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Die Berlinale braucht langfristige, gemeinsame Lösungen

Zur Debatte um Tricia Tuttle als Festivalleiterin der Berlinale erklären Katrin Göring-Eckardt, Sprecherin für Kultur und Medien, und Marlene Schönberger, stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien:

Tricia Tuttle hat der Berlinale neuen Schwung gegeben und ein modernes Gesicht. Dafür sollten ihr alle danken, denen die Berlinale ein Anliegen ist. Die Debatte um ihre mögliche Abberufung durch den Beauftragten für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, steht sinnbildlich für seinen politischen Ansatz bei der Bekämpfung von Antisemitismus. Es geht Wolfram Weimer um Symbolpolitik: andere sollen aufwischen, wenn die Milch längst verschüttet ist. Der Kulturstaatsminister übt sich im Kopfeinziehen und nimmt sich aus der Verantwortung. Diese Regierung hat keine Ideen und kein Konzept, um Antisemitismus zu bekämpfen. Auch wenn Personalfragen nun erstmal vertagt wurden: Der Schaden ist angerichtet, Wolfram Weimer verunsichert erneut eine gesamte Branche. Kunst und Kultur müssen frei von staatlicher Einflussnahme bleiben.

Politische Statements müssen in Kunst und Kultur immer möglich sein. Trotzdem darf eine Dämonisierung Israels nicht unwidersprochen bleiben. Aufrufe zu Differenziertheit und Komplexität müssen einschließen, das Klarheit herrscht, wenn es um das Schicksal von Jüdinnen und Juden geht. Unsere tiefe deutsche Schuld und Verantwortung darf sich nicht in Symbolpolitik erschöpfen. Denn ohne nachhaltige Maßnahmen ist der nächste Eklat vorprogrammiert. Auf Äußerungen, die antisemitisch sind, müssen wir als Politik und als Zivilgesellschaft klar und konsequent reagieren. Es war zu erwarten, dass die Berlinale als Bühne für politische Äußerungen genutzt wird. Es hätte eine angemessene Vorbereitung gebraucht, um im Fall der Fälle mit Widerspruch zu reagieren. Das Leid im Gazastreifen und im Libanon macht auch uns betroffen. Aber wir verweigern uns einer Einseitigkeit, die jede Komplexität verwirft. Kein Wort zum Leid der Israelis seit dem 7. Oktober 2023, kein Wort zu ihrer Angst um Sicherheit und Existenz, kein Appell gegen den weltweit und bei uns anwachsenden Antisemitismus, kein Wort auch zur Lage in der Ukraine, und dass wenige Tage vor dem vierten Jahrestag der Vollinvasion. Diese Worte haben nicht nur gefehlt – mitten in Berlin – in diesen Tagen und in der Situation waren sie unverzichtbar. 

Das Problem heißt Antisemitismus. Es braucht mehr als große Schlagzeilen, wir brauchen nachhaltige und langfristige Lösungen, die der BKM jetzt anstoßen muss und zwar gemeinsam mit Tricia Tuttle.