Grüne Tulpe - CDU 6:5

Wer die beste Opposition ist, entscheidet sich immer noch auf dem Platz

Begonnen hatte alles bei Franz Beckenbauers Eintrag ins Goldene Buch von Berlin kurz vor der WM. Beeindruckt von der allgegenwärtigen Fußballeuphorie vereinbarten die grüne Spitzenkandidatin Franziska Eichstädt-Bohlig und der Zehlendorfer CDU-Vorsitzende Braun um die bei dieser Veranstaltung vom Kaiser signierten Fußbälle zu spielen. Dank WM, Sommerpause und anschließendem Wahlkampf verschob sich der fußballerischer Wettstreit bis in die letzte Oktoberwoche. Längst waren die Beckenbauer-Bälle an gemeinnützige Jugendorganisationen weitergegeben worden. Doch mit von der Bundeskanzlerin und von der grünen Bundes- und Abgeordnetenhausfraktionsspitze signierten Fußbällen war annähernd für Ersatz gesorgt. Und nach der unsäglichen Fortsetzung der rot-roten Koalition in Berlin ging es um nichts anderes als die sportliche Führung in den Oppositionsbänken.

Kein Wunder also, dass das Medieninteresse für dieses Spiel alles bisher Erlebte in den Schatten stellte. Bereits vor dem Spiel mussten engagierte Tacklings zwischen Grün und Schwarz für die Kameras gestellt werden.

CDU BerlinAls die selbstverständlich in grün gekleidete Tulpe neben der in roten (!) Trikots auflaufenden CDU von den drei Unparteiischen unter ersten Anfeuerungsrufen der mehr als 60 (!) ZuschauerInnen auf das Feld geführt wurden, wussten alle Spieler: Heute stehen sie unter mehr und kritischerer Beobachtung als in so mancher Plenardebatte. Denn mit Volker Ratzmann (Bildmitte) (Fraktionsvorsitzender), Benedikt Lux (Jungabgeordneter) auf der grünen und Friedbert Pflüger (Fraktionsvorsitzender, im Bild links), Michael Braun (Vizepräsident des Abgeordnetenhauses) und Frank Henkel (Parlamentarischer Geschäftsführer) auf CDU-Seite standen sich jede Menge politische Schwergewichte gegenüber. Verstärkt wurden die Mannschaften durch Bezirksverordnete, Stadträte und Mitarbeiter der jeweiligen Fraktionen.

CDU BerlinUnd dann begann das Spiel. Was für ein Spiel. Die grüne Tulpe kontrollierte von der ersten Minute an das Spiel und kam mit präzisen Spielzügen über ihre starke rechte Seite im Minutenabstand gefährlich vor das gegnerische Tor. Nach fünf Minuten bereits der dritte Angriff über die rechte Seite: Der quirlige Benedikt Lux setzt sich nach schönem Zuspiel von Daniel Holstein auf dem Flügel durch, flankt, Mittelstürmer Volker Ratzmann und sein Gegenspieler verpassen, der Ball setzt auf und der Rest der CDU-Abwehr ist sich so lange uneinig, wer nun den Ball wegschlagen muss, bis der aufgerückte Stephan von Dassel den Ball über die irrlichternden Abwehrreihen der Christdemokraten ins Tor hebt. Wenige Minuten später: Wieder ein beherzter Angriff über rechts, wieder Unordnung in der CDU-Abwehr, Nachsetzen der emsigen grünen Offensive …. Eigentor! Und so geht es weiter.

Die nächste gelungene grüne Aktion kombiniert sich schön in den gegnerischen Strafraum, zweimal werden die Schussversuche abgeblockt, doch der dritte Nachschuss von der Strafraumgrenze schlägt unhaltbar im rechten Toreck ein: Daniel Holstein krönt damit seine bis dahin überragende Leistung. Wenige Minuten später setzt auch Tresfore Dambe seiner guten Leistung die Krone auf als er den nächsten Angriff über rechts mit einem Flachschuss vom Elfmeterpunkt abschließt. 4:0 nach 25 Minuten! Selbst die grünen AnhängerInnen halten diesen Spielverlauf für nicht mehr politisch korrekt. Doch die CDU kann kämpfen. Sie stellt ihre beiden besten Spieler in die Abwehr, verjüngt den Angriff durch die Junge Union (oder doch eher Hertha BSC's A-Jugend?) und spielt von nun an konsequent lange wuchtige Bälle durch den beinharten, aber nicht zu überwindenden Frank Balzer (Sozialstadtrat in Reinickendorf). Und die Umstellung wirkt. Ein langer Ball erreicht den körperlich und fußballerisch gut ausgebildeten neuen CDU-Stürmer, er läuft im Zweikampf mit Marius Knaak in den Strafraum, wird gerempelt und fällt. Elfmeter. Der wird nicht hart, aber sehr platziert im linkeren unterem Eck verwandelt. Die CDU-Angriffe nehmen zu. Wieder ein langer Ball, der CDU-Stürmer nimmt ihn mit der Brust geschickt an und hebt ihn gekonnt über den grünen Abwehrspieler und Torwart ins kurze obere Eck.

