Grüne Tulpe - DIHK: 1:1

Deutsche Wirtschaft im Aufschwung

Wenn die Grüne Tulpe gegen die Industrie- und Handelskämmerer spielen, würde der unbedarfte Laie wohl planwirtschaftlichen Systemfußball gegen chaotischen Individualfußball erwarten. Doch heute vertauschten die Kontrahenten ihre Vorzeichen komplett. Statt Wild West-Manchester Kapitalismus boten die deutschen Industrie- und Handelsvertreter Ordoliberalismus vom Feinsten. Das, was die Grünen ihrem Publikum versprochen haben, gab es heute nur vom Gegner zu sehen. Technisch geniale Individualisten zeichneten gemeinsam Spielzüge auf den Platz, die sie immer wieder frei vor den Grünen Kasten führten. Und das, was die Tulpen sonst auszeichnet, Ballkontrolle und geordnetes Zusammenspiel, scheiterte an unzähligen Fehlpässen. Schon bei der Ballannahme hatten die Tulpen durch die Reihe ihre Probleme und bald jeder zweite Pass landete im Fuß des Gegners. Sie kamen einfach nie mit dem stumpfen Boden zurecht, der ja eigentlich ihr "heimisches grün" ist. Das führte häufig zu Zweikämpfen um den Ball und vielen langen Beinen, die oft am Rande des "gestreckten Beins" waren und somit den Straftatbestand des "gefährlichen Spiels" erfüllten. Doch insgesamt leitete der Schiedsrichter souverän das Spiel und pfiff die wenigen Fouls in einem fairen Spiel konsequent.

So auch in der 20. Minute, als ein perfekter Pass in den Lauf in den Grünen Strafraum zu einem Laufduell des aufgerückten Mittelfeldspielers der Industrie mit Tresfore Dambe führte. Der war wie gewohnt schneller als sein Gegenspieler und konnte an ihm vorbeiziehen, doch just in dem Moment, in dem er den Ball spielen wollte, verhaken sich sämtliche vier Beine und beide Spieler gehen zu Boden. Keine Absicht, aber der Mann in Schwarz hält es mit dem anderen großen Mann in schwarzer Kutte: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders." Hätte es im 16. Jahrhundert schon Fussball und das Schiedsrichterwesen gegeben, auch hier wäre vermutlich auf Elfmeter entschieden worden. Und der "Handelnde" Spielmacher verwandelt auch in Luther-Manier sicher zum 1:0.

Danach gelingt den Tulpen weiterhin wenig. Am besten funktioniert noch das Passspiel zwischen Tresfore Dambe und André Bornstein über die linke Seite. Dabei zeigt Coach Wienges in der 25. Minute wie einfach es geht: ein gewonnener Zweikampf in der Mitte, ein Pass in die Spitze auf Manu Sharma, der heute als einzige Spitze die gegnerische Defensive alleine beschäftigt, und "schon" haben die Tulpen ihre erste Torchance.

Aber im zentralen Mittelfeld hat die deutsche Wirtschaft doch ein deutliches Übergewicht, mehr Anspielstationen und erobert viele freie Bälle. Diese Stärke nutzt sie für ihre Innovationen. Diese Tugend  hat sie schon immer in die Weltspitze getragen, und dort in der Spitze stehen heute zwei neue brandgefährliche Jungunternehmer in Sachen Torgefahr. Bei der Gefahr bleibt es aber auch, denn über das gesamte Spiel haben sie immer wieder hochkarätige Chancen, die sie aber sämtlich vergeben. Das ist das einzige, was die deutsche Industrie sich heute auf dem Spielfeld vorwerfen lassen muss. Was die Industrie im heimischen Mittelfeld erarbeitet, wird vom Handel in der fremden Hälfte einfach nicht gewinnbringend umgesetzt. Hier müssen Exportchancen in Zukunftsindustrien noch klarer erkannt und genutzt werden. Vielleicht hat hier früher in den vorderen Reihen noch einer von Siemens im Sturm gestanden und kaltschnäuzig Gewinne eingefahren. Diese Frage bleibt heute allerdings ungelöst, da Peter Löscher nicht auf dem Platz steht.

In der 30. Minute ist dann ein weiter Pass in den Raum von der Handelsspitze fast erreicht und spitzelt den Ball gerade noch vor dem herannahenden Tulpenlibero Ahmed Sheriff, der einen Tick zu spät kommt. Wieder keine Absicht, aber eigentlich eine rote Karte für den letzten Mann der Grünen. Aber dazu geht es in diesem Spiel dann doch um zu wenig. Der Schiedsrichter lässt Gnade vor Recht ergehen.

Doch der Rückstand provoziert von den Tulpen zumindest mehr Einsatz. Das Zusammenspiel gelingt zwar noch immer wenig, aber etwas mehr Druck wird immerhin aufgebaut. Endlich klappt auch einmal eine Hereingabe über Rechts. Manu Sharma hämmert den Ball unter die Latte, von wo er aber aus dem Tor herausspringt. Der Ball kann aber nicht geklärt werden. Asgar Ergin schießt einen perfekten Top Spin von Halbrechts aufs Tor. Der Keeper hat den Ball sicher, aber erst nach dem dritten Nachfassen und bis dahin ist André Bornstein da und spitzelt den freien Ball ins Tor zum 1:1.

Die zweite Hälfte beginnt die Tulpe druckvoll, aber brotlos. Immer wieder erspielen sie sich Schusschancen, aber die Bälle sind zu unplatziert. Die klareren Chancen erspielen sich die Kämmerer.

Kurz vor Schluss kommt eine hohe Hereingabe von Asgar Ergin. Torwart, André Bornstein und sein Gegenspieler laufen dem Ball entgegen und gehen gemeinsam hoch. André ist als erster am Ball und verlängert ihn ins leere Tor, Arme angelegt, regulär. Aber das sieht der Schiedsrichter nicht, sondern will den Torwart zur Not auch vor seinem eigenen Mitspieler schützen und gibt Freistoß. Aber verdient wäre es auch nicht gewesen für die Tulpe.

Die alten Unternehmen werden langsam immer müder, verlagern sich aufs Kontern – das reicht selten. Aber in der 90. Minute ist schließlich der blonde Stürmer, der in der ersten Halbzeit noch durch ein Foul gestoppt wurde, allein auf dem Weg zum Tor der weit aufgerückten Tulpen. Verteidiger Wienges stoppt ihn, doch der Ball kommt noch zum freien Stürmer in der Mitte, der wird noch von Sheriff gestört, und vergibt mit einem Schuss auf den fehlerlosen, aber bis dahin kaum beschäftigten Christian Meuschke.

Das wäre es gewesen – aber so bleibt es beim leistungsgerechten 1:1.