Spielbericht Grüne Tulpe - Nationalmannschaft der Autoren

Merkels Experiment

Die Literaten wollten schon vor dem Saisonanpfiff mächtig Eindruck im Poststadion machen. Während die Tulpen an diesem 16. Januar 2012 völlig unsynchron und noch ganz gemächlich über den Lichtplatz so vor sich hinschlurften, lief sich die Autoren-Nationalmannschaft konservativ geordnet und dynamisch als Einheit warm.

Welch ein Kontrast. Dort die müde wirkende grüne Schoppentruppe, die den Anschein machte, als hätte man sie gerade noch rechtzeitig vor Anpfiff vom Lehrter Glühweinstand abgeworben und auf der anderen Seite die europameisterlichen Fitnessliteraturpäpste, gut erholt zurück von der Auslandsreise zum Bosporus und scheinbar bereits schon wieder in Länderspielform.

In solchen Momenten erinnert sich der gemeine Schluffi gerne an einen gewissen Max Merkel. Nein, nicht das Phantom unserer Kanzlerin, der heißt ja Sauer. Gemeint ist der andere Grandler, der legendäre österreichische Trainerfuchs. Der, der in den 60ern als Trainer von 1860 München eines der wichtigesten Experimente der Fußballgeschichte durchführte.

Als er und seine Kicker wegen einigen Niederlagen in Folge heftig in der Kritik standen, insbesondere weil seine Stars Küppers und Brunnenmeier mehr Zeit in Münchener Bierstuben als auf dem grünen Rasen verbrachten, setzte Meistertrainer Merkel ein ganz besonderes Trainingsspiel an. Er, den man auch den "Mann mit der Peitsche" nannte, hatte bei einer Trainingseinheit seine Kicker in zwei Teams aufgeteilt. Die Abstinenzler gegen die Alkoholiker. So wollte er die Schluckspechte in seiner Truppe endlich zur Raison bringen. Doch dann gewannen die Alkoholiker das genannte Übungsspiel überraschend klar mit 8:1 (andere Quellen behaupten 7:1, aber das ist völlig unerheblich).

Wichtig war einzig und allein nur Max Merkels Schlußfolgerung in Richtung Küppers und Co: "Sauft's weiter."  Der Spiegel nahm Merkels Experiment dann wenig später zum Anlass eine schöne Kolumne unter dem Titel "Bier macht torhungrig" zu veröffentlichen. Aber das nur am Rande für diejenigen, die gerne noch einmal ein wenig querlesen möchten.

Wo waren wir stehengeblieben? Ach so ja, der Spielbericht:

Die Tulpen ließen sich jedenfalls vom dynamischen Warmgelaufe der Schriftsteller nicht sonderlich beeindrucken und auch der Anpfiff änderte daran nichts. Nur einen auf dicken Max machen, reicht halt nicht aus. Da muss mehr kommen. Merkel - und das kann man auf einer grünen Website eher selten lesen- schien also tatsächlich Recht zu behalten: Konservativ preussisches Aufwärmen schießt noch lange keine Tore.

Beide Mannschaften egalisierten sich in den ersten 45 Minuten zwar ansehnlich im Mittelfeld, doch Torchancen blieben allenfalls Lückenfüller im gestottert vorgetragenen Auftaktaufsatz. Da lange nichts Nennens- bzw. (Er)zählenswertes passierte, springen wir alsgleich in die Nachspielzeit der ersten Hälfte. Kurz bevor der gute Schiri zur Pause pfiff, fand sich plötzlich doch ein Ball im grünen Netz. Mit den Gedanken scheinbar schon an der Seitenlinie beim nicht vorhandenen Pausentee, rutschte ein Ball erst unglücklich vom grünen Fuß vor die Autorenbeine und dann dem aushelfenden Ersatzgreenkeeper durch die Gamaschen.

Das 0:1 war so unglücklich wie ungerecht. Aber Gerechtigkeit gibts beim Fussball eigentlich sowieso nie. Rousseau sagte einmal, die Gerechtigkeit bestehe darin, die Strafe genau nach dem Fehler abzumessen. Und die äußerste Strenge der Gerechtigkeit selbst sei ein Fehler, wenn sie nicht auf vernünftige Vorstellungen hört, welche die Strenge des Gesetzes mildern. Ein anderer großer Philosoph hat dagegen mal gesagt: "Mund abwischen und weitermachen".

