Grüne Tulpe - DIHK 6:1

Eisballett auf Tenne 1

Wenn Väterchen Frost seiner Leidenschaft frönt und sich auf dem Fußballplatz einrichtet, führt das fast immer zu wenn auch nicht ansehnlichen, so doch zu sehr unterhaltsamen Spielbereicherungen. So auch an diesem November-Abend. Tenne 1, dort wo die Tulpen regelmäßig ihre Ernte einfahren, war durch den Schnee der vergangenen Nacht gerade eben ein wenig durchgefeuchtet und dann im Laufe des Abends mit einem Eishauch überzogen.

Doch an diesem Abend sollten die Tulpen sich weder vom Gegner noch vom Wetter, einem ohnehin urgrünen Thema, irritieren lassen. Kälte, Bodenverhältnisse-bedingtem Zufall und der deutschen Industrie wurde mit eiskalter Entschlossenheit gegenübergetreten. Die grüne industrielle Revolution beginnt heute, und wer sich ihr in den Weg stellt, den bestraft das Leben. Der Handel der Zukunft ist der mit Emissionszertifikaten. Während die Grünen ihr überlegenes Programm stoisch und unbeirrbar abspulten, konnten die Kämmerer nur noch reagieren.

In der Anfangsviertelstunde schnürten die Tulpen ihren Gegner in dessen Hälfte ein. Doch die deutsche Schwerindustrie stand wie Stahl – von überhöhten Weltmarktpreisen für dieses Qualitätsprodukt made in Germany konnte keine Rede sein. Eiserne Disziplin in Zuordnung und Stellungsspiel ließ den Tulpen keine nennenswerte Chance. Im Gegenteil war das Zentrum zahlenmäßig vom regen Großhandel des Exportweltmeisters dominiert, dessen Sturmführer immer wieder durch geschicktes Absinken anspielbar wurde und Angriffe versuchte zu inszenieren, die aber auf glattem Boden bei langen Pässen ohne aufgerückte Anspielstationen faktisch schon in der eigenen Hälfte zum Erliegen kamen.

Völlig überraschend dann auch das 1:0. Endlich einmal können die Wirtschaftsvertreter in der Hälfte der Volksvertreter den Ball behaupten, kommen über rechts durch bis zur Grundlinie, wo der Dieter Zetsche im Sturm der DIHK umringt von Rechtsverteidiger Christian Griebenow, Defensivmittelfeldspieler André Bornstein und Libero Stefan Witt doch aus spitzem Winkel zum Schuss kommt und dank dieses Acker, Mann! der Ball unter dem Fuß von Neueinkauf und Aushilfstorwart Ahmed Sheriff ins Tor rutscht. Da steigt der Geschäftsklimaindex, aber Hans-Werner Sinn deutet wieder einmal alles falsch.

Dieser Rückstand stört die Tulpen nicht. Sie wissen um ihre Überlegenheit, ihre besseren Argumente. Flache Schüsse bringen Gefahr, nicht immer der vollkommene Abschluss in den Winkel. Das erkannte auch schon bald linker Defensivmittelfeldspieler Marek Dutschke, heute bester Mann auf dem Platz, der seine Seite so dicht machte wie die Grenzen des Handels vor dem GATT-Abkommen und bei Gelegenheit die Offenheit der Händler wie zu besten Zeiten der WTO zu gefährlichen Vorstößen nutzte. Aus dem Hintergrund von der Strafraumgrenze schießt er einen Aufsetzer platziert haarscharf neben das Tor. Da hätte auch kein Recken des Industrie-Tormannes geholfen. Marek setzt aber ein Zeichen damit, der Ausgleich ist nur eine Frage der Zeit.

Und so kommt denn, was kommen muss. Eine hohe Hereingabe von links wird von keinem Handelskämmerer erreicht und der unvermeidliche Toffi Born ist zur Stelle. Doch er trifft den Ball nicht richtig, der rollt auf die Mitte des Tores zu, gegen die Laufrichtung des Torwarts. Während er daraufhin noch schnell die Richtung wechseln will, der Boden aber zu glatt ist, rutscht der Torwart durchaus elegant an Ball und Tor vorbei und das Leder findet langsam aber ungestört seinen Weg ins Netz zum 1:1.