Mit 4:2 geht es in die Pause. "Die zweite Halbzeit gewinnen wir!" johlt es aus der mit fast 20 Spielern bestückten CDU-Ecke. Das grüne Auswechselreservoir ist dagegen sehr begrenzt. Marek Dutschke und Rekordtorjäger Kristoffer Born ersetzen den leicht verletzten und bis dahin souverän spielenden Marius Knaak und den aufopferungsvoll kämpfenden Volker Ratzmann. Doch das Spiel hat sich vollkommen gedreht. Ein langer Ball nach dem anderen fliegt in Richtung grünen Strafraum, das grüne Mittelfeld ist nicht mehr erkennbar und die CDU-Spieler setzen voller Leidenschaft jedem Ball nach. In der 50. Minute ein solchermaßen erkämpfter Eckball. Der Ball fliegt scharf sieben Meter vor das Tor zwischen vier grüne Spieler und auf den Kopf des neuen Sturmtanks der CDU. Nach seinem platzierten Kopfball heißt es nur noch 4:3. Die Tulpe versucht es nun ebenfalls mit langen Bällen, doch zu oft sind die grünen Angreifer in aussichtsloser Unterzahl, nur einmal verschätzt sich die christlich-demokratische Unionsabwehr, Kristoffer Born entwischt, läuft allein aufs Tor zu und trifft sicher zum 5:3. Doch die Union beißt zurück. Mit vollem körperlichen Einsatz drängen sie auf den Anschlusstreffer. Wieder ein langer Ball, eine zu kurze Abwehr, ein Nachsetzen, ein Durchsetzen des immer stärker aufspielenden CDU-Mittelstürmers, ein Schuss aus dem Getümmel … 5:4.

Den Tulpen schwinden allmählich die Kräfte. Die Angriffe verpuffen, die anfängliche Spielkultur ist endgültig verloren gegangen. Wieder ein eher planloser Ball nach vorne, der CDU-Verteidiger spielt zum Torwart, Kristoffer Born setzt engagiert nach, bedrängt den Torwart und der lässt den Ball unter sich ins Tor kullern. 6:4. Noch zehn Minuten zu spielen. Die CDU geschlagen? Keineswegs. Die grüne Abwehr vertändelt einen schon gewonnen Ball, der Ball wird scharf in die Mitte gespielt, von wo ein mutterseelenallein stehender CDU-Angreifer aus kurzer Distanz sicher zum 6:5 trifft. Die CDU scheut nun vor nichts mehr zurück. Sie ersetzt den engagierten, aber auf dem rechten Flügel auf sich allein gestellten Friedbert Pflüger durch einen weiteren jungen Spieler und bestürmt mit Macht das grüne Tor. Mehrere CDU-Schüsse zischen knapp am Tor vorbei. Einmal lenkt der grüne Torwart Jochen Hake den Ball mit sensationellem Reflex über das Tor. Dann wieder ein langer Ball in den Fünfmeterraum, der Torwart springt hoch, hat den Ball und wird vom CDU-Mittelstürmer zu Boden gecheckt. Beide liegen auf dem Boden und Hake befreit sich mit einem reflexhaften Tritt vom gegnerischen Stürmer. Tätlichkeit schreit die CDU. Es bildet sich ein Spielerrudel, in dem mehr geschubst als geschlichtet wird. Gelbe Karte für Hake und den Stürmer. Glück gehabt. Noch ein paar Minuten wogt das Spiel hin und her, doch keine der beiden Mannschaften hat noch das Glück und die Präzision, um einen weiteren Treffer zu erzielen. Abpfiff. Endstand 6:5.

Man reicht sich die Hand und beglückwünscht sich zu einem spannenden und engagierten Spiel, das unbedingt eine Revanche braucht. Ach würden sich doch alle politischen Konflikte so offen, ehrlich und unterhaltsam darstellen lassen.