Und ganz nach diesem Motto agierte dann auch die grüne Bundestagsmannschaft mit Wiederanpfiff. Nun sahen sich die Schreiberlinge wie im roten Büßerhemd einer Vielzahl grüner Attacken ausgesetzt. Doch jede der aussichtsreichen Torchancen wurde vom Torwart-Titan im Autorengehäuse kurzerhand zunichte gemacht. Er fing nicht nur alles ab, was auch nur in die Nähe des Fünfers kam, sondern parierte eindrucksvoll jede grüne Gegenrede, während andere in seinem Team nur parlieren konnten.

Tulpe-Ecken -sonst eine ernste Gefahrenquelle für jedes gegnerische Tor-waren an diesem Abend einfach nur reine Zeitverschwendung. "Fängt der doch eh wieder ab" hörte man einen inzwischen frustrierten Tulpe-Spieler um die 70. Minute herum fluchen. (btw: Herumfluchen zusammengeschreiben wäre an dieser Stelle übrigens sowohl orthographisch als auch inhaltlich ebenfalls genauso möglich wie treffend gewesen.) 

Immer noch 0:1. Und wer die Grünen kennt, der weiß aus Erfahrung: die kämpfen stets bis zum Schlußsatz. Der Ausgleich sollte her und dafür wurde eine knappe Viertelstunde vor Ende der Partie die grüne 4er-Kette aufgelöst und dafür ein dritter Stürmer in die abwehrzeilenstarke Dichterhälfe geschickt. Ganz nach der klassischen Philosophie eines Max Merkel konnte sich der wertkonservative Grünenflügel durchsetzen und setzte von da an auf die Position des Ausputzers als letzte Rücksicherung. Der daraus folgende gnadenlose Offensivdrang hätte selbst Merkels Wiener Grantlerkollegen Ernst Happel wohl zum HB-Männchen mutieren lassen.

Doch die letzten Minuten und Gelegenheiten verpufften so schnell wie einst Happels Zigaretten. Literarisch stilvoller könnte man hier auch sagen: ...so schnell wie die Zigarren der grauen Herren in Michael Endes weltbekannten Roman Momo. Während sich aber seine Momo Anno 2012 von den fießen und ekligen Zeitdieben kaufen ließ und an diesem Montagabend gerade auf dem Weg ins Dschungelcamp war, kämpfte die Grüne Tulpe weiter mit der runden Kassiopeia aufopferungsvoll gegen die gnadenlose Uhr. Und Meister Hora -heute im gelben Dress erschienen -schenkte den Grünen und der Partie dann sogar noch einmal eine beachtliche Extra Time. Doch wie schon in der ersten Hälfte war diese Nachspielzeit den grünen Herren nicht wohlgesinnt. Die Schriftsteller - immer ganz der Klimax verschrieben -ließen im letzten Angriff des Tages erneut die Tulpe patzen und besorgten mit dem Abpfiff den glücklichen, aber nicht unverdienten 0:2 Sieg.

Es war leider nicht mehr zu klären, ob hier im letzten Akt  schlußendlich wieder ein Merkel im Spiel war. Andreas Merkel, Spieler der Autorennationalmannschaft und u.a. Autor von "Das perfekte Ende".

Fazit: Kloster oder Kneipe, Triathlet oder Trinker. Das ist beim Fussball zunächst einmal unerheblich. Die Grüne Tulpe war mit dem Anpfiff spielerisch und konditionell auf gleicher Augenhöhe mit dem amtierenden Europameister der Schriftsteller. Mit ein wenig Glück hätte die grüne Mannschaft die Partie sogar auch gewinnen können. Das es am Ende anders kam, hatte jedenfalls nichts mit der Art des Aufwärmens zu tun. Denn "entscheident ist aufm Platz" hat Adi Preissler mal treffend gesagt. Max Merkel kam vom gleichen Planeten und überredete den damals bereits 38 Jahre alten Preissler noch einmal eine Saison für Borussia Dortmund zu spielen. Merkel brauchte Typen wie Preissler, um junge und unerfahrene Talente wie Timo Konietzka an die rauhe Profiluft zu gewöhnen. Hatte er solche Typen nicht zur Hand, musste er als Trainer anderweitig experimentieren. Und das war ein Glücksfall für den damals ziemlich eingestaubten deutschen "Herberger-Fussball". Die junge "goldene Spielergeneration" um Beckenbauer, Netzer und Co bekam plötzlich mehr Freiheiten auf und neben dem Platz. Jedes Talent konnte sich so nach seiner Fasson entwickeln. Wo wir überraschend wieder bei den Preussen wären. Komisch.      

PS: Chemieprofessor J. Sauer soll übrigens über Max Merkels tollkühne Experiment einmal gesagt haben:            "I  =  − ε" ....was unter physikalischen Chemikern als Unterstützung für Merkels oben erwähnte Theorie der Fuselalkoholkicker gesehen wird.