Mit dem Anklicken bauen Sie eine Verbindung zu den Servern des Dienstes YouTube auf, und das Video wird abgespielt. Datenschutzhinweise dazu in unserer Datenschutzerklärung.

12.05.2022

Deborah Düring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Weizen, Mais und Reis, diese drei Getreidearten machen die Hälfte der global produzierten Agrargüter aus. In der Finanzwelt wird Anlegerinnen und Anlegern immer geraten, ihr Portfolio zu diversifizieren, um Verlustrisiken zu minimieren. Ich würde sagen: Bei den Nahrungsmitteln haben wir das richtig schlecht gelöst. Wie anfällig uns die mangelnde Nahrungsmitteldiversität für Krisen macht, zeigt sich auf tragische Art und Weise in Bezug auf den Krieg in der Ukraine und seine Auswirkungen für die Welternährung.

Die Ursachen für Hunger sind vielfältig. Neben Krieg und der Klimakrise ist Hunger vor allem die Folge von ungerechter Verteilung und eines sozialen, politischen und ökonomischen Machtgefälles. Saatgutvielfalt – ja, liebe Union – ist essenziell für Ernährungssouveränität.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP)

Deshalb begrüßen wir Ihre Initiative auch, liebe Union. Aber Ihr Antrag ist so einseitig wie unsere Getreidesorten. Darin geht es fast ausschließlich um die Finanzierung des Global Crop Diversity Trust. Ich habe nichts gegen diese Institution. Wir haben gerade schon gehört: Sie wird umfassend finanziert. Aber Vielfalt, die lediglich in Tresoren und Saatgutbanken eingelagert ist, während auf den Feldern der Welt Monokulturen jegliche Diversität verdrängt haben, bringt uns herzlich wenig.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Ihr Antrag, liebe Union, hat nicht eine einzige strukturelle Komponente. Mit keinem Wort erwähnen Sie die bäuerlichen Saatgutsysteme. Dabei haben gerade sie enorme biologische und kulturelle Bedeutung in vielen Ländern des Globalen Südens. Saatgut zu lagern, zu nutzen und zu handeln: Diese Rechte von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern erwähnen Sie mit keinem Wort, und das, obwohl all diese Rechte in ganz vielen Ländern zurückgedrängt werden zugunsten von Hybridsaatgut der großen transnationalen Konzerne. Diese kommerziellen Saatgutsysteme haben in den vergangenen 20 Jahren nicht nur dramatisch die Diversität der Sorten verringert, patentiertes Saatgut hat unzählige Menschen in Verschuldung und Abhängigkeit getrieben.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)

Saatgut muss als Gemeingut anerkannt werden. Wir müssen das Züchten und den freien Austausch traditionellen Saatgutes stärken. Dafür müssen wir uns auch für die Stärkung der Rechte von Bäuerinnen und Bauern im FAO-Saatgutvertrag einsetzen.

Liebe Union, wir Grünen haben Sie, als Sie noch in der Bundesregierung waren, jahrelang aufgefordert, endlich die UN‑Kleinbauernerklärung zu ratifizieren; denn in ihr ist das Recht auf Saatgut als Menschenrecht definiert. Das hätten Sie tun können; das haben Sie aber nicht gemacht. Auch das Recht auf Nahrung ist ein Menschenrecht. Das umzusetzen, bedeutet nicht nur, bäuerliche Saatgutsysteme zu stärken und die agrarökologische Forschung in den Partnerländern zu unterstützen; es heißt auch, sich damit zu beschäftigen, wie wir Agrarökosysteme resilienter gegen den Klimawandel machen. Es heißt, Land Grabbing zu verhindern und Landrechte zu stärken,

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Lagerkapazitäten im Globalen Süden auszubauen, endlich lokales Wissen, das vorhanden ist, anzuerkennen und zu nutzen. Und es heißt auch – ja, ich wiederhole mich –, Lebensmittelverschwendung endlich zu verringern und Importe von Futtermitteln und Rohstoffen zur Herstellung von Treibstoff massiv zu reduzieren.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Die deutsche und europäische Agrarpolitik muss konsequent neu ausgerichtet werden. Genau das gehen wir als Ampel an. Statt monothematische, profitorientierte Landwirtschaftspolitik treiben wir gemeinsam auf allen Ebenen und mit allen Häusern – da hatten Sie auf jeden Fall noch Nachholbedarf – die agrarökologische Transformation voran, um weltweit Ernährungssouveränität zu schaffen und nicht immer nur davon zu reden, so wie Sie das die letzten 16 Jahre getan haben. Wir packen es an. Ich freue mich, mit Ihnen daran weiterarbeiten zu dürfen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der FDP)

Vizepräsident Wolfgang Kubicki:

Vielen Dank, Frau Kollegin Düring. – Nächster Redner ist der Kollege Dietmar Friedhoff, AfD-Fraktion.

(Beifall bei der AfD)