Grüne Tulpe - AOK 4:3

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Cesar Luis Menotti hätte seine Freude gehabt. Schon nach einer Viertelstunde lagen die Tulpen 0:2 in Rückstand, durch zwei individuelle Fehler, weil der Ball nicht schnell genug zum freien Mitspieler gepasst worden war und so vertändelt wurde oder dem Gegner in den Fuß gespielt wurde. Die Tulpen kamen mit dem harten Ball auf dem nassen Platz nicht zurecht, konnten ihn kaum kontrollieren. Es fehlte im ersten Spiel nach der Winterpause Spielpraxis, Schnelligkeit, Sicherheit. Lange Bälle, Befreiungsschläge waren die Folge, die nur allzu schnell wieder gefährlich vor dem eigenen Strafraum auftauchten. Es deutete sich ein Debakel an.

Doch, wo andere Mannschaften versuchen und Trainer fordern, über den Kampf ins Spiel zu finden, spielten die Tulpen, was Menotti linken Fußball nennt: großzügigen, generösen Fußball, der die Schönheit des Spiels kultiviert statt ergebnisorientiert das Spiel zu zerstören. Und wie könnten die Tulpen anders als linken Fußball zu spielen. Libero Andree Böhling forderte seine Vorderleute auf, kurze einfache Pässe zu spielen, den Ball in den eigenen Reihen zu halten und sich Chancen zu erspielen, den Ball in die gegnerische Hälfte zu spielen, statt ihn dort hin zu schlagen.

Und so wendete sich das Spiel. Immer weiter verlagerten sich die Aktionen in die Hälfte der AOK, die Ball und Spiel immer weniger kontrollierten, sich immer weniger befreien konnten und gerade eroberte Bälle schnell an die aufgerückten Mittelfeldspieler der Tulpen, Arne Jungjohann, Marek Dutschke, Ratimir Britvec, und ab Mitte der ersten Hälfte Asgar Ergin, noch in der eigenen Hälfte wieder verloren, die daraus den nächsten Angriff aufbauten.

Zwangsläufig kam es zur ersten Großchancen, die der AOK-Keeper noch mit Einsatz all seines Könnens gegen Ronny Jäckel vereitelte und den harten Schuss über das Tor lenkte. Doch schließlich war es soweit, einen abgewehrten Angriff brachte die AOK nur bis zur Mitte der eigenen Hälfte, wo er abgefangen wurde. Ein kurzer Pass vom Strafraum in die Tiefe auf Jürgen Stark, der in Abseits verdächtiger Position aus spitzem Winkel mit hartem Schuss dem Torwart, der den Ball nur noch abfälschen konnte, keine Chance ließ. Kurz darauf eine ganz ähnliche Szene, diesmal nimmt Asgar Ergin einen Querpass dankend ab und wieder kommt der Ball zu Jürgen Stark, der auch noch das 2:2 schießt. Das Spiel ist gewendet, die Tulpen spielen überzeugend und kommen noch vor der Halbzeitpause durch den Neueinkauf Tresfore Dambe zum inzwischen nicht unverdienten 3:2, nachdem der von halblinks bedient wird, den Ball noch gerade kontrollieren kann und den Torwart elegant aussteigen lässt, um zur Führung zu vollenden. Es sieht nun nah einer klaren Angelegenheit für die Tulpen aus.

In der zweiten Halbzeit spulen die ihr Spiel fast schon routinemäßig herunter, erspielen sich Chance auf Chance, nur wie so oft vergessen sie das Tore Schießen. Die mannschaftlich geschlossene spielerische Überlegenheit wird nicht in Zählbares umgemünzt. Was den Tulpen scheinbar wie von selbst vom Fuße geht, fehlt die klare Zielrichtung, sie schaffen es nicht, das Spiel nun auch durch Tore zu dominieren. Doch diese Überlegenheit ist trügerisch, und so kommt es, wie es kommen muss, wenn man zu viele Chancen vergibt: Die Nummer 10 der AOK setzt sich wieder einmal mit einem ihrer unwiderstehlichen Dribblings durch und kommet diesmal auch zum Schuss. Den harten halbhohen Ball kann Jochen Hake parieren, doch der ungedeckte Mittelstürmer der AOK staubt ab zum Ausgleich.

Danach läuft das Spiel weiter wie bisher: die Tulpen stürmen, Tore Fehlanzeige. Erst eine abgeblockte Flanke von Sebastian Wienges, die zu ihm selbst wieder zurückkommt und er zu einem Aufsetzer aus halblinker Position aufs kurze Eck verwertet bringt auf eher kuriose Weise die Führung: Der Torwart klatscht den springenden Ball nach unten ab und sich selbst durch die Beine ins eigene Tor. 4:3 – ein historischer Endstand, denkt man an Italien 1970.

Danach gelang es weder den Tulpen noch ein Tor draufzupacken noch der AOK die von Andree Böhling in dessen (vorerst?) letztem Spiel vorzüglich organisierte Abwehr in Verlegenheit zu versetzen.

Denn mit Andree Böhling tritt ein weiterer Spieler der großen alten Garde ab, sein Vermächtnis für seine Mannschaft: Spielt kurze Pässe und kontrolliert das Spiel. Spielt linken Fußball, würde Menotti sagen. Fragt sich nur, ob diese Mannschaft lernt, dass Ziel des Spieles - ob links, ob rechts - das Tore Schießen ist. Und nicht jede Mannschaft kann sich auf einen Mario Kempes verlassen.

 

sw