Nur wenig später ist es der fleißige und immer selbstbewusster aufspielende Tulpen-Einkauf aus der neuen emerging Wirtschaftssupermacht. Der Inder Manu Sharma zieht aus dem Rückraum ab und durch die gesamte Abwehr der von dieser Entwicklung der Globalisierung völlig überforderten deutschen Industrie-Abwehr hindurch zum 2:1 ins Tor.

Mit diesem zahlenmäßig noch recht knappen Ergebnis ging es auch in die Pause. Nur ein Tor und alles wäre wieder offen. Doch Coach Wienges schwört die Mannschaft nur auf die Offensive ein, fordert weiter kontrolliertes Passspiel. Um dennoch den Spielaufbau von Industrie und Handel endgültig zu beherrschen, stellt er nun Hartwig Mayer in Manndeckung gegen den besten Kämmerer und einzige Spitze, fordert ihn aber gleichzeitig auf, sich in die Offensive mit einzuschalten ebenso wie das defensive Mittelfeld und den neuen Rechtsverteidiger Ahmed Sheriff, der sich nach der Halbzeit im Tor nun eine Halbzeit lang mit sicherem Stellungsspiel und gefährlich Angriffen aufwärmen konnte. Coach Wienges selbst kann aber kaum noch seine Halbzeitansprache deutlich artikulieren. Nach einer Halbzeit an der Linie ist seine Zunge lahm gefroren, die Oberschenkel steif und seine Füße spürt er nicht mehr. Zeit sich einzuwechseln und warm zu laufen.

Das DIHKammerorchester hält noch eine ganze Weile den Takt und ihre Ordnung aufrecht, obwohl ihre Offensive stillgelegt ist. Doch auch die Tulpen vergeben ihre Chancen. So bleibt das Spiel recht lange zumindest im Ergebnis relativ ausgeglichen.

Dann aber endlich passiert was. Nachdem Asgar Ergin in für ihn typischer wie auch unnachahmlicher Manier zweimal beste Chancen ausgelassen hat, schließt er ein Zusammenspiel auf engstem Raum wunderschön zum 3:1 ab. Nun zerfallen die Harmonien der Kammermusiker in Dissonanzen. Das Klima mögen Industrie und Handel wandeln, aber nicht mehr den Ausgang dieses Spiels.

Kurz darauf fliegt wieder einmal eine Ecke mitten in die Herzkammer von deutscher Industrie und Handel, die bekommen die Kugel nicht weg, vom Pfosten springt er Sebastian Wienges vor die Füße, der aber ebenso wenig damit anfangen kann. Doch André Bornstein ist zur Stelle und schiebt endlich ein zum 100. Tor dieser Saison und nebenbei auch zum 4:1.

Wiederum kurze Zeit später schließt Toffi einen ansehnlichen Angriff über rechts mit einem trockenen Schuss ins hohe rechte Eck unhaltbar für Torwart und Abwehr zum 5:1 ab.

Und schließlich durfte André Bornstein sein persönliches Torkonto nochmal aufbessern, indem er wieder eine Kombination über rechts mit einem trockenen Schuss zum 6:1 beendete.

Zu diesem Zeitpunkt konnte der Schiedsrichter längst das Spiel beenden, die Marktwirtschaft war längst entschieden grün geworden.

Fazit:

Während die Tulpen für gewöhnlich durch starke individuelle Leistungen und Dribblings entscheidende Vorteile gegen ihre Gegner erringen können, war dies auf der vereisten Tenne unmöglich. Und so spielten sie eben ihre spielerische Überlegenheit konsequent aus. Die Höhe des Sieges war nur durch die Spieldauer begrenzt, kurzfristige Rückstände sind dabei für die Experten langfristiger Nachhaltigkeit zu verschmerzen.