seit 281 Tagen auf ein Spenderherz. Wir sind seitdem in Kontakt. Heute sind es 420 Tage, die er mit unglaublicher Unterstützung seiner Familie, der Ärzte, der Pflegekräfte auf der Station in einem 2-Meter-Radius einer kühlschrankgroßen Herzunterstützungsmaschine lebt. Egal wie die Entscheidung heute ausgeht: Auf Daniels Schicksal wird sie keine Auswirkung mehr haben. Hoffentlich müssen er und seine Familie nicht mehr so lange auf eine Transplantation warten. Ich weiß, dass wir das alle wollen. Lassen Sie uns heute eine Entscheidung treffen, die dem ein Ende bereitet, dass Millionen Menschen Entscheidungen vermeiden, die Leben retten können.

Ich danke Ihnen.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der LINKEN und des Abg. Christian Dürr [FDP])

Präsident Dr. Wolfgang Schäuble:

Nächster Redner ist der Kollege Otto Fricke.

(Beifall bei Abgeordneten der FDP, der CDU/CSU und der SPD)