Rede von Charlotte Schneidewind-Hartnagel

Zeitverwendung

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07.05.2021

Charlotte Schneidewind-Hartnagel (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Die Frage, in welchem Maße Menschen über ihre Zeit verfügen, ist für uns Grüne kein Randthema. Die Frage, wie viel Zeit sie den Menschen und Dingen widmen können, die ihnen wichtig sind, ist kein Nischenthema. Wer den Menschen in den Mittelpunkt stellt, rückt auch die Zeitpolitik ins Zentrum.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Für eine hohe Lebensqualität aller in unserer Gesellschaft ist gute Zeitpolitik essenziell; denn der Wohlstand und die Lebensqualität jeder und jedes Einzelnen bemisst sich nicht nur an volkswirtschaftlichen Statistiken, sondern gerade auch daran, wie viel Zeit ihr und ihm neben dem Beruf für Familie und Freizeit bleibt. Wohlstand definiert sich auch über Zeitsouveränität.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Endlich hat die Bundesregierung erkannt, dass es gesetzliche Grundlagen braucht, um regelmäßig zu erheben, wie die Ressource Zeit von Menschen verwendet wird. Daher begrüßen wir besonders, dass jetzt in der Endfassung des Gesetzes die Daten anstatt in einem Abstand von zehn Jahren nun alle fünf Jahre erhoben werden sollen. Damit haben wir eine bessere Chance, auf die dynamische Entwicklung von Zeitverwendung zu reagieren.

Positiv zu bewerten ist auch, dass in Zukunft unterschiedliche Familienkonstellationen und Lebensweisen betrachtet werden. Neben vielen anderen Dingen hat die Coronapandemie klar gezeigt, dass es einen Bedarf an repräsentativen Statistiken besonders zur Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit und der Kinderbetreuung gibt. Viele, die sich um Familienangehörige kümmern, sind berufstätig; viele davon sogar in Vollzeit. Und es ist hinreichend bekannt, dass es nach wie vor überwiegend Frauen sind, die diese Sorgearbeit neben dem Beruf übernehmen.

Wir müssen uns deshalb fragen: Wie können Erwerbsarbeitszeit und Betreuungszeit für Kinder besser vereinbart werden? Wie schaffen wir eine Vereinbarkeit von Angehörigenpflege und Beruf? Wie können wir durch mehr individuelle zeitliche Flexibilität die Lebensqualität erhöhen? Und wie kann die Geschlechtergleichstellung durch veränderte Zeitstrukturen verbessert werden? Meine Damen und Herren, wir brauchen dringend zeitpolitische Veränderungen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Norbert Müller [Potsdam] [DIE LINKE])

Und wir müssen akzeptieren, dass Flexibilität keine Einbahnstraße ist, die nur dem Einzelnen abverlangt wird. Genauso brauchen wir eine Flexibilität der Strukturen, damit die Einzelnen mehr Selbstbestimmung über ihre Zeit zurückerlangen.

Wir brauchen umfassende politische Maßnahmen, die eine bessere Vereinbarkeit von Familienzeit, Sorgearbeit und Beruf ermöglichen. Das Gesetz zur Zeitverwendungserhebung ist dazu ein erster Schritt. Sorgen wir dafür, dass darauf Handeln folgt, um die Einzelnen und die Familien stärker und freier zu machen.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Vizepräsident Wolfgang Kubicki:

Vielen Dank, Frau Kollegin Schneidewind-Hartnagel.