Grüne Tulpe - Dynamo Windrad: 2:4

Windkraft kontra Tulpenpower

In den Sommermonaten, wenn die Saisonvorbereitung auf Hochtouren läuft, evtl. schon die ersten Pokalrunden die großen Vereine über die Dörfer führen und Bayern an Weinheim scheitert, ja manchmal sogar in den ersten Wochen des Ligabetriebs werden schnell noch die ganz spektakulären Tourneen gebucht: mal eben durch China, zum Scheich kennt-kein-Fußballfan-hat-aber-ne-Ölquelle-und-kauft-sich-eben-die-Begegnung-Real -gegen-seinen-links-hinter-der-Oase-Club nach Dubai. Oder man erfindet einen Cup, der aus ein bis zwei Spielen besteht und lädt dazu so klangvolle Namen wie Boca und Fluminense ein und erweitert so die vereinseigene Titelsammlung.

Das macht die Tulpe jetzt auch. Und wen könnten die Alternativen wohl einzig zu diesem Anlass einfliegen lassen als das Urgestein des deutschen Alternativfußballs, dort wo die Seele des Spiels noch nicht $eele buchstabiert wird, wo der Protest gegen DFB, MV und den katholischen Fußballfilz, der einst dem FC Homburg den Trikotsponsor London verbot, der Sinn des Spiels ist, und wo Windräder statt Wimpel überreicht werden: Dynamo Windrad aus Kassel, Hessen.

Doch zunächst scheiterte das geplante Rencontre am Mangel (genügend) grüner Trikots. Käptn Toffi hat nur ein einziges, dafür aber ein ganz besonderes mit dabei – wie sich nach dem Spiel noch zeigen sollte. So konnte die Begegnung nur mit Verspätung angepfiffen werden, was dazu führte, dass die Dynamos nach dem verlängerten Aufwärmen schon etwas langsamer drehten. Aber selbst wenn das Windangebot intermittent ist, durch ein intelligentes Netzmanagement aller dreizehn angetretenen Windräder waren sie von Beginn an absolut grundlastfähig. Nachdem die Tulpen zunächst etwas mehr Druck aufbauen konnten, bekamen die Dynamos nach zehn Minuten die Böe in den Griff und fingen mit ihren fünf Mittelfeld-Turbinen und deren sich extrem schnellen und weit ausgreifenden Rotorblättern bald jeden Tulpen-Angriff ab. Quasi mit ihrer ersten halbwegs nennenswerten Chance – einem Sonntagsschuss von der Strafraumgrenze – gingen sie dann auch konsequent in Führung. 1:0

Auch wenn die Tulpen in der Folge durchaus zu Chancen kamen, blieb ihnen zunehmend die Luft weg. Zweimal konnte Markus Kurdziel den Ball alleine vor dem Torwart nicht in die Maschen versenken, einmal kam Sturmspitze Toffi einen Tick im Laufduell zu spät, einmal blieb Spielertrainer Wienges nachdem er "Windpaule Beinlich" und den baumlangen Libero der Dynamos schon ins Leere laufen gelassen hatte am letzten Verteidiger hängen und einmal kam er zwar nach einer Ecke zum Kopfball, konnte aber weder den noch den zweiten Kopfball-Versuch zwingend Richtung Tor bringen. Einen wirklichen Sturm konnten die Grünen nicht entfachen und so drehten die Windräder souverän ihre Runden und standen folgerichtig einfach mehr unter Strom.

In der Pause nahmen die Tulpen sich noch einmal einiges vor. Monopole auf Ballbesitz wollen die Grünen am liberalisierten Strommarkt von Anfang an verhindern. Doch während einem Tor nach einer Ecke durch "Windpaule" noch die Anerkennung verweigert wurde, weil Keeper Meuschke in seinem Fünfmeterraum angegangen wurde, war er kurz darauf nach einem schönen Pass in den Strafraum nicht schnell genug draußen und musste sich den Ball über den Scheitel in die Maschen lupfen lassen. 2:0. Als wiederum nur wenig später auch der Tulpen-Außenverteidiger sich von den schnellen Flügelspielern überfordert zeigte, von denen das jüngste Modell – die neue Windrad-Generation mit noch höherem Wirkungsgrad – den Ball aus bemerkenswert spitzem Winkel in den langen Pfosten knallte, war das Spiel praktisch entschieden. Symptomatisch an dieser Szene: Die Erneuerbaren lassen sich nicht einfach an den Rand drängen, sondern können selbst aus unmöglichen Bedingungen noch erfolgreich sein. Dafür sorgen die Grünen schon.

Nun drohten die Tulpen sich aufzugeben. Christian Griebenow leistete sich einen seiner fast schon obligatorischen Querpässe vor dem Sechzehner in den Fuß des Gegners, der mit zwei schnellen Pässen wunderschön das 4:0 herausspielte. Doch da entfachte Käptn Toffi noch einmal einen Sturm unter den Tulpen und appellierte an das Grüne Ehrgefühl. Und wie das manchmal so ist: Plötzlich war Flaute und die Windräder zollten ihrem hohen Tempo Tribut. Spielertrainer Wienges gelang es nun plötzlich zunehmend die starken Dynamos im Mittelfeld zu kontrollieren und diagonale Pässe auf die Mitspieler zu spielen, wo plötzlich Räume waren. Ein solcher Ball wandert von rechts nach links, erreicht Stefan Bauer, der an der Strafraumgrenze den Ball führt, von Wienges geschickt freigeblockt wird und einen schönen Schlenzer über den Torwart unter die Latte setzt. 1:4

Das Tulpen-Spiel läuft nun, die Dynamos haben ihre Rotorblätter in den Wind gestellt. Der von ihnen produzierte Strom wird ohnehin kaum noch von den Netzbetreibern im Mittelfeld abgenommen. Kurz darauf ist wieder Bauer auf links bis an die Grundlinie durch und schiebt den Ball lässig zum 2:4 ein. Sollte da noch etwas gehen?

Ein Fernschuss von Wienges rauscht letztlich ungefährlich am Winkel vorbei, Manu Sharma kann zweimal seine Schnelligkeit nicht gegen seinen Gegenspieler zum Torabschluss nutzen, ein weiterer Lauf von Wienges bis zur Grundlinie führt nur zu einer kopflosen Hereingabe in die Füße des Liberos, ein Freistoß von Tresfore Dambe rutscht dem Keeper durch die Hände, prallt aber von seinem Schienbein zur Seite weg.

Und dann geht plötzlich das Licht aus. Atommeiler produzieren eben alles andere als verlässlich Strom, und wenn dann auch de Windräder noch still stehen, gehen in Deutschland die Lichter aus. Da waren noch knapp 5 Minuten zu spielen, aber irgendwie war es zu spät und zu dunkel für zwei weitere Tore.  Abpfiff und Windstille.

Die Dynamos aus Kassel gewinnen insgesamt völlig verdient in einem schönen Spiel mit einigen Spitzenlasten klar mit 4:2. Die Grüne Tulpe - dass zeigte sich an diesem Abend deutlich- muss ihren Dynamo nach der Sommerpause erst wieder richtig in Gang bringen. Das 2:4 beendete die tolle grüne Serie von 13 Spielen in Folge ohne Niederlage und so waren am Ende einige Tulpen doppelt geschafft.

PS: Ein Höhepunkt folgte dann aber doch noch, allerdings in der Kabine, als Sebastian Wienges zur Geburt seiner Tochter – in der Sommerpause, um den Spielbetrieb nicht zu stören – für die ein passendes Tulpentrikot mit der Nummer 10 überreicht bekam. Das wichtigste Trikot an diesem Abend kam eben doch genau zur rechten Zeit.